Zu Besuch im Co-Living-Space Rent24 in Berlin-Schöneberg

Ronald van der Weijden hat einen Albtraum, der für andere Alltag ist. „Jeden Morgen um 9 Uhr in eine Firma zu gehen und mich hinter immer denselben Schreibtisch zu setzen“, sagt er. Stattdessen tourt der 24-Jährige durch Europa und produziert 360-Grad-Videos für Unternehmen.

Zuletzt hat er ein paar Monate in Barcelona gewohnt, davor war er in Izmir. Er zieht Aufträgen hinterher, sucht Kunden dort, wo er leben will, und besitzt kaum mehr als einen Rucksack mit Kleidung, einen Laptop und eine Kamera. Die Welt ist sein Zuhause, könnte man blumig formulieren. Und sein Büro.

Van der Weijden erzählt von seinem Job, als wäre daran nichts Außergewöhnliches, während er sich einen Löffel Spinatnudeln in den Mund schiebt. Mit ihm am Tisch sitzen junge Leute, darunter ein Programmierer aus Süddeutschland und eine Social-Media-Expertin aus Asien. Es gibt Abendessen.

„Community Dinner“, nennt sich das bei Rent24 in der Potsdamer Straße. Auf über 10.000 Quadratmetern hat die Firma in der vierten und fünften Etage des Gebäudes einen Lebens- und Arbeitsraum für digitale Nomaden geschaffen.

Eine kleine Stadt innerhalb eines Gebäudes

Neben einer großen Fläche für Co-Working öffnete im Mai vergangenen Jahres ein sogenannter Co-Living-Space. Es ist eine Mischung aus Hotel und Wohngemeinschaft mit 130 Betten, eine hochpreisige Herberge für die Vagabunden der Neuzeit, die für ein paar Tage, Wochen oder bis zu sechs Monate absteigen.

Eine kleine Stadt innerhalb eines Gebäudes, mit eigenem Fitnessstudio, Kino und Wäscheservice, mit einer vollausgestatteten Küche, einem Caférestaurant und einer Lounge für Partys. Ein Ort wie eine durchgestylte Seifenblase, die die Bewohner kaum noch verlassen müssen.

In Amerika gibt es solche Unterkünfte längst in jeder Großstadt, auch in Berlin und anderen Teilen Deutschlands entstehen immer mehr von ihnen. Allein Rent24 will in diesem Jahr vier weitere Hauptstadt-Standorte eröffnen: in der Karl-Liebknecht-Straße in Mitte, am Olivaer Platz in Wilmersdorf, in der Osloer Straße in Gesundbrunnen und in der Bismarckstraße in Charlottenburg.

Zielgruppe: Gut verdienende Gründer

Das Geschäft ist lukrativ. „Etwa 1500 bis 1700 Euro zahlen Gäste für ihr Bett im Monat“, sagt Rent24-Gründer Robert Bukvic. Andere Anbieter wie Happy Pigeons oder Quarters verfügen zwar nicht über Boxspringbetten und Regenduschen, nehmen aber für ein kleines Zimmer in Berlin nur zwischen 500 und 700 Euro. Sie verfolgen ein anderes Modell des Co-Livings.

Während sich luxuriöse Anbieter an gut verdienende Gründer oder Auslandspraktikanten richten, schrumpfen Herbergen mit WG-Charakter die Privatsphäre ihrer Bewohner auf ein Minimum und nutzen so ihre Fläche sehr effektiv.

Der Gemeinschaftsraum in der Potsdamer Straße hat schwarze Wände mit bunten Graffitizeichnungen. Dazu hängen große Glühbirnen an Tampen, eine goldene Ananas steht in einem Regal aus Industrierohren. Lampen sind auf Fotostative montiert und alte Überseekisten wie zufällig in der Ecke platziert. Alles sieht aus wie aus einem hippen Einrichtungskatalog.

Ronald van der Weijden gefällt das. „Ich ziehe das Co-Living einem Hostel vor“, sagt der Niederländer. „Auch, weil ich hier Gleichgesinnte treffe. In einem Hostel falle ich auf, wenn ich am Laptop arbeite. Unter Rucksacktouristen, die für das Abenteuer reisen, bin ich ein Exot, eine Spaßbremse, die keine Partys feiern oder Ausflüge machen will.“ Das macht einsam, selbst wenn ein Traumstrand vor der Tür liegt.

