Der Mann sieht schlecht aus. Das Gesicht ist aufgedunsen und von käsiger Farbe, auf seiner Glatze schimmert Schweiß. Sein Hemd ist aber strahlend weiß, auch der Pullover, die Brille und die Uhr an seinem Handgelenk zeugen von Wohlstand, oder: früherem Wohlstand. Von einem Leben vorher, wann immer das war. Vor ihm steht eine Kaffeetasse. Sie ist schon lange leer. Er bestellt keine weitere, auch kein anderes Getränk. Das Smartphone auf dem Tisch gibt ab und zu ein Geräusch von sich. Er guckt nicht einmal hin. Draußen ist es   dunkel, aber die Stadt ist noch in Bewegung.

Dass er nicht völlig fremd und verloren wirkt in dem geschäftigen Treiben ringsherum und in diesem Café mit den all den rotwangigen, plaudernden Menschen, deren Gespräche die leise Musik  hier und da übertönen, liegt an dem Mädchen, das ihm gegenüber sitzt. Er ist also nicht allein, wenigstens das. Das Mädchen ist jung und hat die Haare zu einem kunstvollen Dutt hochgesteckt. An ihren Ohrläppchen blinken winzige Steine bei jeder Bewegung.

Manchmal reicht so wenig

Ansonsten macht sie nicht viel. Vor allem spricht sie nicht. Sie hört zu. Denn der Mann spricht, die ganze Zeit. Was er erzählt, kann man nicht verstehen, seine gebeugte Haltung und der auf den Tisch gerichtete Blick berichten aber davon, dass es eine traurige Geschichte ist. Das Mädchen hingegen – ist sie seine Tochter? Ähnlich sehen sie sich nicht – schaut ihn an, unverwandt. Und hält seine Hand. Ab und zu streicht sie mit dem Finger über seinen Handrücken. Nickt kaum sichtbar. Ihr Tee wird kalt.

Nach einer halben Stunde, oder ist schon mehr Zeit vergangen, schweigt er. Sie sagt etwas. Er sieht auf, sieht sie an, und in diesem Blick ist so viel Dankbarkeit, dass mir ganz warm wird. Und liegt da nicht plötzlich ein Hauch von Zuversicht über dem Nachbartisch? Manchmal reicht so wenig, denke ich. Und dann: Dass das falsch ausgedrückt ist. Weil dieses Wenige ja Zuhören sein kann. Und Zuhören Zeit braucht. Von der wir so wenig haben. Zu haben meinen.