Berlin - Farblich passt der neu eingerichtete Ausstellungsraum im Foyer des Antilopenhauses nun gar nicht zum gewohnt warmen Grünton, den sich der Zoologische Garten als Symbolfarbe ausgesucht hat. Mit einem kräftigen Rot sind die Schautafeln mit den erstmals veröffentlichten Dokumente aus dem Archiv des Zoos unterlegt. Ein „kuscheliges Grün“ wäre für diese Ausstellung unpassend gewesen, sagt der Historiker Clemens Maier-Wolthausen.

Der Geschichtsforscher hat sich in den vergangenen Monaten durch das verstaubte Archiv des Zoos gearbeitet und die 172 Jahre alte Geschichte von Deutschlands ältestem Zoo zusammengetragen. „Monarchie, Diktatur, Demokratie“ heißt die neue Dauerausstellung, die Donnerstag eröffnete.

Sie beginnt mit der Gründung des Zoos im Jahr 1844, als das Gelände mit etwa 100 Tierarten noch vor den Toren der Stadt lag. Später entwickelte sich der Zoo zum Treffpunkt des Berliner Bürgertums. Die Besucher trafen sich in den Restaurants und Ballsälen. Wer eine Zoo-Aktie besaß, war gesellschaftlich angesehen und hatte freien Eintritt, ebenso ihre Angehörigen. Etwa ein Drittel der 400 Zoo-Aktien war im Besitz jüdischer Aktionäre. Das ist der nette Teil der Geschichte.

Auf der Jagd mit Göring

Doch in großen Teilen der Ausstellung geht es um die dunklen Kapitel der Zoo-Chronik, um aus heutiger Sicht rassistische Menschenschauen ab 1871, als Männer und Frauen aus afrikanische Kolonialländern neben den Tieren als exotische Wesen zur Schau gestellt wurden. Weiße Aufseher reglementierten und bestraften sie.

Den umfangreichsten Platz widmet die Ausstellung der Zeit des Nationalsozialismus, als sich Lutz Heck – er war von 1932 bis 1945 Zoo-Direktor – als eifriger Nazi, SS- und NSDAP-Mitglied „freundlich an die Macht des Dritten Reiches geschmiegt hat“, wie es der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz nennt. Jüdische Aufsichtsräte, Aktionäre und Besucher wurden während der Nazi-Diktatur ausgegrenzt, missachtet und kalt enteignet, so Benz.

Der Zoo wurde arisiert, sein Direktor pflegte enge Kontakte und Freundschaften zu führenden Nazifunktionären wie Hermann Göring, mit dem er sich zur Jagd verabredete. Heck sprach in einem Interview mit dem Völkischen Beobachter 1934 von seinem Wunschtraum, einem deutschen Zoo. Der Historiker Wolfgang Benz, der als Mitglied eines externen Beirats an der Ausstellung beteiligt war, sagt: „Der Zoo hat Schande über sich gebracht.“

Tafel soll informieren

Dennoch hat es über 70 Jahre gedauert, bis diese Epoche der Zoo-Geschichte in einer Ausstellung für die Besucher thematisiert wird. „Es hat gedauert, wie überall. Es gab Anstöße von außen. Und der Zoo hat reagiert“, sagt Benz.

Vor einem Jahr hatte Zoo-Direktor Andreas Knieriem erstmals über das Projekt berichtet und den Wunsch nach einer schnellen und professionellen Aufarbeitung der Nazi-Geschichte deutlich gemacht. Praktisches Beispiel: An die im Zoo aufgestellten Büste von Lutz Heck, der 1945 geflohen war und 1983 starb, stellte Knieriem eine Tafel, die Besucher darüber informiert, dass sich der frühere Direktor bereitwillig dem Nationalsozialismus angepasst hat, Mitglied der SS und NSDAP war und während seiner Dienstzeit ausländische Zwangsarbeiter ausgebeutet hat. Die Büste komplett zu entfernen, wie es eine linke Gruppe gefordert hatte, lehnte der Aufsichtsrat ab.

Stipendienprogramm mit Israelis

Für die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit während des Nationalsozialismus stellte der Aufsichtsrat 500.000 Euro bereit. Dazu gehört auch ein Stipendien-Programm für 20 junge Wissenschaftler aus Israel, die zu Forschungszwecken für drei bis zwölf Monate nach Berlin kommen.

„Der Zoo stand im Fokus der Politik“

Mit dem Aufbau der Ausstellung wurde der Historiker Clemens Maier-Wolthausen beauftragt. Er sagt, nicht selten seien Bücher über Zoos nach den Ären der Direktoren gegliedert, der Zoo mache da keine Ausnahme. Doch seine Ausstellung sollte eine über die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des Zoos werden. Zoo-Chef Knieriem übergab ihm die Schlüssel zum Archiv und ließ das Forscherteam um Maier-Wolthausen eigenständig und unabhängig arbeiten.

Maier-Wolthausen sagte am Donnerstag, ihm sei beim Studium der historischen Dokumente bewusst geworden, wie eng Zoo und Stadt zusammenhingen. „Was in der Stadt passierte, wirkte sich auch auf den Zoo aus.“ Während der Nazizeit sei der Zoo „vollständig auf der Linie des Regimes gewesen“. Für ihn sei dieses Kapitel „eine Geschichte der Anbiederung“.

Für Zoo-Chef Andreas Knieriem ist die neue Ausstellung ein Ausdruck von „Transparenz und Geschichtsfindung“. „Der Zoo stand im Fokus der Politik. Sie hat sich den Zoo zu eigen gemacht.“ Historiker hätten das bisher ungenutzte und verstaubte Archiv nun gesichtet, wichtige Dokumente bewertet und analysiert. „Ein Zoo ist eben nicht nur ein Zoo“, sagt Knieriem.