Berlin - Der Eisenbahner ist außer sich vor Ärger. „Das war absolut blamabel“, sagt er. „Selten habe ich einen Fahrplanwechsel erlebt, der so daneben gegangen ist.“ Am Sonntag wurden nicht einmal 60 Prozent der Fernzugfahrten als pünktlich registriert.

„Da fallen ein paar Schneeflocken, und schon fallen reihenweise Züge aus. Schweizer und Schweden können darüber nur lachen.“ Noch peinlicher findet er die Probleme mit den ICE-Zügen, die über die neue Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und München rasen sollten – aber dann wegen Ausfällen beim Sicherungssystem ETCS umgeleitet wurden und zu spät ans Ziel kamen.

Es ist eine historische Chance. Auf der Tempo-300-Trasse, die für drei Milliarden Euro in Thüringen und Franken entstanden ist, könnte die Bahn zeigen, was sie kann – mit großer Geschwindigkeit ökologisch korrekt viele Menschen befördern.

Doch nicht nur viele Tausend Fahrgäste der Deutschen Bahn (DB), die sich auf den Betriebsstart am zweiten Advent gefreut haben, sind enttäuscht. Auch Eisenbahnern gehen die Ausfälle und Verspätungen, die den Beginn der Fahrplanperiode überschatteten, nahe.

Zug, Strecke und Stellwerke verständigen sich über Datenübertragungsgeräte in den Gleisen

Auch sie hätten sich gewünscht, dass die Bahn ihre Chance genutzt hätte. Stattdessen mussten sie Spott ertragen – über Züge, die liegen blieben, unterwegs umkehren mussten oder am Ziel mit rekordverdächtigen, stundenlangen Verspätungen ankamen.

Ein großer Teil der Probleme auf der neuen Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und München hat mit dem dortigen Zugbeeinflussungssystem zu tun. European Train Control System (ETCS) heißt die Technik, die ohne Signale im bisherigen Sinn auskommt – ohne Masten mit farbigen Lichtern.

Stattdessen verständigen sich Zug, Strecke und Stellwerke mit Hilfe von Datenübertragungsgeräten, die im Gleis angebracht worden sind, und Funk. Zum Betriebsbeginn zeigte sich allerdings, dass einige ICE-Züge mit der installierten Version nicht zurechtkamen.

„Sie vertragen sich mit dem aktuellen ETCS-Level nicht“, erklärt ein anderer Berliner Eisenbahner. Weil die Neubaustrecke, die nun freigegeben worden ist, keine andere Sicherungstechnik hat, mussten betroffene Züge Umwege fahren.

Ein ICE von Berlin nach München fiel komplett aus 

„Die Bahn hat ein Sicherungssystem ohne Rückfallebene gebaut – das ist wie Akrobatik ohne Netz“, sagt Joachim Holstein, der bis 2016 im Bahn-Fernverkehr tätig war. „ETCS ist längst nicht so zuverlässig wie andere Systeme“, so ein hochrangiger früherer Eisenbahner. „Zudem gibt es alle paar Monate eine neue Version, der dann wieder Fahrzeuge angepasst werden müssen. Aber ETCS muss nun mal überall eingeführt werden – weil es sich um ein europäisches Projekt handelt.“

Auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt am Main, die 2002 ans Netz ging, sei ein zweites Sicherungssystem installiert worden: „Wenn ETCS ausfällt, kann man dort noch fahren – Tempo 160“, sagt der Insider. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke in Thüringen und Franken, die am 10. Dezember startete, habe nur ein System – ETCS.

Andere Ausfälle weisen auf ein anderes Problem hin. Weil jahrelang zu wenig investiert wurde und die Bahnindustrie nicht immer pünktlich liefert, sind Fahrzeuge knapp. Als jetzt ICE-Züge wegen des Wetters schlapp machten, ließ sich oft kein Ersatz beschaffen. „Beim Fernverkehr regiert der Mangel“, hieß es.

Und so fiel am Montag der ICE 701, der um 7.38 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof über Erfurt und Nürnberg nach München fahren sollte, komplett aus. Ein Bahnsprecher bestätigte, dass „Witterungseinflüsse“ der Grund waren. Der darauf folgende ICE-Zug, der ebenfalls von Berlin nach Bayern fahren sollte, fuhr statt mit zwei Fahrzeuggarnituren nur mit einem Zugteil. 

Schon seit Monaten gibt es immer wieder Ausfälle – auch bei Technik, die wichtig ist, damit sich Fahrgäste wohlfühlen. Betroffen sind unter anderem die Bord-Bistros, wo Reisende dann auf Essen oder ein frisch gezapftes Bier verzichten müssen. Erfahrene Eisenbahner seien in den Chefetagen des Fernverkehrs eine Seltenheit, kritisiert ein Insider. Die Probleme, die nun erneut aufgewallt sind, zeigten vor allem eines: „Führungsversagen“.