Es regnet an diesem Morgen, es ist windig und kalt. Vor dem Tempodrom in Kreuzberg ist in 13 Meter Höhe ein Seil gespannt, worauf der Schweizer Freddy Nock gleich laufen soll und Fahrrad fahren ebenfalls. Man kann Nock aber auch den schnellsten Seilläufer der Welt nennen. Oder Halter von 22 Weltrekorden, 7 davon eingetragen im Guinnessbuch der Rekorde. Einer kam zustande, als er ungesichert auf einem Seil der Gondel die Zugspitze hinaufspazierte. In 150 Meter Höhe, über 995 Meter Länge, 3 000 Meter über dem Meeresspiegel. Schrecken so jemanden da knapp 10 Meter vor dem Zirkuszelt bei Regen?

„Ich war schon bei schlimmerem Wetter auf dem Seil“, sagt Nock. „Bei 60 Stundenkilometern Windstärke und Schneetreiben. Dagegen ist ein kleiner Regen nichts. Der Tod ist immer dabei. Aber Angst macht mir das nicht.“ Der drahtige Mann, der an diesem Morgen in einem Lederanzug im Look der Schweizer Nationalflagge einen Pressetermin absolviert, ist das Highlight des diesjährigen Roncalli Weihnachtscircus. Zum 13. Mal gastiert dieser mit seiner Show vom 17. Dezember an in der Stadt. Gleichzeitig feiert Roncalli, der für seine Sinnlichkeit, Magie und Weltklasseartistik bekannte Zirkus, seinen 40. Geburtstag.

Berlin die deutsche Zirkushauptstadt

Warum gastiert Roncalli zu Weihnachten immer in Berlin, möchte man vom Zirkusdirektor Bernhard Paul wissen. „Berlin ist die deutsche Zirkushauptstadt“, antwortet er. „Es gab früher Zirkus Renz, Circus Schumann, Circus Busch. Da gab es Kaiserlogen, und dorthin ging der Kaiser zu Weihnachten. Davon gibt es tolle alte Kupferstiche. Aber im Zweiten Weltkrieg ist viel weggebrochen. Den Circus von Paula Busch haben die Nazis abgerissen.“ Später habe es „Menschen, Tiere, Sensationen“ in der Deutschlandhalle gegeben, „dann wurde auch die abgerissen. Und danach kam das Tempodrom. Das einzige betonierte Zirkuszelt Deutschlands neben dem Zirkus Krone in München.“

Nun möchte der Zirkusdirektor aber endlich sein Programm vorstellen, in dem „wie immer die Crème de la Crème der Artisten“ präsentiert würde. Paul sitzt mittlerweile, ganz in schwarz und mit dem etwas raubeinigen Charme eines Kater Carlo, in der Manege, neben ihm die Castingdirektorin Doro Kipp im knallroten Hosenanzug, „unser Trüffelschwein. Sie reist durch die ganze Welt und spürt Ausnahmeartisten auf.“

Da wäre zum Beispiel der Ukrainer Housch-ma-Housch, „ein Clown der Extraklasse. So einer wie Charlie Chaplin. Den verstehen Kinder, Erwachsene und Intellektuelle.“ Und die „unglaubliche Schockiernummer“ von vier Russen, die spektakuläre Aktionen am Reck darböten. „Übrigens ist es am schwierigsten von allem, mit den russischen Artisten Verträge zu machen, denn man hat es immer mit dem Staatszirkus zu tun“, erzählt Paul. Doro habe mit vier verschiedenen Leuten verhandeln müssen, und jedem musste sie alles wieder ganz von vorne erklären. „Dagegen ist die deutsche Bürokratie logisch und lachhaft.“

Dazu kämen eine Schlangenfrau, die mit den Füßen schießt und ins Schwarze trifft, Pferde aus der Puszta und Ballettmädchen aus England. „Unsere Brexit-Girls“. Paul grinst fröhlich. Bernhard Paul hat zahllose Artisten in seinem Leben gesehen. Gibt es da noch Nummern, bei denen ihm der Atem stockt? „Bei Nock“, sagt er wie aus der Pistole geschossen, und es klingt nicht nach Koketterie. „Ich würde am liebsten mal was machen, wo die Leute nachempfinden könnten, wie es ist, dort oben auf dem Seil zu stehen. Ich war nur auf der Rampe. Dort hat man schon die Hosen voll. Und die Artisten müssen noch aufs Seil und noch Kunststückchen machen. Aber was der Nock macht – ich meine, ich bin ja normalerweise für Nummern zum Hinschauen, aber bei ihm muss man fast wegschauen, weil man beim Hinschauen schweißnasse Hände kriegt.“

Freddy Nock gilt als Extremsportler, seit er zur Zugspitze hochlief. Das war aber erst 2011. Geboren wurde der 52 Jahre alte Hochseilartist in eine Seiltänzerfamilie, die seit 1770 im Geschäft ist. Mit vier begann sein Vater, mit ihm zu trainieren, mit fünf stand er auf dem Seil, mit 11 auf dem Hochseil. Früher war Nock abergläubisch, wie so viele Artisten. Aber das hat er abgeschafft, wie er sagt, er verlässt sich nun auf sich selbst. Doch er glaubt an einen Engel, der ihn beschützt, wenn er ungesichert auf dem Hochseil steht. An irgendetwas muss er sich ja auch festhalten.