Die wichtigsten Gespräche finden im Fahrstuhl statt. Der Aufzug ist schmal, mit vier Personen steht man schon recht nah beieinander – und spricht. Alles andere wäre bei dieser Nähe unangenehm. „Sind Sie neu?“, werde ich oft gefragt. Und: „Ach, Sie sind die Journalistin, die hier im Haus wohnt?“ Sie kenne da wen mit einer spannenden Lebensgeschichte im achten Stock, sagte eine Nachbarin gestern. Er wüsste da ein interessantes Projekt, das die Leute im Elften betreiben, erzählte ein Bewohner heute.

So laufen die Gespräche oft. Das Zentrum Kreuzberg, es funktioniert über kurze Drähte. Über Hineinstolpern, Weitersagen und Zufälle, aus denen etwas Gemeinsames entsteht. Etliche Initiativen, Projekte, Vereine und Treffs sitzen im Haus oder haben hier ihren Ursprung. Von Nachbarn, mit Nachbarn, für alle – so lautet dabei meist die Devise.

Gerade erst am Sonntag fand in der kleinen Straße, die hinter dem Zentrum Kreuzberg an der Bar Möbel Olfe vorbeiführt, eine Aktion in diesem Sinne statt. Dort initiierte der Verein Kotti Paten zusammen mit der Initiative 50 Shades of Plastic eine Putztour. In kleinen Gruppen sammelten Kinder und Erwachsene mit Greifzangen Müll auf dem Spielplatz und dem verkehrsberuhigten Weg. Das Team, das am meisten aufpickte, bekam einen goldenen Oscar. „Den haben wir gewonnen, oder?“, sagt Anna Raith und blickt lachend zu Ela hinüber.

34 Patenschaften am Kotti

Das achtjährige Mädchen nickt. Sie ist das Patenkind der jungen Frau. Die beiden sind ein Tandem, das der Verein Kotti Paten zusammengebracht hat. 34 solcher Paare aus Ehrenamtlern und Kindern aus dem Kiez haben sich in den Vereinsräumen im Zentrum Kreuzberg gebildet. Anna Raith trifft sich einmal die Woche mit dem Mädchen. Sie unternimmt mit Ela Ausflüge auf den Fernsehturm, backt, geht ins Kino oder Rollschuhfahren auf dem Tempelhofer Feld.

Die 24-Jährige erklärt ihrem Patenkind aber auch, wie Mülltrennung funktioniert oder dass Drogen schlecht für sie sind. Spritzenkappen, Reste von Alufolie zum Erhitzen von Stoff und Kosmetikpads zum Säubern der Einstichstelle gehörten am Sonntag zu den Dingen, die Ela mit ihrer Müllzange am häufigsten aus dem Sand des Spielplatzes griff. Sie sehe die Junkies immer aus ihrem Küchenfenster hinter den Kletterstangen sitzen, sagte eine Nachbarin aus dem achten Stock. Die Müllsammler fanden in einem verbogenen alten Metallkasten außerdem einen Stapel Personalausweise, gesammeltes Diebesgut aus Handtaschen.

Anna Raith spricht viel mit ihrem Patenkind. Sie versucht, die Dinge, die im Kiez des Mädchens passieren, für Ela in einfache Worte zu fassen. „Ich glaube, was ich ihr am meisten geben kann, ist ungeteilte Aufmerksamkeit“, sagt die Patin. „Zuhause bei Ela ist immer viel los. Sie hat drei kleine Geschwister, das jüngste ist noch ein Baby. Auch die Oma wohnt mit in der Dreizimmerwohnung.“ Ela nennt ihre Patin „Abla“, was auf Türkisch große Schwester heißt. Das versteht Anna Raith schon, sie macht gerade einen Türkischkurs. Manchmal hilft Ela ihr bei den Hausaufgaben.

