Es ist noch nicht lange her, da kaufte ich in der Berlinischen Galerie einige Postkarten. Eine kaufte ich zweimal, das Motiv rührte mich so an, dass ich sofort wusste: Eine behalte ich, eine verschicke ich. An wen, stand noch nicht fest. Ich würde es, wenn ihr Zeitpunkt gekommen ist, schon wissen. Dachte ich, und dachte richtig.
Auf der Karte, eine Fotografie von Friedrich Seidenstücker, liest eine junge Frau einen Brief in der Herbstsonne. In der einen Hand hält sie den Brief, in der anderen den Umschlag, so fest, dass er schon halb zerknüllt ist. Eine Ecke berührt ihren Mundwinkel, als würde sie daran knabbern. Dass Herbst sein muss oder ein milder Wintertag, erkennt man, obwohl es ein Schwarz-Weiß-Foto ist und die Bäume im Hintergrund verschwommen, an ihrem Mantel und den Lederhandschuhen. Statt einer Mütze hat sie aber Sonne auf dem apart gescheitelten Haar.

Vor vielen Jahren war ich mal mit einer Bekannten in einer Seidenstücker-Ausstellung. Das fällt mir ein, als ich auf dem Nachhauseweg eine Frau sehe, die ihr von weitem sehr ähnlich sieht. Eigentlich müsste ich die Bekannte heute noch zufällig treffen. Denn so passiert es oft, jeder weiß das. Man verwechselt Fremde mit einer vertrauten Person, und plötzlich steht sie vor einem.

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