Nahtloser Übergang zwischen Arbeit und Privatem

Beim „Community Dinner“ sprechen die jungen Leute an diesem Abend über ein neues Videospiel und den riesigen Tiergarten, der sie begeistert, aber auch über Finanzierungsrunden und Inkubatoren, die ihnen bei der Existenzgründung helfen. Austausch über Geschäftliches ist wichtig für sie. Vor allem in der Frühphase eines Start-ups profitieren junge Unternehmer von den Erfahrungen der älteren Gründer.

Als das Abendessen vorüber ist, setzt sich Ronald van der Weijden an einen Holztisch und beginnt, an einem Video herumzuschneiden. Es ist 21.30 Uhr. Arbeit und Privates gehen hier nahtlos ineinander über, es gibt keine Grenze dazwischen.

„Meist ist das okay für mich“, sagt van der Weijden. „Nur manchmal, wenn die Arbeit überhandnimmt, fühlt es sich an wie in einem Tunnel.“ Schwierig wird es auch, wenn er jemanden trifft, den er mag, der aber auch Einfluss hat. „Jemand, der ein Freund, aber auch ein potenzieller Investor sein könnte. Es ist nicht ratsam, das zu vermischen.“

Völlige Flexibilität

Studien warnen davor, Beruf und Freizeit zu sehr verschmelzen zu lassen. Die schnelle Firmenmail am Abend, der Anruf vom Auftraggeber um 7 Uhr morgens, die Powerpointpräsentation, die am Wochenende zur Kontrolle im Postfach landet: Ständige Erreichbarkeit kann zu Defiziten bei Schlaf und Erholung führen, selbst wenn sie freiwillig gewählt ist. Experten sprechen vom Work-Life-Blending, einem fließenden Ineinander-Übergehen von Beruf- und Privatleben. Unternehmen werben mit völliger Flexibilität, solange Angestellte ihre Arbeit schaffen.

Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz hält das Konzept für eine Mogelpackung. Er ist emeritierter Professor an der Uni Saarbrücken und hat ein Buch über Work-Life-Blending geschrieben. „Das Ergebnis von völliger Flexibilität ist meist, dass Menschen rund um die Uhr arbeiten. Auftraggeber oder Chefs haben dagegen nur bedingt Verständnis, wenn das Kind ausgerechnet zur Zeit der Konferenz in die Kita gebracht werden muss“, sagt Scholz.

Seinen Studien zufolge wünschen sich vor allem junge Leute, die er mit einem Geburtsjahr nach 1995 zur Generation Z zählt, geregelte Arbeitszeiten und klare Aufgaben. Verlässlichkeit statt Freiraum: Firmen wie IBM oder Yahoo haben das flexible Arbeiten längst wieder abgeschafft.

„An den Wochenenden ist mehr los“

Rund um die Uhr arbeitet aber auch im Gebäude an der Potsdamer Straße niemand. Um 3 Uhr nachts ist Metin Siki an diesem Tag der einzige, der über die Flure schleicht. Der 42-Jährige ist der Portier und sagt, er sehe auf seinen Rundgängen nur selten arbeitende Nachtschwärmer.

Gerade sind nur 28 von 130 Betten belegt, obwohl Geschäftsführer Robert Bukvic beteuert, Rent24 sei fast immer ausgebucht. „An den Wochenenden ist mehr los“, sagt Metin Siki. Denn auch Touristen quartieren sich dann in dem Co-Living-Space ein. Beim Anbieter Booking.com kostet ein Doppelzimmer mit Dusche und Frühstück etwa 100 Euro pro Nacht. Für die Belegungsraten sind die Urlauber freilich ein Segen.

Aber auch Ärger hatten Metin Siki und seine Kollegen nachts schon: Im September beschwerten sich Gäste über Lärm aus den Jugendzentren im Gebäude. Die Polizei rückte mit mehreren Mannschaftswagen an und beendete das Punkkonzert im Erdgeschoss.

Abgrenzung statt sozialer Durchmischung

Die jungen Gründer und die jungen Leute aus dem Kiez – sie verbindet nicht viel. Während die Vernetzung innerhalb der Community als wichtig gilt, hinterlassen die Co-Liver in der rauen Gegend um den Sozialpalast kaum Spuren. „Co-Living zementiert soziale Blasen zu Wohnstrukturen“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich. Das Konzept fördere eher Abgrenzung als soziale Durchmischung.

