Ginge es nach Stephan von Dassel, wäre die Sache längst entschieden: „Dann würde ich sagen, wir lassen den ganzen Quatsch!“ Doch es geht in diesem Falle nicht nach ihm, dem Bezirksbürgermeister von Mitte. Und das ist von Dassels Problem. Und ein Problem, das so typisch ist für Berlin und seine Verwaltung auf zwei Ebenen. Im Senat und im Bezirk. Zwei Seiten, eine klare Hierarchie.

Der Bezirksbürgermeister von Mitte sitzt am Freitagmittag im Besprechungszimmer vom Rathaus Tiergarten am Mathilde-Jacob-Platz, um ihn eine Runde Berliner Journalisten. Von Dassel lädt sie regelmäßig zum Hintergrundgespräch ein, er will über seine Arbeit berichten. Diesmal soll es um die Öffnungszeiten von Spätis gehen und um fair gehandelten Kaffee im Bezirk. Aber das interessiert an diesem Freitag niemanden. Das spürt auch von Dassel. „Okay“, sagt er nach einer Viertelstunde. „Dann reden wir jetzt über das Dau-Projekt.“

Senat reagiert schwer begeistert

Seit ein paar Tagen wird der Bezirksbürgermeister von Mitte ständig danach gefragt, was er denn davon halte. Dau – so heißt das groß angelegte Mitmach-, Film- und Kunstprojekt, das am 12. Oktober in Mitte starten soll: mit einer rekonstruierten Mauer aus 430 Betonteilen in Originalgröße, die von der Spree bis zum Bebelplatz reichen, mit Filmen und Serien, die, wie es heißt, für 700 Stunden reichen, mit Performance und Theater um Mauerbau, Gefangenschaft und Freiheit.

Bis zu 20.000 Besucher können Teil dieser spektakulären Inszenierung werden. Der Senat reagiert schwer begeistert und unterstützt die Initiatoren, gehört Berlin doch mit London und Paris zu den auserwählten Städten des Projektes um den russischen Regisseur Ilya Khrzhanovsky, der das Großprojekt mit den Berliner Festspielen durchführen wird.

Von Dassel, der Verhinderer

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hält Dau für „gut konzipiert und vorbereitet“, Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sieht es als „Mahnwache an die Gegenwart“, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic bezeichnet es als „hypnotisierend, riskant und einzigartig“, und Stephan von Dassel sagt: „Vielleicht ist der Sinn dieser Kunst-Performance: Wie man ein Land wie Berlin mal eben so aufmischen kann. Keine andere Stadt würde sich so zum Affen machen.“

Von Dassel steht im Moment selbst ein bisschen wie ein Affe da, wie einer, der eine große internationale Kunstaktion mit Weltruf in der Hauptstadt verhindern will, weil er nicht an ein Wunder in seiner Bezirksverwaltung glaubt, so ein Großprojekt mal eben in ein paar Wochen zu genehmigen. Von Dassel, der Verhinderer.

Nach Babelsberg verlegen

Er hat gesagt, er würde das Dau-Projekt gern nach Babelsberg verlegen, in den Filmpark, dort wäre es doch schnell zu genehmigen gewesen. Aber doch nicht in Berlin!, schimpft von Dassel. In einem dicht besiedelten Gebiet wie Mitte müsse jeder Zentimeter, der bespielt werden soll, genau geprüft werden. Darf man dort tonnenschwere Betonteile aufstellen? Hält das Straßenpflaster? Liegt dort eine Gasleitung unter dem Pflaster? Wie werden Anwohner vor Lärm geschützt, wenn Tieflader Tag und Nacht die schweren Betonteile anliefern?

„Seriös lässt sich so etwas nicht in wenigen Tagen prüfen“, sagt von Dassel. Und er hat eine grundsätzliche Frage: Gibt es ein hinreichend großes Interesse der Öffentlichkeit, der Stadt eine so große öffentlich genutzte Fläche in der Innenstadt zu entziehen, damit dort eine geschlossene private Veranstaltung stattfinden kann? Ein Zwei-Stunden-Ticket kostet 15 Euro, ein Tagesvisum 25.

