Berlin - Für viele Pendler gehören sie zum Alltag – leider. Auch im vergangenen Jahr legten mehrere Hundert Sperrungen Teile der Berliner Stadtautobahn lahm. Nun hat die Senatsverkehrsverwaltung auf Anfrage der Berliner Zeitung die jüngsten Zahlen vorgelegt. Danach waren Anschlussstellen und Autobahntunnel im Corona-Jahr 2020 seltener von Verkehrsunterbrechungen betroffen als 2019. Doch das muss nicht heißen, dass sich die Lage entspannt hat, hieß es bei Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne).

„Insbesondere im ersten Lockdown war der Verkehr sehr deutlich reduziert“, sagte Sprecher Derk Ehlert. „Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es aber zu einfach, die gesunkenen Zahlen mit den Corona-Maßnahmen zu begründen.“ Ein Beispiel: Die Zufahrt Antonienstraße zum Tegeler Flughafentunnel musste 370 Mal geschlossen werden, im Jahr zuvor war dies 507 Mal der Fall. Dort sei der Verkehr dem Eindruck nach jedoch nicht zurückgegangen, stattdessen verteile er sich nur anders. „Die Verkehrsmengen haben sich zeitlich ausgeweitet“, so formulierte es Ehlert. Gab es früher bis Mittag mehrere Verkehrsspitzen und mehrere Sperrungen, so seien heute weniger, aber dafür teilweise längere Sperrungen nötig, hieß es. Der starke Andrang dauere länger an.

An der Einfahrt, die am Siemensdamm auf die Autobahn A100 in Richtung Süden führt, wurde der Zustrom 390 Mal unterbrochen – im Jahr davor 574 Mal. An der Zufahrt Buschkrugallee leuchteten die Ampeln 190 Mal für länger rot – 2019 insgesamt 246 Mal. Die Zufahrt Britzer Damm, die ebenfalls in den Britzer Tunnel führt, wurde 185 Mal gesperrt – davor 251 Mal. Auch das heißt nicht, dass die Autobahn spürbar leerer war als vor dem Corona-Jahr. „Am Autobahndreieck Neukölln wurde gebaut“, erklärte Ehlert. Darum wurde der Zustrom vor den beiden zuletzt genannten Anschlussstellen dosiert. „Verkehrslenkende Maßnahmen, wie zum Beispiel die Sperrung der Zufahrten Britzer Damm oder Buschkrugallee, waren daher kaum nötig“, so der Sprecher.

Zu Fuß unter dem Tiergarten unterwegs

Im Britzer Tunnel nahm die Zahl der Sperrungen denn auch nur leicht ab: von 90  auf 88. In 45 Fällen war hohes Verkehrsaufkommen der Anlass, im Jahr 2019 in 48 Fällen. Die Zahl der unfallbedingten Sperrungen sank ebenfalls nur geringfügig – von 18 auf 16. Damit hat sich die Lage auf diesem Teil der Stadtautobahn, der für den Pendlerverkehr und normalerweise auch als wichtigste Verbindung zum neuen Schönefelder Flughafen BER wichtig ist, kaum entspannt. Die Doppelröhre unter Neukölln, behördenintern als Tunnel Ortsteil Britz bekannt, ist mit 1,7 Kilometern der längste Autobahntunnel Berlins. Wie für andere Bauwerke dieser Art gelten  strenge Regularien. So muss der Zustrom reguliert oder unterbunden werden, wenn die Zahl der Fahrzeuge zu groß ist.

Etwas stärker war der Rückgang im Tegeler Flughafentunnel: Dort ging die Zahl der Sperrungen einzelner Fahrtrichtungen von 165 auf 79 zurück. In 34 Fällen geschah dies wegen zu starken Verkehrs (2019: 93). Dafür stieg unter dem früheren Airport die Zahl der unfallbedingten Unterbrechungen von neun auf 21, so die jüngsten Daten des Senats.

Der Tiergartentunnel, der nicht zur Stadtautobahn gehört, sondern Teil der Bundesstraße 96 ist, fällt in der Statistik aus der Rolle. Dort stieg die Zahl der Sperrungen von 139 auf 213, hieß es. Ein beachtlicher Anteil, der Senat spricht von rund 40 Prozent, entfiel auf „Revision oder Reinigung“. Ansonsten gelten als häufigste Anlässe: Unfälle, Demos, Baustellen – und Menschen im Tunnel. Schon in den vergangenen Jahren wurde der Tunnel Tiergarten Spreebogen, wie die Verbindung zwischen dem Landwehrkanal offiziell heißt, zuweilen als Alternative zu oberirdischen Wegen genutzt. Doch die Berliner Tunnelleitzentrale hat auch dieses Bauwerk mit Hilfe von Kameras im Blick – und ruft falls nötig die Polizei.

„Auch die neuen Zahlen zeigen, dass die Stadtautobahn an ihrer Kapazitätsgrenze ist“, sagte Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, am Dienstag. „Ein Ausbau des Systems ist nicht möglich, für acht- oder zehnspurige Autobahnen wäre kein Platz“ – und es wäre auch nicht sinnvoll. „Es hilft nichts: Wir müssen den motorisierten Individualverkehr in Berlin verringern. Damit diejenigen, die auf ein Kraftfahrzeug wirklich angewiesen sind, besser vorankommen.“