Anna Alboth hofft, dass es am Mittwoch in Sarajevo wieder so ein Moment werden könnte. Einer von den Augenblicken, für die sich das, was sie seit knapp drei Monaten jeden Tag tut, lohnt. Einer, der das viele Laufen, die Wunden an den Füßen, die Minusgrade und die harten Nachtlager auf Turnhallenfußböden vergessen macht. Einer, der die Zweifler an ihrem Fußmarsch nach Syrien verstummen lässt. Der Anna Alboth Recht gibt.

„Es wäre schön, wenn es einen Gänsehaut-Empfang gibt wie in Prag, wo wir mit 300 Leuten an der John-Lennon-Mauer ’Imagine’ angestimmt haben“, sagt Alboth auf Englisch ins Handy. „Oder wie in Wien, als auf einem zentralen Platz Dutzende Syrer mit Blumen, Kerzen, Keksen und Humus auf uns warteten.“ Gerade ist Alboth in Visoko in Bosnien und Herzegowina, 25 Kilometer sind es von hier noch bis Sarajevo.

Trucks für das Gepäck

Am 26. Dezember startete Anna Alboth zusammen mit einer Gruppe von rund 600 Menschen auf dem Tempelhofer Feld zu ihrem „Civil March for Aleppo“, einen Protestzug für Frieden in Syrien. Die 32-jährige zweifache Mutter durchstreifte Tschechien, Österreich, Slowenien und Kroatien. Die Flüchtlingsroute nach Europa, bloß umgekehrt. Bis nach Syrien will sie gehen, um ein Zeichen zu setzen. Um die Aufmerksamkeit der Welt ein weiteres Mal auf den Krieg dort zu lenken. Mal lief die Gruppe 20 Kilometer am Tag, mal 50. Sie schliefen in Schulen, Kirchen, Moscheen oder Vereinshäusern, fast immer von den Gemeinden gratis zur Verfügung gestellt. Trucks transportieren Gepäck und Verpflegung. Auf Facebook kann man den Marsch verfolgen und jederzeit dazukommen. Täglich gingen Mitstreiter weg, neue schlossen sich an. An diesem Mittwoch erreicht Anna Alboth mit ihrer Gruppe von aktuell rund 30 jungen Leuten aus ganz Europa Sarajevo.

Hier, in dieser im Bosnienkrieg der Neunzigerjahre lange belagerten und zum Sinnbild für die Auseinandersetzung gewordenen Stadt ist am Mittwochnachmittag ein Umzug geplant – mit nackten Füßen. „Wir schmieren uns rote Farbe an die Sohlen und hinterlassen Fußstapfen auf der Straße. Wie Blut, in Gedenken an die Kriegsopfer.“ Hilfe beim Organisieren der Aktion haben sie von zwei bosnischen Musikern. Die Gespräche mit ihnen seien vor allem für die Syrer innerhalb der Protestgruppe besonders, erzählt Alboth. „Die Bosnier wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Krieg das Zuhause zerstört, wenn er Angst verbreitet und Leid. Manche sagen, sie hätten sich damals auch jemanden gewünscht, der für Frieden in ihrem Land gelaufen wäre.“

Streit in der Gruppe

Das Laufen für den Frieden ist nicht immer leicht für Anna Alboth und ihre Mitwanderer. Einige der schlimmsten Tage durchlebten sie unmittelbar nach dem Start, als innerhalb der Gruppe ein Streit losbrach, der sich auch in den Medien niederschlug. Fotos zeigten den Protestzug, über dem die Fahnen der syrischen Rebellen in die Luft ragten – obwohl der Marsch eigentlich keine politische Partei ergreifen wollte. „Wir wurden über die sozialen Medien angefeindet, irgendwo stand auch, es ginge mir bloß um den Ruhm“, erzählt Alboth. Tagelang zankten die Demonstranten, manche wollten Flagge zeigen, Anna Alboth blieb bei ihrer Linie: „Wir sind ein ziviler Friedensmarsch. Wir treffen verschiedene Leute mit verschiedenen Fahnen. Nur die weiße Flagge ist unsere.“ Sie ist seitdem die einzige, die weht.

Diskutiert wird auch heute noch viel während des Spazierens, nun aber im positiven Sinne. „Wir geben jeden Morgen eine Frage des Tages aus: Was bedeutet Frieden? Wer waren die größten Friedensstifter? Im Gespräch darüber lernt sich die oft wechselnde Besetzung kennen.“ Manchmal kommt es dann vor, dass Anna Alboth einen Erfolgsmoment erlebt. Einen ganz kleinen nur, ohne Gänsehaut. „Aber wenn eine 87-Jährige und eine 16-Jährige vor mir laufen und ihre Ansichten austauschen – dann ist es das, was den Marsch ausmacht.“

Die Frage, ob sie sich mehr Mitstreiter gewünscht hätte, ob sie enttäuscht sei, nachdem sie vor dem Start von mehreren tausend Teilnehmern gesprochen hatte, verneint Alboth. Auch, ob sie es wirklich schaffen wird, bis nach Syrien zu laufen oder ob der Gruppe in der Türkei möglicherweise Repressalien drohen, weiß die junge Frau nicht. Für sie wäre der Marsch, würde er heute beendet, dennoch bereits ein Erfolg. „Bisher sind insgesamt etwa 2 600 Menschen mitgelaufen. Eltern kamen, um ihren Kindern zu zeigen, was das Prinzip Hoffnung ist.“ Etwas zu tun gegen das Gefühl von Machtlosigkeit, darum geht es Anna Alboth. Zu demonstrieren, dass man mehr tun kann, als vor dem Fernseher sitzen und bei den Schreckensbildern verzweifeln. „Wir sind vielleicht nicht Tausende“, sagt sie. „Aber ich habe immer noch eine Vision.“