Berlin - Er fuhr rund fünf Monate lang. Dann war erst einmal Schluss, weil der Betreiber Locomore kein Geld mehr hatte. Doch die Chancen, dass zwischen Berlin und Stuttgart wieder ein privater Fernzug verkehrt, sind gestiegen.

Locomore-Wagen werden aufgefrischt

Der deutsche Ableger des tschechischen Verkehrsunternehmens Leo Express hat in einer Stellenanzeige angekündigt, dass er im August auf dieser Strecke den Betrieb aufnehmen wird. Nach Informationen der Berliner Zeitung wird in der Tat die Reaktivierung der im Mai eingestellten Verbindung vorbereitet. Im Neustrelitzer Bahnbetriebswerk von Netinera, einer Tochter der italienischen Staatsbahn FS, werden Locomore-Wagen für den Neueinsatz aufgefrischt. Sie sollen wieder zwischen Berlin und Stuttgart rollen.

Es war nicht der erste Versuch, der Deutschen Bahn (DB) im Fernverkehr Paroli zu bieten. Aber einer, der besonders sympathisch daherkam. Im Zug des Berliner Bahnunternehmens Locomore gab es Bio-Kost, Gratis-WLAN und Themenabteile – für Brettspiele, fremdsprachige Konversation und anderen Zeitvertreib. In einem Teil der Fahrzeugflotte, soliden Abteilwagen der Bundesbahn aus den 1970er-Jahren, ließen sich die Fenster öffnen.

Locomore litt unter hohen Betriebskosten

Ein großer Teil des Zugprojekts, das von dem Kreuzberger Derek Ladewig und seinen Mitstreitern auf die Beine gestellt worden war, wurde mit Crowdfunding finanziert – was sonst eher im Kulturbereich üblich ist. Über Darlehen und andere Zahlungen kamen allein bis März 2017 fast 930.000 Euro in die Kasse. Am 14. Dezember um kurz nach 6 Uhr setzte sich die gemietete Elektrolok, die mit Ökostrom betrieben wird, erstmals mit den orangeroten Wagen in Bewegung. In rund sieben Stunden ging es von Stuttgart über Heidelberg, Frankfurt am Main Süd sowie Hannover nach Berlin-Lichtenberg – und am Nachmittag wieder zurück. Eine Fahrkarte für die ganze Strecke kostete 22 bis 98 Euro.

Doch die Locomore-Leute bekamen zu spüren, dass es nicht ausreicht, billigere Tickets und besseren Service als die DB anzubieten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Zwar zählten sie bis April 2017 rund 70.000 Reisende. Doch während der Zug an Wochenenden und Feiertagen auf bis zu neun Wagen verlängert werden musste und pro Tour rund tausend Reisende beförderte, war das Geschäft an anderen Tagen flau. Hinzu kamen die hohen Betriebskosten. Loks und Wagen sind kostspielig. Für die Nutzung von Gleisen, Bahnhöfen und Strom kassiert die DB Entgelte – während Fernbusbetreiber keine Maut und nur für wenige Haltepunkte Gebühren zahlen müssen. Die Kosten für eine Hin- und Rückfahrt summierten sich auf 25.000 bis 30.000 Euro, teilte Derek Ladewig im April mit.

Leo Express will expandieren

Für das 2007 gegründete Unternehmen, das zuletzt rund 30 Menschen beschäftigte, war das auf die Dauer zu viel. Wie berichtet, hat am 1. August das Insolvenzverfahren begonnen. „Der Geschäftsbetrieb ist eingestellt“, bekräftigte Peter Leonhardt von der Anwaltssozietät Leonhardt Rattunde. Zuvor hieß es mehrmals, dass man mit potenziellen Investoren im Gespräch sei.

In diesem Zusammenhang fiel immer wieder der Name Leo Express. Das 2010 gegründete Prager Unternehmen, das Fernbusse und zwischen Prag, Ostrava sowie Košice auch Fernzüge betreibt, will ins Ausland expandieren. Leo Express GmbH heißt der deutsche Ableger, der in Berlin-Lichtenberg in der Wönnichstraße 64 logiert. Er stellt sich in der Stellenanzeige als „neues junges Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland“ vor, das Mitte August auf der Strecke Berlin–Stuttgart den Betrieb aufnehmen werde. Gesucht werden Zugführer, die für sichere und pünktliche Fahrten verantwortlich sind.

Beginnt der Betrieb am 17. August?

Inzwischen haben Bahnfans auf der DB-Internetseite entdeckt, dass dort von Donnerstag an wieder Fahrten von Berlin nach Stuttgart eingetragen sind – mit den früheren Locomore-Zugnummern und nach einem leicht veränderten Fahrplan.

Ob der Betrieb allerdings wirklich schon am 17. August wieder beginnt und unter welchem Namen der Zug künftig fährt, ist noch unklar. Auch ist es bisher nicht möglich, Fahrkarten zu kaufen. Auf Anfrage äußerte sich Leo Express nicht. Doch nach dem, was am Freitag in der Bahnszene zu erfahren war, könnte sich das bald ändern.