Wissenschaftler über Aquadom: „Wir gingen davon aus, dass sie sicher sind“

Noch ist der Grund für das Unglück unklar. Der Berliner Forscher Werner Kloas spricht darüber, ob solche Riesenaquarien auch gut sind für die Artenvielfalt.

Juni 2022: Der Aquadom im Sea Life Berlin eröffnet nach Sanierungsarbeiten wieder.
Juni 2022: Der Aquadom im Sea Life Berlin eröffnet nach Sanierungsarbeiten wieder.dpa/Annette Riedl

Eine der großen Touristenattraktionen im Herzen Berlins ist am Freitag geplatzt: der 2003 eröffnete Aquadom. Ein Riss zerstörte das Riesenaquarium mit 2000 Tonnen Wasser und 1500 Fischen. Die Ursache ist noch immer völlig unklar. Die Tiere starben sehr schnell. Nur 630 Fische aus anderen unterirdischen Becken wurden gerettet. Professor Werner Kloas vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei spricht über die Spekulationen zur Ursache und darüber, ob solche Aquarien nur Touristenattraktionen sind oder auch für den Erhalt der Artenvielfalt sinnvoll.

Herr Kloas, haben Sie viele Anrufe von Fachkollegen aus aller Welt bekommen, die fragten: Was ist denn da bei euch in Berlin los?

Es war eher so, dass ich die Kollegen über den Vorfall informieren wollte, egal ob im Institut oder anderswo, und alle sagten: Das habe ich auch gerade gehört.

Was haben Sie damals, als das größte stehende zylinderförmige Aquarium der Welt in Berlin eröffnet wurde, gedacht? Tolle technische Leistung oder: Ob das wohl gut geht?

Ich dachte: tolle technische Leistung. Wir haben alle damals beobachtet, was dort gebaut wurde: Da kamen Spezialfirmen aus Amerika, da wurden die Einzelteile zusammengefügt, dann wurde der Zylinder in das Gebäude gehoben. Wie sich das alles darstellte, sah das nach einer hervorragenden technischen Leistung aus.

Werner Kloas, 63, geboren in Karlsruhe, lebt seit 1999 in Berlin. Er studierte Biologie und Sport auf Lehramt und ging dann in die Wissenschaft. Heute ist er Professor für Endokrinologie (also für Hormonsysteme bei Fischen) an der Humboldt-Uni. Im Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) leitet er die Abteilung Biologie der Fische, Fischerei und Aquakultur.
Werner Kloas, 63, geboren in Karlsruhe, lebt seit 1999 in Berlin. Er studierte Biologie und Sport auf Lehramt und ging dann in die Wissenschaft. Heute ist er Professor für Endokrinologie (also für Hormonsysteme bei Fischen) an der Humboldt-Uni. Im Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) leitet er die Abteilung Biologie der Fische, Fischerei und Aquakultur.IGB/Andy Küchenmeister

In der DIN-Norm muss ein Dübel, wenn er zehn Kilo Gewicht halten soll, für ein Vielfaches konzipiert sein, damit er den Sicherheitsansprüchen genügt. Das ist doch sicher auch bei Aquarien so, oder?

Da bin ich zu wenig Ingenieur, um die genauen Daten zu kennen. Aber üblicherweise ist immer ein Vielfaches des Erwartbaren in der Sicherheitsmarge. Deshalb kam dieses Unglück auf jeden Fall überraschend. Ich kenne auch niemanden aus Fachkreisen, der Zweifel geäußert hat. Wir klagen in Deutschland sonst doch immer über zu viele Auflagen und zu viel Bürokratie. Solche Anlagen werden vom TÜV überprüft, deshalb gingen wir auch davon aus, dass sie sicher sind.

Nun gibt es die wildesten Spekulationen: War es ein Haarriss im 16 Meter hohen Aquadom? Das Acryl ist zwar 20 Zentimeter dick, aber es ist ein Material, das angeblich nicht so gut altert. Vom sogenannten Temperaturzwang ist die Rede, also von Unterschied zwischen der großen Kälte in Berlin und dem warmen Wasser im Becken. Schuld könnten auch die vielen Baustellen sein, die dafür gesorgt haben, dass sich der Boden senkt. Welche der Spekulationen können aus fachlicher Sicht ausgeschlossen werden?

Gar nichts kann ausgeschlossen werden. Die typische Antwort ist doch – wenn man keine eindeutige Ursache findet –, dass es mehrere Faktoren gewesen sein könnten. Die Kälte und die Vibration durch Baustellen, es könne zu einer Absenkung gekommen sein, die zu solch heftigen Spannungen am Behälter geführt haben, dass sich Risse bildeten. Es ist oft so, dass es keine monokausale Begründung gibt, sondern ein Zusammenspiel unglücklicher Umstände.

