Berlin - Die aktuellen Zugausfälle bei der S-Bahn haben zu einer ungewöhnlich scharfen Reaktion von Verkehrssenator Michael Müller (SPD) und des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg (VBB) geführt. Die Verkehrsverwaltung kritisierte am Freitag, die S-Bahn sei „mit neuen Tiefpunkten in der Leistung“ in das Jahr 2013 gestartet. So hätten am Donnerstag rechnerisch 14 komplette Züge im Angebot gefehlt.

Müller erwarte „zukünftig täglich um neun Uhr morgens einen persönlichen Bericht der S-Bahn-Geschäftsführung über den Stand des Fahrzeugeinsatzes und der Maßnahmen zur Verbesserung der Betriebssituation“, hieß es in der Erklärung. Müllers Staatssekretär Christian Gaebler sagte: „Der Senat wird es nicht hinnehmen, dass die S-Bahn-Geschäftsführung Dienst nach Vorschrift macht und die Fahrgäste auf der Strecke bleiben.“

Ähnlich äußerte sich der VBB. „Mir tun Fahrgäste und S-Bahn-Kollegen leid“, sagte VBB-Chef Hans-Werner Franz. Wenn die S-Bahn „nach jedem Schneefall einbricht, muss erneut über einen Notfahrplan nachgedacht werden“. Die S-Bahn bedauerte, dass es wegen der winterlichen Witterung in den vergangenen Tagen zu Einschränkungen im Angebot gekommen ist, verwahrte sich aber gegen die Vorwürfe des VBB-Chefs. Die Forderung nach einem Notfahrplan sei unangemessen und schädige „den Ruf des gesamten öffentlichen Personennahverkehrs in der Bundeshauptstadt“.

Am Donnerstag fuhren die Züge laut VBB auf dem Ring nur alle zehn Minuten, viele Züge waren zudem kürzer als vorgesehen. Hauptursache für die Ausfälle sind laut VBB Türstörungen, Antriebsausfälle und vereiste Stromabnehmer.

Land soll S-Bahn-Züge selbst kaufen

Zeitgleich zum Streit um die aktuellen Zugausfälle wird über die Zukunft des S-Bahnverkehrs gestritten. Wie berichtet, sucht das Land Berlin einen Betreiber, der den S-Bahn-Verkehr nach Auslaufen des jetzigen Vertrages Ende 2017 auf den Ringbahnlinien sowie auf den zur Ringbahn führenden Linien im Südosten weiterführt. Die Ausschreibung ist eine Reaktion auf den unzuverlässigen S-Bahn-Betrieb durch die Deutsche Bahn. Umstritten ist jedoch die Bedingung, dass die Betreiber eine Garantie für die anzuschaffenden S-Bahn-Fahrzeuge über zwei mal 15 Jahre abgeben müssen und die Fahrzeuge erst nach weiteren drei Jahren verkaufen können.

Die Garantie erstreckt sich damit über insgesamt 33 Jahre, obwohl der Verkehrsvertrag nur für 15 Jahre abgeschlossen wird. Die Deutsche Bahn hat gegen die Bedingung Klage eingereicht. Das Kammergericht teilte am Donnerstag mit, es wolle den Fall dem Europäischen Gerichtshof vorlegen. Eine Entscheidung könnte zwei bis drei Jahre dauern. Damit wäre der Zeitplan für die Vergabe der Verkehrsleistung im kommenden Jahr kaum mehr einzuhalten.

Jetzt werden Forderungen laut, das Land Berlin selbst solle die benötigten S-Bahn-Fahrzeuge anschaffen und lediglich den Betrieb ausschreiben. Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB schlug am Freitag vor, die Züge über die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zu besorgen und in einem zweiten Schritt einen Betreiber für den S-Bahn-Verkehr auszuwählen. Vorteil dieser Lösung sei, dass sich Berlin vom Betreiber wieder trennen könne, wenn man mit seiner Arbeit nicht zufrieden sei.

Ähnlich sieht es Brandenburgs Ex-Verkehrsminister Reinhold Dellmann. Das Land Berlin müsse zwar beim Kauf neuer Züge erstmal Geld investieren, habe dann aber „das Heft des Handelns in der Hand“, sagte er. Für die Anschaffung der 400 neuen S-Bahn-Wagen wird mit Kosten von bis zu einer Milliarde Euro gerechnet.