Andersherum unterstützt Anna Raith das Mädchen dabei, seine Talente zu entdecken. „Neulich haben wir ganz lange Tauchen geübt für den Freischwimmer“, erzählt Ela. „Oder wir lesen zusammen, ich liebe lesen. Zuhause habe ich bestimmt hundert Bücher. Oder tausend.“

Von den Dinos bis zum Kotti

Manchmal sitzen Ela und Anna Raith zusammen in der Mittelpunktbibliothek an der Adalbertstraße vor dem Zentrum Kreuzberg. Hier findet jeden Nachmittag eine Hausaufgabenhilfe statt. Sie ist eines von vielen Angeboten für Kinder im Kiez.

Im Kotti Shop, einem Kunst- und Projektraum im Erdgeschoss des Baus, bastelten Kinder einst einen Zeichnetrickfilm zur Geschichte des Orts, von den Dinosauriern bis zum Kotti. „Unsere Wand ist auch cool“, sagt ein Junge auf dem Spielplatz. Dort haben kleine Künstler die Mauer mit knallbunten Monstern bemalt.

Viele einzelne Bewohner erschaffen im Zentrum Kreuzberg immer wieder kleine Dinge, um das Zusammenleben sozialer zu machen. Ob das Nachbarschaftsradio, die Grillfeste des Mieterrats, Deutschkurse für Flüchtlinge, queere Theaterstücke, eine mobile Sozialberatung oder ein Kiezspaziergang der Gewerbetreibenden – die Bandbreite ist groß.

„Das Zentrum Kreuzberg ist wie ein Schiffswrack, das aber nicht untergegangen ist, sondern im Meer vor sich hin dümpelt“, sagt Dirk Cieslak. Er sitzt in der Sonne vor der Vierten Welt, seinem Theater auf der Galerie. „Dadurch, dass in diesem Gebäude nie irgendwas funktioniert hat, dass hier Leerstand herrschte und Verfall, dass die Stadt lange weggeguckt hat, haben sich die Menschen hier selbst ermächtigt. Sie haben halt einfach aus dem Haus gemacht, wonach ihnen der Sinn stand.“

Protest verbindet

Das Zentrum Kreuzberg, es will sich selbst heilen von seinen Krankheiten. Im Mieterrat wünscht man sich, das Gebäude in Zukunft noch mehr eigenmächtig verwalten zu dürfen, erzählt eine Nachbarin, die gerade vorbeikommt und dort aktiv ist. Das fange bei kleinen Verschönerungsmaßnahmen wie Blumenkübeln oder Reparaturen an. Dann gehe es aber weiter: „Wir wollen als Mieter in alle wichtigen Entscheidungen einbezogen werden“, sagt die Frau. Man werde die Ideen dem neuen Hauseigentümer, der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, in einem Konzept unterbreiten.

Dass auch Protest verbinden kann, erlebten viele Nachbarn in den letzen Monaten, als der Verkauf des Zentrums Kreuzberg an einen privaten Investor drohte. Ein junges Mädchen erzählt in der Schlange beim Kaffeeladen, sie habe immer die Aushänge und Briefe vom Mieterrat für die Türken im Haus übersetzt. „Die klingelten bei uns und fragten, was das jetzt heißt“, sagt sie. Immer noch schwirrten Gerüchte durch den Bau, der Verkauf sei noch nicht besiegelt, es gäbe Komplikationen. „Quatsch“, antworte sie dann. Aber der Flurfunk sei eben hartnäckig.

Dirk Cieslak schaut hinüber zu den Fernsehleuten vom ZDF, die auf der Galerie das Polizeirevier der Serie „Der Kriminalist“ nachgebaut haben und gerade drehen. „Natürlich machen wir hier auch nicht ständig alle alles zusammen“, sagt er. „Im Gegenteil: Jeder macht seins. Es gibt hier ganz viele Parallelwelten: Alte, Junge, Deutsche, Türken, Akademiker, Hartz-IV-Empfänger, Religiöse, Atheisten, Linke, Konservative. Aber warum sollte das etwas Schlechtes sein?“ Jeder freue sich, dass der andere da ist, alle Türen stünden offen. Und manchmal, da treffe man sich halt. Zufällig, ohne Druck. Vor der Haustür oder im Fahrstuhl. Und rede.