Statt beim Bäcker am nahen U-Bahnhof Kleistpark, holt Jacqueline Garrett ihr Frühstück an diesem Morgen im hauseigenen Café. Auch hier sind die Wände schwarz und große Glühbirnen werfen sepiafarbenes Licht. Es ist 8 Uhr, Garrett blickt verschlafen unter einer großen Pudelmütze hervor. „Ich finde nicht, dass Rent24 sich abschottet“, sagt die Australierin. Café und Restaurant sind von der Straße aus zugänglich, die Partys in der Lounge steigen aber schon einmal mit einer Gästeliste.

„Wir Co-Living-Bewohner sind ja nicht eingesperrt, sondern bewegen uns völlig frei in der Stadt“, sagt Jacqueline Garrett. „Manchmal sehen wir uns tagelang nicht.“ Es sind nur knapp ein Dutzend Menschen, die in diesen Tagen länger als ein, zwei Wochen in der Potsdamer Straße wohnen. Garett ist eine davon, sie ist drei Monate in Berlin. Die 38-Jährige hat sich in der Spielebranche selbstständig gemacht, in Deutschland nimmt sie an einem Förderprogramm zur Entwicklung von Start-ups teil.

Grafiker, Immobilienmakler, Fensterbauer

Sie fährt ins Büro nach Kreuzberg, um ihre Kollegen zu treffen, so wie jeden Tag. Sie hat gern die anderen Stipendiaten in Rufweite, im Co-Working-Space neben ihrem Schlafzimmer arbeitet sie nur selten.

Dort sitzen gegen 11 Uhr Martin Thiel und Tim Hautkappe vor Monitoren in einem Großraum. Thiel gibt Kundendaten in den Rechner ein, er macht den Vertrieb für die Sportsuchmaschine Eversports. Sein Freund tippt Buchstaben und Zahlen in den HTML-Code einer Website, die er gerade für einen Kunden aufsetzt.

Bis zu sechs Leute passen an einen Tisch, um Thiel und Hautkappe herum werkeln ein Grafiker, ein Immobilienmakler, ein Fensterbauer und ein Werber an ihren Projekten. Es riecht nach Popcorn. Das gibt es in der Sofaecke umsonst.

Gründer unter Druck

„Für Start-ups eignen sich Co-Working-Spaces gut. Sie wissen nicht, wie die nächste Finanzierungsrunde ausgeht oder wie viele Mitarbeiter sie in einem halben Jahr haben werden“, sagt Martin Thiel. „Da macht es keinen Sinn, einen Mietvertrag für Büros über fünf Jahre abzuschließen.“ Der rasante Mietenanstieg übe auf Selbstständige mit schwankenden Einkommen besonders hohen Druck aus.

Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz beobachtet, dass immer mehr mittelgroße Firmen dauerhaft Räume oder ganze Etagen auf Co-Working-Flächen mieten – und dass die Anbieter sie bereitwillig hergeben, weil die Großkunden Einkünfte sichern. „Früher war Co-Working – dem Namen nach – als Zusammenarbeiten gedacht“, sagt Scholz. „Heute gibt es abgeschottete Glaskapseln und Büros mit Firmenschildern an der Tür. Co-Working-Anbieter verkommen zu Bürovermietern. Sie beschäftigen Community-Manager, die mit lustigen Events krampfhaft versuchen, eine Gemeinschaft zu bilden.“

Auch bei Rent24 gibt es eine Community-Managerin. Einige Co-Worker erzählen, dass sie im Großraum immer enger zusammenrutschen müssen. Der Anbieter wolle den fünften Stock vermehrt für Firmenkunden nutzen, die freien Arbeitsplätze würden dort verschwinden.

Noch genießen Thiel und Hautkappe die Gemeinschaft in der Potsdamer Straße. Sie verabreden sich mit Bekannten am Kicker und gehen mittags in der Gruppe essen. Doch wohnen wollen sie auf der anderen Seite des Flures nicht.

Die beiden 27-Jährigen leben in Wohngemeinschaften in Friedrichshain. „Ich bin nur für ein paar Wochen in der Stadt und hatte überlegt, bei Rent24 einzuziehen“, sagt Tim Hautkappe. „Aber es ist teuer und ich genieße es, Leben und Arbeit zu trennen. Man macht die Tür zum Büro zu und hat Freizeit.“

Bald will Tim Hautkappe Berlin verlassen und für ein paar Monate nach Thailand gehen. Er will weiterziehen, weg vom deutschen Winter und hinein in das tropische Paradies. Seinen Job, sagt er, kann er schließlich auch von dort machen.