Auf dem U-Bahnhof Wittenau wurde am Donnerstag ein Kind mitgeschleift, weil es in einer Tür eingeklemmt war. 
Foto: Markus Wächter

BerlinEin sechsjähriges Mädchen wird von einer U-Bahn 70 Meter mitgeschleift. Dann erst stoppt der Zug. Der Unfall im Bahnhof Wittenau machte deutlich, dass Notbremsen nicht so funktionieren, wie es in Filmen immer dargestellt wird. Sie stoppen nicht etwa den Zug, sondern lösen lediglich ein Signal aus. 

Am Donnerstag hatte sich ein Kind in Reinickendorf den Arm in der Tür eines Waggons eingeklemmt, als sich diese gerade schloss. Trotz vieler Hilferufe und der Betätigung der Notbremse fuhr der Zug los. Das sorgte insbesondere bei Zeugen für Unverständnis und Kritik. Doch Züge können in Deutschland nicht einfach von jedem aufgebremst werden, erklärte die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Petra Nelken, der Berliner Zeitung am Sonnabend. „Wir sind hier nicht in einem Actionfilm aus Hollywood. Das hier ist die Realität“, so Nelken. Wenn in amerikanischen Filmen jemand die Notbremse zieht, sprühen sofort die Funken und die Bahn stoppt nach einigen Metern. „Das ist aber nicht die Wirklichkeit. Wenn jeder Idiot mit einer Notbremsung jeden Zug stoppen könnte, dann wäre das sehr gefährlich“, so Nelken. Eine U-Bahn könne bis zu 70 km/h auf entsprechenden Strecken erreichen. Wenn der Zug dann willkürlich abgebremst wird, kann das zu vielen Verletzungen führen. „Dann hätten wir andauernd Knochenbrüche und Kopfverletzungen bei unseren Fahrgästen zu beklagen“, erklärte Nelken.

In Deutschland ist klar geregelt: Wenn die Notbremse betätigt wird, dann wird ein Signal beim Zugführer ausgelöst. Via Gegensprechanlage fragt der Zugführer nach, was los ist. „In solchen Gesprächen wird keine Zeit verplempert. Im Gegenteil: Der Zugführer klärt die Situation und handelt. Er kann sofort einen Funkspruch abgeben, um Hilfe zu alarmieren. Er hat den Vorteil, dass er direkt mit der Rettungsstelle verbunden ist“, so die BVG-Sprecherin. Dieser Vorgang ist in Deutschland vorgeschrieben. Das heißt, dass die gleiche Sicherheitstechnik auch bei der S-Bahn und der Deutschen Bahn zum Einsatz oder anderen Unternehmen kommt.

Zugführer funkt sofort die Rettungsstelle an

Diese Vorgehensweise sei auch deshalb sinnvoll, weil U-Bahnen in Tunnelsystemen fahren. Damit sind sie die meiste Zeit für Rettungskräfte sehr schwer zu erreichen. Wenn der Zug beispielsweise bei Bränden plötzlich in einem Tunnel gestoppt wird, „dann sitzen die Fahrgäste in einer bösen Falle“, so Nelken. Zugführer sind deshalb angewiesen, immer in den nächsten Bahnhof einzufahren, wo Menschen deutlich besser evakuiert und medizinisch versorgt werden können. In Berlin gehe das besonders schnell, da die Bahnhöfe nicht weit auseinander liegen.

Einsatzkräfte versorgen hinter einem Sichtschutz das sechsjährige Mädchen, das gerade aus dem -U-Bahntunnel Wittenau in Reinickendorf gerettet wurde. 
Foto: Markus Wächter 

Bei dem Unfall auf dem U-Bahnhof Wittenau soll der Zugführer unmittelbar nach Eingehen des Signals den Zug gestoppt haben. Nach Informationen dieser Zeitung soll die Notbremse allerdings nicht sofort gezogen worden sein. Fahrgäste in dem Waggon hatten versucht, das Mädchen zu befreien. Ihre achtjährige Schwester stand ebenfalls im Zug, soll aber unter Schock gestanden haben, während ein Mitarbeiter eines Kiosks vom Bahnsteig aus das Kind befreien wollte. Die Sechsjährige, die mit dem Arm in einer Tür eingeklemmt war, erlitt bei dem Sturz schwere Kopfverletzungen und einen Armbruch. Sie wurde etwa 50 Meter über den Bahnsteig und 20 Meter in dem Tunnel mitgeschleift. Ihr Zustand sei stabil. Sie sei nicht in Lebensgefahr.

Warum der eingebaute Einklemmschutz in der Tür nicht funktionierte, wird derzeit noch von der Polizei ermittelt. Nach jetzigem Stand wird vermutet, dass der Arm des Mädchens zu schmal war, um den Schutz zu aktivieren. Nach Angaben der BVG verfügen U-Bahnen – je nachdem, wie modern sie sind – über eine Technik, die signalisiert, dass eine Tür nicht ordnungsgemäß geschlossen ist. In diesen Fällen wird die Anfahrt normalerweise verhindert.

Der Zug steht derzeit in einer Werkstatt und wird von der Polizei untersucht. Zudem werden Bilder aus den Überwachungskameras gesichtet, um den Unfall genau zu rekonstruieren. Das könne einige Zeit in Anspruch nehmen.