Es sind dann mehr als 5000 Demonstranten, die sich am Sonntag an dieser Kunstaktion beteiligt haben. Unter dem Motto „Die Toten kommen“ wollten die Aktivisten des Künstlerkollektivs „Zentrum für politische Schönheit“ den Platz vor dem Kanzleramt zum Mahnmal für den unbekannten Flüchtling machen, zu einem Gräberfeld für die „Opfer der politischen Abriegelung Europas“. Ursprünglich sollte ein Bagger ein Loch graben, damit dort symbolisch ein Sarg beigesetzt wird.

„Wir wollen ein Ende der Anti-Flüchtlingspolitik der EU“, sagt Aktionssprecher Justus Lenz. „Wir wollen ein Ende des Sterbens im Mittelmeer.“ Deshalb die Aktion. Doch die Särge wurden verboten, genau wie Bagger und das Ausheben von Gräbern. „Wir sehen die Verbote als schweren Eingriff in die Freiheit der Kunst“, sagt er. Das Gesundheitsamt soll sogar alle sargähnlichen Gegenstände durchleuchtet haben.

Die Demonstranten tragen T-Shirts mit Aufschriften wie: „Wir sind alle Ausländer – fast überall“, oder Plakate: „Täter im Kanzleramt“, haben Holzkreuze dabei oder Schaufeln und Blumen.
Vor diesem Marsch der Entschlossenen zum Kanzleramt hatten die Künstler im Internet einen Film veröffentlich, der zeigt, wie sie angeblich zehn an den EU-Außengrenzen gestorbene Flüchtlinge im Beisein von Geistlichen aus Massengräbern holen, mit Zustimmung der Angehörigen exhumieren, um sie nach Berlin zu bringen. Eine Leichenüberführung mit allen Papieren koste 14.900 Euro, am Sonntag waren fast 53.000 Euro gesammelt.

Der 26-jährigen Politikstudentin Manuela ist es egal, ob tatsächlich Leichen ausgegraben wurden. „Ich finde es gut, wenn versucht wird, Kunst, Politik und Realität zu verbinden.“ Natürlich könnte eine Aktion mit Leichen auch geschmacklos sein. „Aber hier geht es um das Spiel mit der Realität und das ist viel besser als die Massengräber der EU.“ Da jeder etwas mitbringen sollte, hat sie Blumen gepflückt. „Das ist das harmloseste und schönste Zeichen des Protestes.“

Mehrere Festnahmen

Auf der Wiese vor dem Kanzleramt sitzt ein Pärchen und bastelt aus Ästen Hunderte kleinen Holzkreuze. Auf der Straße stehen zwei weiße Särge übereinander, dahinter ein Bauschild: „Hier baut die EU eine Friedhofsanlage für den unbekannten Einwanderer.“ Einer der Organisatoren beendet die Demonstration und ruft: „Es ist so unfassbar toll, dass so viele gekommen sind.“ Anschließend herrscht für eine kurze Weile völlige Stille, dann fallen plötzlich die Bauzäune auf die Wiese und die Masse strömt Richtung Reichstag. Die Polizei rennt hinterher. „Hätten sie unsere Kunst erlaubt, hätte sich alle Wut an unserem Bagger konzentriert und es würde nicht solch Szenen geben“, sagt Veranstaltungsleiter und Theatermacher Philipp Ruch. Auf der Wiese vor dem Reichstag sind nach kurzer Zeit dutzende Löcher gegraben und zu Gräber hergerichtet. Nach Angaben der Polizei kam es zu mehreren Festnahmen. Insgesamt seien 90 Personen zumindest zeitweise in polizeiliche Obhut genommen. Wie viele tatsächlich festgenommen wurden, steht noch nicht fest.
Bereits am Freitag hatten die Aktivsten eine Beerdigung auf einem Friedhof in Schöneberg durchgeführt. „Es waren geschätzt 250 Trauernde und Journalisten dabei“, sagt Justus Lenz. „Angehörigen durften nicht kommen. Die sind zwar in Europa, dürfen aber nicht nach Deutschland einreisen.“

Im Internet tauchen nun erste Fotos von Gräbern in der Stadt auf. Sie zeigen, dass ein Gehwegplatten an einem S-Bahnhof aufgenommen wurden, der Sand zu einem Grabhügel aufgeschüttet wurde, dazu Blumen , Kerzen und ein Kreuz mit der Aufschrift „Freedom“. „Das sind nicht wir“, sagt Lenz. „Die Gräber verselbstständigen sich.“ Die Aktion zeigt also Wirkung, und die Demonstranten teilen die Idee, so Aufmerksamkeit zu erzeugen.