Es ist noch nicht lange her, da kaufte ich in der Berlinischen Galerie einige Postkarten. Eine kaufte ich zweimal, das Motiv rührte mich so an, dass ich sofort wusste: Eine behalte ich, eine verschicke ich. An wen, stand noch nicht fest. Ich würde es, wenn ihr Zeitpunkt gekommen ist, schon wissen. Dachte ich, und dachte richtig.
Auf der Karte, eine Fotografie von Friedrich Seidenstücker, liest eine junge Frau einen Brief in der Herbstsonne. In der einen Hand hält sie den Brief, in der anderen den Umschlag, so fest, dass er schon halb zerknüllt ist. Eine Ecke berührt ihren Mundwinkel, als würde sie daran knabbern. Dass Herbst sein muss oder ein milder Wintertag, erkennt man, obwohl es ein Schwarz-Weiß-Foto ist und die Bäume im Hintergrund verschwommen, an ihrem Mantel und den Lederhandschuhen. Statt einer Mütze hat sie aber Sonne auf dem apart gescheitelten Haar.

Vor vielen Jahren war ich mal mit einer Bekannten in einer Seidenstücker-Ausstellung. Das fällt mir ein, als ich auf dem Nachhauseweg eine Frau sehe, die ihr von weitem sehr ähnlich sieht. Eigentlich müsste ich die Bekannte heute noch zufällig treffen. Denn so passiert es oft, jeder weiß das. Man verwechselt Fremde mit einer vertrauten Person, und plötzlich steht sie vor einem.

Unsichtbare Fäden die alles verbinden

Ich begegne der Freundin nicht, aber denke wieder an diese wunderbaren Zufälle, als ich ein paar Tage später in einer Kirche sitze. Wie aus dem Nichts geht mir die Liedzeile „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ durch den Kopf. Es war das Lieblingslied meiner Oma und wurde auf ihrer Beerdigung gesungen. Warum es mir während dieser Taufe in den Sinn kommt, weiß ich nicht zu sagen. Eine halbe Stunde später aber, der etwa zweijährige Täufling hat trotz allem Widerstand – „kein Wasser!“ – die Prozedur hinter sich, singt eine Sopranistin dieses Lied.

Die Karten mit der Brieflesenden hatte ich da noch in der Tasche. Jetzt steht eine auf meinem Schreibtisch und immer, wenn mein Blick darauf fällt, denke ich an die vielen unsichtbaren Fäden, die diese Stadt und die Menschen, die Zeiten und womöglich die Welt miteinander verbinden. Die uns in Richtungen ziehen und Sachen machen lassen. Manchmal spät, aber immer noch rechtzeitig. Und auf keinen Fall zufällig.

Zufälle, die keine Zufälle sind

Denn die Karte erinnert mich ja nicht nur an Fäden. Sondern auch daran, wie schön es ist, Briefe zu lesen und zu schreiben. Weil man einen Bildschirm nicht fest in der Hand halten und aufgeregt anknabbern kann. Vor einiger Zeit schrieb ich eine Mail an eine Freundin und schon während ich schrieb, kam es mir falsch vor. Die Mail hätte ein Brief sein müssen. Der Inhalt wog schwer.

Von dieser Freundin kam vor ein paar Tagen eine Karte. Eine Fotografie von Friedrich Seidenstücker, die eine junge Frau beim Lesen eines Briefes zeigt. Wissend um das Gewebe der Fäden, sein Ausmaß und seine Dichte, wurde mir dennoch ein bisschen schwindlig. Und ich wusste auf einen Schlag, wem ich mein zweites Exemplar schicken muss.