Abgespeckte Variante des ursprünglichen Plans

Nachdem von Dassel in den vergangenen Tagen deutlich gemacht hatte, dass es seine Mitarbeiter im Bezirksamt womöglich nicht schaffen könnten, den Antrag für das Dau-Projekt, der am 13. August eingereicht worden war, bis Ende September zu prüfen und zu genehmigen, haben die Veranstalter am vergangenen Mittwochnachmittag einen neuen Antrag im Bezirksamt abgegeben.

Es ist eine abgespeckte Variante des ursprünglichen Plans. Die Länge der Mauer ist nun nicht mehr etwa einen Kilometer lang und das eingemauerte Areal ist kleiner. Die Staatsoper gehört nun nicht mehr zum bespielten Mauergelände, ebensowenig der Bebelplatz, dessen Tiefgarage als Eingang dienen sollte.

Es wird knapp

Das gesamte Bezirksamt Mitte und alle Stadträte sind mittlerweile mit dem Dau-Projekt beschäftigt. Das Straßen- und Grünflächenamt ist beteiligt, die Bauaufsicht, es geht um Brandschutz und Lärm. „Die gesamte Verantwortung wird auf die bezirklichen Behörden verlagert“, sagt von Dassel. Der neue Antrag verringere nicht den Arbeitsaufwand für die Prüfung.

Die Kulturstadträtin von Mitte, Sabine Weißler (Grüne), sagt: „Wir arbeiten mit Hochdruck an dem Zeitplan. Eine Genehmigung ist möglich, aber wir werden auch den Mut haben, das Projekt abzusagen. Und wenn es scheitert, dann nur deshalb, weil es uns reingepresst worden ist.“

Fest steht: Es wird knapp. Erst Ende September steht fest, ob das Projekt genehmigt wird oder nicht. Dann haben die Veranstalter noch zwei Wochen Zeit, ihr Projekt zu errichten. Vonseiten der Organisatoren hieß es am Freitag, die Zeit reiche aus, um das Dau-Projekt bis zur Eröffnung am 12. Oktober vorzubereiten.

Müller ließ sich nicht umstimmen

„Die geschrumpfte Variante ist doch Murks“, sagt von Dassel. Aber er ist nun mal nicht derjenige, dessen Meinung gefragt ist, wenn es um die künstlerische Bewertung des Dau-Projektes geht. Er soll es einfach nur genehmigen.

Vor ein paar Tagen hat von Dassel noch versucht, den Regierenden Bürgermeister umzustimmen. Er wollte ihn überzeugen, das Dau-Projekt ins nächste Jahr zu verschieben. 2019, 30 Jahre Mauerfall und dann eine Kunst-Mauer in Mitte, vor allem genügend Zeit für die Vorbereitung. Das hätte doch alles wunderbar zusammengepasst. Von Dassel hatte gute Argumente, aber Michael Müller ließ sich nicht umstimmen. Er hat den Veranstaltern doch schon zugesagt. Nun kann auch von Dassel nicht einfach Nein sagen, obwohl er es sicherlich gern täte. Er gehört zur Berliner Politik und Verwaltung, zur rot-rot-grünen Regierung. Die darf er nicht aufs Spiel setzen.

„Dieses ganze Verfahren ist eine Kraftprobe“

Und tut es dann doch mit spitzen Bemerkungen: Er schimpft über Müller und Lederer, auf den Senat. Wie sie mit seinen Leuten umgehen, den Mitarbeitern der Verwaltung, das ärgert ihn: „Die Kollegen werden verheizt, ihre Arbeit wird nicht respektiert.“ Dazu muss man wissen, dass die Bezirke in Berlin nahezu jedes Großereignis prüfen und genehmigen: die Fanmeile, die Silvesterparty, den Karneval der Kulturen. In Mitte häufen sich die Großereignisse.

Zurzeit sind die Mitarbeiter dort mit dem Marathon am 16. September beschäftigt und mit den mehrtägigen Feierlichkeiten zum Tag der Einheit am 3. Oktober. Berlin hat den Vorsitz im Bundesrat, das Fest am Brandenburger Tor hat bundesweit politische Bedeutung. Von Dassel sagt, nach solchen Ereignissen seien seine Kollegen meist mit den Kräften am Ende, viele nehmen frei, wegen der vielen Überstunden. „Und eine Woche danach sollen wir dann schon wieder das nächste Mammutprojekt steuern?“, fragt er in die Runde. „Dieses ganze Verfahren ist eine Kraftprobe. Ich frage mich nur: Wer hält sie aus? Es ist schon so viel schräg gelaufen.“