Züge am Ostbahnhof: Kalender zeigt die schönsten Bahnfotos aus Friedrichshain

Burkhard Wollny kann sich gut an seinen ersten Besuch im alten Berliner Ostbahnhof erinnern. „Die Halle war zugig, im Minutentakt fuhren betagte S-Bahnen ein“, erzählt er. „Ich war fasziniert.“ Und er begann zu fotografieren, vor allem die Dampfloks, die damals fast alle Züge zogen. Die Loks fielen schon vor langer Zeit Schneidbrennern zum Opfer, das alte Bahnhofsgebäude wurde abgerissen. Doch die Bilder, die der Fan aus Baden-Württemberg aufnahm, lagern bis heute in Wollnys Archiv. Einige besonders schöne Fotos aus jener Zeit sind im „Friedrichshainer Bahnkalender“ abgedruckt.

Vier Jahrzehnte nach dem ersten Besuch steht der gebürtige Freiburger wieder im Ostbahnhof, wieder hat er eine Kamera dabei. Doch das wichtigste Mitbringsel bei dieser Berlin-Reise ist der „Friedrichshainer Bahnkalender 2016“, den Wollny mit dem SPD-Abgeordneten Sven Heinemann herausgegeben hat. Ihn gibt es für fünf Euro in den Kundenzentren der S-Bahn, alle Einnahmen kommen der Bahnhofsmission im Ostbahnhof zugute.

Die Stasi-Leute kamen ins Grübeln

Ein Foto zeigt eine Dampflok der Baureihe 01, die am Bahnhof Warschauer Straße rangiert. Ein starkes Stück Technik, sagt Wollny. „Diese Loks zogen Schnellzüge.“ Ein anderes Bild zeigt Ost-Berliner Alltag am Ostkreuz, ebenfalls in den 1970er- Jahren. Am Bahnsteig E, der noch sein Kleinpflaster hatte, dampft ein Zug nach Dresden vorbei. Ein Mann steigt eine Treppe hoch, auch sie ist schon vor Langem auf dem Schutt gelandet. Aus, vorbei, Geschichte.

Wollny hat sie konserviert. „In all den Jahren kamen 136.000 Schwarz-Weiß-Fotos und 90.000 Dias zusammen“, erzählt der 65-Jährige, der aus Göppingen nach Berlin gereist ist. Auch 210.000 Digitalaufnahmen befinden sich in seinem Archiv.

Dass ein Bankkaufmann aus Baden-Württemberg in der DDR auf Fototour ging, war ungewöhnlich. Der Osten galt nicht als bevorzugte Reiseregion der Bundesdeutschen. Doch im Südwesten kam der Bahn-Fan nicht mehr auf seine Kosten, dort endete der Dampfbetrieb 1975.

„Mein Vater war Berliner. Also fuhr ich dorthin.“ Wollny war begeistert von der Lok-Vielfalt, die sich ihm bot. Er begann, auch in Brandenburg und Sachsen zu fotografieren – und geriet in das Visier der DDR-Staatssicherheit, Stoff für sein späteres Buch „Geheimsache Reichsbahndampf“.

„Die Stasi-Leute konnten sich keinen Reim darauf machen, was meine Mitstreiter und ich da trieben“, erzählt Wollny. Waren es CIA-Agenten? Führten sie gar Sabotage im Schilde? Oder waren es harmlose Fans? Bis zuletzt schienen sich die Staatsorgane unschlüssig zu sein. Doch immer wieder kam es zum Katz-und-Maus-Spiel, wurden die Fotografen verfolgt. „Die Devise lautete: fotografieren – und weg“, so Wollny. „Ich war mit schnellen Autos in der DDR, Golf GTI oder BMW.“

1980 bekam er eine Einreisesperre. Transitfahrten blieben ihm aber erlaubt, und eine Route führte durch das Dampflok-Reservat Saalfeld – auch gut. Nach dem Ende der DDR besuchte Wollny Stasi-Major Ansorge in Potsdam, dessen Namen er in seiner Akte gefunden hatte. Auch Ansorge konnte ihm nicht erklären, warum sich die Stasi für sie interessierte: „Befehl von oben“.

Burkhard Wollny geht wieder los, auf Fototour. Das macht ihm weiterhin Spaß, sagt er. Doch Berlin habe sich stark verändert. „Es ist dabei, eine ganz normale Bahnstadt zu werden. Vom Ostkreuz ist der Charme verschwunden.“ Wollny ist froh, dass er ihn in seinen alten Fotos festgehalten hat. Für immer.