Brandenburg - Die Zeilen wirken erschütternd in ihrer Schlichtheit. „Heute waren wieder 16 Hinrichtungen. Jeden Montag derselbe unbarmherzige Terror“, schreibt Olav Brennhovd am 26. September 1944 in sein Tagebuch.

Jeden Montag! Noch heute, fast 70 Jahre später, schüttelt es einen beim Lesen dieser Worte.

Olav Brennhovd war ein Insasse im Zuchthaus Brandenburg-Görden zur Zeit des Nationalsozialismus. Es ist ihm gelungen, in dieser Zeit ein geheimes Tagebuch zu führen. Bei seiner Befreiung 1945 nahm er es mit nach Norwegen, in sein Heimatland. Am Montag brachte seine Tochter eine deutsche Übersetzung zurück an diesen Ort – heute eine Gedenkstätte auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Brandenburg.

Die Guillotine ist noch da. In einem ungeheizten Raum steht sie, wie die Worte des Häftlings auch sie erschreckend in ihrer Schlichtheit: ein Holzbrett, auf dem Gefangene festgeschnallt wurden, das Fallbeil, ein Blecheimer, in dem der abgehackte Kopf aufgefangen wurde. Olav Brennhovd hat viele Hinrichtungen mitbekommen. Fast 2 000 Männer sind auf diesem Gerät zwischen 1940 und 1945 geköpft worden. Brennhovd hat dabei zwangsläufig zuhören müssen. Er schreibt darüber in seinem Tagebuch.

Brennhovd war ein evangelischer Pastor. Er engagierte sich in Norwegen im Widerstand, schleuste Juden und andere Verfolgte ins neutrale Schweden. Möglicherweise war auch Willy Brandt dabei. Ob die beiden sich begegnet sind, weiß man allerdings nicht. Ende 1943 ist Brennhovd verhaftet worden, von einem Verräter „an die Deutschen verkauft“, wie er schreibt. Erst zum Tode verurteilt, wurde das Urteil später in eine Zuchthausstrafe umgewandelt. So landete Brennhovd in dem Brandenburger Gefängnis. Ab August 1944 arbeitete er in der Gefängnisbibliothek. Dort führte er sein Tagebuch. Zwischen den Gefängnisbüchern hat er es versteckt.

In weiten Teilen schildert das Buch den Gefängnisalltag. „Als wir zum Mittagessen herunter kamen stand die ganze Zelle Kopf. Bettwäsche von 12 Kojen war kreuz und quer durcheinandergeworfen (...) Ein veritables Schlachtfeld lag vor uns, eine Freude für den ersten Hauptwachtmeister“, heißt es in einem Eintrag vom 23. Oktober 1944. Brennhovd schildert seine Gefühle. Über seine Gedanken schreibt er: „Es ist, als ob sie flüsterten ’Eigentlich möchten wir ganz anders aussehen, aber wir können nicht. Die schwarze Gefängnistracht hat uns auch schwarz und leer gemacht’“.

Das Tagebuch hat einen komplizierten Weg hinter sich. Brennhovd kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, um sich für Frieden und Versöhnung einzusetzen. 1948 gründete er in Göttingen die Gesellschaft Internationaler Studentenfreunde, die dort das Studentenheim Fridtjof-Nansen-Haus betrieb. Dort hat ihn Thelma von Freymann kennengelernt. Ihr gab er die deutsche Übersetzung, die sich nun in der Gedenkstätte befindet.

Am vergangenen Montag war auch die 84-Jährige dort und schilderte, wie sie, die heute in Hildesheim lebt, in Kontakt zu Brennhovds Tochter kam. „Vorletztes Jahr klingelte das Telefon und der Schwiegersohn von Olav war dran“, sagt sie. Tochter Mette und Schwiegersohn Erling Rimehaug kamen zu Besuch und Thelma von Freymann übergab ihnen das Buch. Der Pastor hatte sein Tagebuch ins Deutsche und ins Englische übersetzen lassen, um es zu veröffentlichen. Er habe aber keinen Verlag dafür gefunden, sagt sein Schwiegersohn. Die Familie behielt das Original und entschied, das deutsche Buch an die Gedenkstätte zu geben. „Eine gute Idee, hier ist es ja geschrieben worden“, sagt Thelma von Freymann.

Damit haben sie jedenfalls die Leiterin der Gedenkstätten Brandenburg an der Havel Sylvia de Pasquale glücklich gemacht. Sie werde das Buch erstmal lesen, sagt sie. Dann soll es ausgestellt werden. Sie will ein ehemaliges Direktorenwohnhaus vor der JVA für eine Ausstellung umbauen. Öffentlich zugänglich, nicht wie jetzt, hinter Stacheldraht.