Zentralrat der Juden fordert Abberufung von Rabbiner Walter Homolka

Die unabhängige Untersuchung einer Rechtsanwaltskanzlei bestätigt laut dem Zentralrat die Vorwürfe gegen den Direktor der Rabbiner-Ausbildung in Potsdam.

Rabbiner Walter Homolka, damaliger Rektor des Abraham Geiger Kollegs im Jahr 2016.
Rabbiner Walter Homolka, damaliger Rektor des Abraham Geiger Kollegs im Jahr 2016.dpa

In einer gemeinsamen Erklärung fordern der Zentralrat der Juden in Deutschland, das Bundesinnenministerium und das Wissenschaftsministerium des Landes Brandenburg einen Neuanfang am Rabbiner-Seminar der progressiven Juden Deutschlands, dem Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam. Laut einer Untersuchung der Kanzlei Gercke Wollschläger sollen sich die Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen den Gründer und Leiter des Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, sowie die Vorwürfe der Verbreitung pornografischer Inhalte durch den Ehemann von Homolka und der Diskriminierung bestätigt haben.

Die Kanzlei legte am Mittwoch ein „Executive Summary“ vor, wonach Homolka in mehreren Fällen des Machtmissbrauchs beschuldigt wird. Nach Auffassung der Gutachter ist bei mehreren Delikten, unter anderem Nötigung und Vorteilsannahme, mindestens der Anfangsverdacht einer Straftat gegeben.

Homolka selbst bestreitet seit geraumer Zeit sämtliche Vorwürfe und erklärte im Vorfeld der Untersuchung, dass der Zentralrat gar keine Zuständigkeit habe, gegen ihn Untersuchungen durchzuführen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte dagegen: „Ein Verbleib von Professor Homolka in seinen bisherigen Ämtern ist mit diesem Ergebnis nicht mehr denkbar. Das in der Zusammenfassung dargestellte persönliche Fehlverhalten von Rabbiner Homolka, die von ihm angehäuften Ämter und die Schaffung von Abhängigkeiten haben im Zusammenspiel mit strukturellen Ursachen ein Umfeld geschaffen, das den hohen moralischen und ethischen Standards einer Rabbinerausbildung nicht gerecht wird.“

Die Ministerien und der Zentralrat erklärten gemeinsam, vor dem Hintergrund der zutage getretenen Missstände müsse „es rasch einen klaren Schnitt zu der bisherigen Struktur und einen umfassenden Neuanfang geben. Die Vorschläge, die bislang am Abraham-Geiger-Kolleg erarbeitet wurden, entsprechen diesem Erfordernis nicht.“ Zugleich verknüpfen die drei Geldgeber des Kollegs ihre finanziellen Zuwendungen an die Ablöse von Homolka. Sie schreiben: „Die drei Zuwendungsgeber werden die Finanzierung des Abraham-Geiger-Kollegs so lange im bisherigen Umfang fortsetzen, bis der strukturelle Neuanfang vollzogen ist.“ Der Neuanfang dürfe nicht zulasten der Studierenden und Beschäftigten am Abraham-Geiger-Kolleg gehen, die für die Missstände nicht verantwortlich sind.

Homolka hatte zuvor angekündigt, sich aus der Leitung des Kollegs zurückzuziehen. Er mache den Weg frei für eine Umgestaltung der Rabbinerausbildung, die Leitung gehe in neue Hände über, sagte Homolka laut einer Mitteilung des Abraham Geiger Kollegs vom Montagabend. Die liberale Rabbinerausbildung soll neu strukturiert werden und in eine Stiftung übergehen.  Auch will Homolka nicht mehr bei den Vorstandswahlen der Union progressiver Juden antreten. Ob er allerdings auch seine akademische Position behalten kann, ist unklar: Homolka ist Professor für Jüdische Religionsphilosophie und geschäftsführender Direktor der School of Jewish Theology der Universität Potsdam. „Ich sehe meinen künftigen Tätigkeitsschwerpunkt in der wissenschaftlichen Forschung und als Professor der Universität Potsdam. Der Stiftung werde ich aber nicht angehören. Die Leitung der Rabbinerausbildung geht 2023 in neue Hände über“, sagte Homolka in der Mitteilung. 

Homolka hatte sich vor knapp 20 Jahren für die finanzielle Unterstützung der Union progressiver Juden durch den Zentralrat eingesetzt. Er sagte in einem Interview kürzlich, an ihm sei Rufmord begangen und es sei ihm „angekreidet“ worden, dass er „Konvertit“ sei. Homolka arbeitete vor seiner Karriere als Rabbiner bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, bei Bertelsmann, Greenpeace, der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für internationalen Dialog und der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank.