Berlin - Nikolas Linck ist kein Hellseher. Doch der Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Berlin weiß jetzt schon, wie es am Sonnabend und Sonntag in vielen Zügen zugehen wird. Wieder drängen sich Fahrgäste, wieder stapeln sich Fahrräder in überfüllten Wagen: die Ausflugsfahrt als Stresspartie. Darum hat der Verband nun seine Forderung an die Verantwortlichen bekräftigt, endlich das Angebot zu verbessern.

„An einer höheren Zahl von Zügen führt nichts vorbei, besonders zu den Stoßzeiten am Wochenende“, so Linck. „Berlin und Brandenburg sollten sich über den wachsenden Radtourismus freuen und die entsprechende Infrastruktur bereitstellen.“

Züge fallen aus – oder sie sind zu kurz

Eigentlich können Politiker und Verkehrsplaner, die sich um das Klima sorgen, froh sein. Denn in kaum einer Metropolenregion in Europa nutzen so viele Reisende die Kombination Bahn und Rad wie in Berlin. „Diese klima- und umweltfreundliche Art des Reisens sollte gefördert werden“, meinte Linck. „Schließlich möchte niemand, dass die vielen Ausflügler am Wochenende mit Autos die Straßen lahm legen, oder für ihren Wochenendtrip den Billigflieger nehmen. Doch die Bahn kommt mit ihren Kapazitäten nicht hinterher.“

„An den Wochenenden werden Fahrgästen regelmäßig die Türen vor der Nase geschlossen, weil kein Platz für ihre Räder ist.“ Besonders stark nachgefragt sind die Regionalexpresslinien RE3 und RE5 der DB, die nach Norden führen – in Richtung Müritz, Ostsee, Uckermark. Auch in den ODEG-Zügen ins Havelland und in den Spreewald wird es voll – oft zu voll.

Wobei Berliner Ausflügler und Kurzurlauber schon froh wären, wenn wenigstens das vorgesehene Angebot gefahren würde. Aber leider kommt es immer wieder vor, dass Züge weniger Wagen haben als geplant und dass Fahrten ausfallen.

„Ich musste am Sonntagvormittag mit der Bahn nach Stralsund fahren. Nicht jedem gelang es, in den Regionalexpress zu kommen, so voll war er“, berichtete der Berliner Mobilitätsforscher Andreas Knie. „Der Entlastungszug nach Prenzlau, der ihm normalerweise vorausfährt, fuhr wieder mal nicht, und der reguläre Zug an die Ostsee war kürzer als sonst. Zwei der fünf Wagen fehlten.“

Früher war mehr möglich

„Es war für Sonntag alles eingetaktet. Leider fiel der Zug am Samstagabend wegen eines Schadens aus und konnte daher am Sonntag nicht nach Prenzlau zum Einsatz kommen“, entgegnete ein Bahnsprecher. „Wir räumen den Ausflugszügen eine hohe Priorität ein!“ Berlin–Prenzlau gehöre dazu und sei fürs Wochenende wieder eingeplant.

Ausfälle häufen sich, sagte Nikolas Linck. Das mag der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, der Regionalzugfahrten im Auftrag der Länder bestellt, nicht bestätigen. „Es handelt sich weitgehend um Einzelfälle“, teilte Sprecherin Elke Krokowski mit, allerdings ohne Zahlen zu nennen.

Kurzfristig auftretende Personalengpässe seien meist die Ursache. „Aufgrund der neuen Tarifverträge gestaltet sich die Disposition bei den Verkehrsunternehmen zunehmend schwieriger, und es wird nominal mehr Personal als früher benötigt“, so Krokowski. „In Verbindung mit einer erhöhten Fluktuation, wie sie auch in anderen Branchen zunehmend der Fall ist, ergibt sich eine angespannte Situation.“ Inzwischen wurden Schulungsprogramme verstärkt, was ab Herbst eine "erhebliche Entlastung" bewirken sollte. 

Hans Leister, heute Berater, war viele Jahre Regionalbereichsleiter bei der Deutschen Bahn in Potsdam. „Mitte der 90er-Jahre, als die DB noch relativ selbstständig agieren konnte, führten wir Ausflugszüge ein“ – zum Beispiel nach Wolgast, Tor zur Ostseeinsel Usedom, oder Swinoujscie (Swinemünde). Heute wäre dies wegen fehlender Fahrzeuge kaum mehr möglich.

Fahrzeuge und Personal fehlen auf vielen Linien

„Am Wochenende ist in Berlin und Brandenburg auf fast allen Linien genauso viel oder sogar mehr los als an Wochentagen“, weiß Leister. „Allenfalls einige Dreiteiler-Triebwagen sind ’frei’“. Man müsste Fahrzeuge aus anderen Regionen holen, um zusätzliche Züge zu fahren.“ Und selbst wenn es Züge gäbe: „Es fehlt an Lokführern.“ Das sei immer wieder auch auf der Regionalbahnlinie RB55 nach Kremmen oder beim Interregio-Express Berlin-Hamburg zu spüren. Damit nicht genug, wie Eisenbahner berichteten: Auch Linien wie die RE1, RE7 und RB14 sind neuerdings von Zugausfällen betroffen.

Leister: „Abhilfe könnte nur geschaffen werden, wenn jetzt für 2020 zusätzliche Züge bestellt werden, damit man die Fahrzeug- und Personalplanung nachziehen kann.“

Einfach lösbar ist das Problem also nicht. Zudem müssten auch zusätzliche Fahrten bei den Bahnunternehmen bestellt und von den Ländern bezahlt werden. „Mecklenburg-Vorpommern betrachtet den Freizeitverkehr Berlin–Ostsee jedoch als Aufgabe als Aufgabe des Fernverkehrs, nicht als Nahverkehrsaufgabe“, gab Leister zu bedenken – auch wenn er den Eindruck habe, dass in Schwerin inzwischen ernsthaft über eine Besserung der Lage nachgedacht wird.

Bitte Rücksicht nehmen!

„Natürlich ist es betriebswirtschaftlich ein Problem, solche extremen Nachfragespitzen zu bedienen", meinte Mobilitätsforscher Knie. "Trotzdem finde ich, dass sich die Verantwortlichen in der Politik, der Verwaltung und beim Verkehrsverbund Gedanken machen müssen, wie die Situation entspannt werden könnte. Schließlich  zeigt sich hier, dass ein großer Bedarf nach einer klimafreundlichen Form der Freizeitmobilität vorhanden ist, und dieser Bedarf muss zumindest ansatzweise besser bedient werden.“

Vorerst bleibt Nikolas Linck nur der Tipp, rücksichtsvoll zu sein. Das gelte nicht nur für Radler: „Andere Fahrgäste sollten respektieren, dass die Fahrradabteile für Fahrräder, Kinderwagen und sperriges Gepäck reserviert sind. Meist findet sich auch anderswo ein Sitzplatz.“

Hoffentlich.