Haben Sie sich den Aquadom auch mal angeschaut?

Ich war privat da und auch mal mit Studenten, und wir haben am Institut eine Studie mit dem Betreiber gemacht. Es ging um die Frage, ob das Blitzlichtgewitter der Besucher bei den Fischen Stress auslöst. Die Annahme war, dass das der Fall ist, aber die Studie zeigte, dass die Fische zwar etwas mehr abgelenkt werden, aber es hat sich nicht bewahrheitet, dass es richtiger Stress ist.

Anfangs waren solche Orte reine Touristenattraktionen, später verkauften sie ihre teuren Tickets auch immer mit dem Engagement für die Tierwelt. Wie sehen Sie solche Einrichtungen generell?

Ich denke, dass eine solche Einrichtung natürlich erst einmal ein Hingucker ist. Wenn sie fachlich gut betreut wird – und das war dort schon der Fall –, kann der Bevölkerung auf anschauliche Art gezeigt werden, was unter Wasser so alles an Leben vorhanden ist, welche Fischarten es gibt und dass die Unterwasserwelt von Umweltfaktoren und dem Klimawandel bedroht ist. Und vor allem dass die Unterwasserwelt es wert ist, erhalten zu werden.

Im Aquadom lebten 1500 Fische, auch seltene Tierarten waren dabei.
Im Aquadom lebten 1500 Fische, auch seltene Tierarten waren dabei.imago

Zoos sind auch umstritten. Aber auch dort gibt es Verteidiger, die sagen: Löwen laufen in freier Wildbahn nur deshalb Dutzende Kilometer, weil sie kein Futter finden. Aber in Zoos haben sie, was sie suchen: Ausreichend Futter, Ruhe und einen sicheren Platz vor Feinden und sie werden nicht erlegt. Haben Großaquarien auch einen Nutzen für die Erhaltung der Artenvielfalt?

Sofern Nachwuchs generiert wird, auf jeden Fall. Oft muss unterschieden werden zwischen Schauaquarien und den Aquarien hinter den Besucherbereichen, in denen auch Arten nachgezogen werden. Auch das Aquarium am Zoo ist bekannt für die Nachzucht bestimmter seltener Arten. Heute kommen die Fische für Aquarien meist aus Zuchtprogrammen, damit keine wilden Tiere mehr gefangen werden müssen. Früher dienten Zoos vor allem der Zurschaustellung wilder Tiere, und es war meist egal, ob es den Tieren gut geht. Das hat sich geändert, fast alle dieser Einrichtungen sind in Artenschutzprogramme involviert. Da gab es ein gewaltiges positives Umdenken.

Wissen Sie, ob nun auch andere ähnliche Objekte in aller Welt überwacht oder gar geschlossen wurden?

Gehört habe ich noch nichts davon.

Sollte das Riesenaquarium wieder aufgebaut werden?

Da bin ich skeptisch. Das Ganze war eine irre Investition. Wenn niemand die Ursache für das Platzen des Aquariums hundertprozentig ermitteln kann, ist es sehr fraglich, ob sich noch mal ein Investor findet. Denn er kann nicht wissen, ob sich die Besucher dann wieder dorthin trauen.

Zwei Mitarbeiter des Berliner Zoos lassen einen Koi in ein Becken. Drei Kois wurden nach dem Platzen des Aquadoms in den Zoo gebracht.
Zwei Mitarbeiter des Berliner Zoos lassen einen Koi in ein Becken. Drei Kois wurden nach dem Platzen des Aquadoms in den Zoo gebracht.Zoo Berlin

Was forschen Sie eigentlich?

Bei unseren Forschungen geht es um die Nachhaltigkeit von Aquakulturen. Stichwort Tomatenfisch, also eine Kombination von Aquakultur und Hydroponik. Das heißt: Es gibt einerseits Fische im Wasser, die gefüttert werden und die dann Nährstoffe ins Wasser abgeben. Und mit diesem nährstoffreichen Wasser werden dann die Pflanzen gegossen. Und wir forschen auch zu Fragen des Fischwohls: Was löst Stress bei Fischen aus und wie lässt sich das vermeiden?

Im Aquadom waren 2000 Kubikmeter Wasser, wie viel ist es bei Ihrem größten Aquarium?

30 Kubikmeter. Wir haben übrigens eine ständige Onlineüberwachung des Wassers: Temperatur, Sauerstoff, CO₂-Druck, die Leitfähigkeit, der pH-Wert. Das sind wichtige Wasserparameter, die zeigen, ob es den Fischen gut geht. Auch der Druck der Pumpen wird ständig geprüft. Wenn das Aquarium reißen würde, würden sich die Werte auch deutlich ändern und es würde Alarm ausgelöst.

Das Interview führte Jens Blankennagel.


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