In Berlin eintreffende Asylbewerber müssen ihre ersten Nächte in der Stadt mittlerweile teils auf der Straße verbringen. Diesen Vorwurf erhebt der Berliner Flüchtlingsrat. Dabei ist das Land Berlin eigentlich verpflichtet, allen Neuankömmlingen eine Schlafgelegenheit zu vermitteln. Das zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) räumt akute Unterbringungsprobleme ein. Deswegen hat das Amt am vergangenen Donnerstag, dem Tag der Deutschen Einheit, ein ehemaliges Seniorenheim in Spandau beschlagnahmt und am Wochenende mit der Belegung begonnen.

Nachts, am Wochenende und an Feiertagen hat die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende des Lageso in der Moabiter Turmstraße geschlossen. Dort eintreffende Neuankömmlinge würden von der Polizei dann in die Erstaufnahmeeinrichtung in der Spandauer Motardstraße gebracht, sagt Martina Mauer, die Sprecherin des Flüchtlingsrates. Auch aus anderen Bundesländern nach Berlin verteilte Asylbewerber, die oft nachts mit dem Zug ankämen, hätten diese Anlaufadresse in der Tasche.

Aber die Unterkünfte in der Motardstraße seien mit über 600 Menschen schon jetzt hoffnungslos überbelegt. „Die Leute werden weggeschickt, weil kein Platz ist“, sagt Marina Mauer. In der Nacht zum vergangenen Mittwoch etwa, zum Feiertag für die Deutsche Einheit, seien mindestens 15 Menschen auf diese Weise gestrandet.

Täglich kommen 50 bis 100 Asylsuchende in Berlin an

Lageso-Sprecherin Silvia Kostner räumt extreme Engpässe in der vergangenen Woche ein. Ihr Amt habe kurzfristig reagiert und nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (Asog) eine leerstehende Senioreneinrichtung in Gatow zum Schutz vor Obdachlosigkeit in Anspruch genommen. Am Wochenende seien die ersten 50 Plätze belegt worden. Etwa 100 weitere stünden dort noch zur Verfügung. In Absprache mit den Bezirken Treptow-Köpenick und Pankow würden zum 1. November und 1. Dezember zudem zwei weitere Unterkünfte mit Platz für über 300 Menschen eröffnet, sagt Kostner.

Nach ihren Angaben kommen derzeit täglich 50 bis 100 Asylsuchende neu in Berlin an. In absoluten Ausnahmefällen würden auch Unterkunftsgutscheine im Wert von 30 Euro vergeben und eine Liste von Hostels, mit denen das Lageso zusammen arbeite. In touristischen Hoch-Zeiten wie dem Berlin-Marathon oder dem verlängerten Feiertagswochenende komme es aber auch dort zu Engpässen. Zum 1. Oktober weist das Lageso in Berlin 6801 Plätze in Flüchtlingsunterkünften aus. Mit 7141 Menschen waren sie bereits überbelegt.

Der Flüchtlingsrat fordert vom Lageso, angesichts der zugespitzten Situation feste Kontingente in Hostels zu buchen. „Ortsunkundige Flüchtlinge sind überfordert, wenn sie selbst nach freien Betten suchen sollen“, sagt Sprecherin Mauer. In Berlin gebe es 126.000 offizielle Gästebetten und 30.000 Betten in Ferienwohnungen.