Hannover - Es hat etwas vom Treff für eine Klassenfahrt, nur dass die Reisenden am gestrigen Mittwochmorgen keine Schüler sind, sondern die Mitglieder des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses – die Damen und Herren des Geldes in dieser Stadt.

15 Abgeordnete und zwei Staatssekretäre – zumeist in legerer Sommerkleidung – wollen sich angesichts der Aufgaben, vor denen der Tierpark Friedrichsfelde steht, den Erlebniszoo in Hannover anschauen, sie lachen und scherzen beim Einsteigen in den Bus. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht der neue Zoochef Andreas Knieriem, der zu der Arbeitsfahrt eingeladen worden ist. Er trägt ein hellblau-weiß gestreiftes Hemd, beantwortet munter Fragen und spielt am Ende der Fahrt noch den Reiseführer zur Hintertür des Zoos, damit die Abgeordneten nicht von dem Wolkenguss nass werden, der sie seit der Autobahn begleitet.

Die Abgeordneten fahren an Knieriems alte Wirkungsstätte. Er war von 1996 bis 2009 stellvertretender Zoodirektor in der niedersächsischen Hauptstadt. Er arbeitete dort als Kurator, Tierarzt und vor allem als Zoo-Erneuerer. Es war maßgeblich daran beteiligt, einen maroden Zoo in einen prämierten Erlebniszoo umzubauen.

Der begabte Kommunikator nutzt die Chance, den Politikern Lust darauf zu machen, auch für die beiden Berliner Zoos Geld auszugeben. Und zwar mehr als die fünf Millionen Euro, die der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses schon im vergangenen Jahr für die Entwicklung des Tierparks bereitgestellt hat. Freigegeben wird das Geld jedoch erst, wenn Knieriem sein Konzept vorlegt. Das soll noch in diesem Jahr passieren.

In möglichst natürlicher Umgebung

Die Idee zu dieser Reise stammt von den beiden jungen Abgeordneten Sven Heinemann (SPD) und Alexander J. Herrmann (CDU), tierpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Sie sitzen im Bus nebeneinander. Beide erhoffen sich durch die Tour einen Motivationsschub bei ihren Kollegen, auch in den weiteren Jahren die Entwicklung der beiden Berliner Zoos zu unterstützen.

Das Bild, das sich in Hannover zeigt, beeindruckt die Abgeordneten. Der Ausschussvorsitzende Frederic Verrycken, SPD, fasst es am Ende zusammen: „Ein klein bisschen Hannover in Berlin wäre schön.“ Beim Rundgang durch die Anlagen dachte er oft an seine dreijährigen Zwillinge, zum Beispiel, als eine Oma mit Enkelkind einen rosa Pelikan streichelten. Das ist in Hannover erlaubt; die Tiere haben ja die Rückzugsmöglichkeit ins Wasser, wenn sie keine Lust mehr auf Streicheleinheiten haben. Die Erlebniswelten heißen Gorillaberg, Sambesi oder Yukon Bay. Die Tiere werden möglichst in ihrer natürlichen Umgebung gezeigt; den Besucher stören kaum Zäune oder Gräben. Diese sind extrem gut versteckt.

Hinter jeder Wegbiegung ergeben sich neue Blickachsen. Tierpfleger, in jeder Themenwelt anders gekleidet, laden zu öffentlichen Fütterungen ein. Der Zoo ist mit 25 Hektar klein im Vergleich zum Tierpark Friedrichsfelde mit seinen 160 Hektar, aber der Besucher kann in jeder Welt versinken und hat nie Langeweile. Kinder finden vielfältige Spielmöglichkeiten.

Zoo-Geschäftsführer Andreas Casdorff erklärte, man habe sich auch nicht gescheut, die Preise für einen Erwachsenenkarte von ursprünglich 9 Mark auf heute 25 Euro anzuheben, schrittweise mit jeder neuen Anlage, die in Betrieb genommen wurde. Und trotzdem kamen immer mehr Gäste in den Zoo. In Berlin kostet eine Karte 13 Euro. Seit 1994 hat diese Neugestaltung des Zoos 125 Millionen Euro gekostet. Zahlen, von denen das arme Berlin nur träumen kann.

Andreas Knieriem sieht trotzdem große Chancen, denn auch in Hannover ging es damals klein los mit 4,6 Millionen für den Gorillaberg. Er sagt, für Berlin werde er Hannover nicht kopieren, sondern etwas Neues versuchen. „Ein guter Zoo funktioniert wie eine Bühne in der Oper. Die Tiere sind on stage. Die Besucher schauen von vorn. Die Mitarbeiter von hinten. Das alles muss gut zusammen passen.“

In Berlin will er die Pfleger dafür begeistern, sich auch gelegentlich auf die Bühne zu stellen, um die Tiere den Menschen näher zu bringen. Knieriem hat auch nichts gegen Events: „Zu uns soll jeder gern kommen, nicht nur der, der eine 1 in Biologie hatte.“