Mittlerweile liegen sie neun Jahre zurück, die Höhepunkte der S-Bahn-Krise. Viele Berliner können sich aber noch gut an sie erinnern – an die Ausfälle, an die vollen Wagen, an die Stilllegung ganzer Strecken, weil Züge wegen Mängeln nicht mehr fahren durften. Zu dem Debakel kam es, weil ein Teil der Flotte den Anforderungen nicht entsprach und weil die S-Bahn Berlin GmbH, ein Unternehmen der Deutschen Bahn (DB), in den Werkstätten gespart hatte.

Nie wieder Krise: Das schwor man sich 2009. Nun will der Senat die Weichen endlich neu stellen – mit der Option, die Berliner S-Bahn völlig anders zu organisieren. Noch im Herbst will Berlin im Europäischen Amtsblatt für Oktober 2019 ein Vergabeverfahren ankündigen.

Zehn Linien stehen auf dem Plan

Die Besprechungsvorlage, die der Berliner Zeitung vorliegt, trägt die Nummer S-1638/2018. Gut möglich, dass der Senat sie am Dienstag aufruft. Auf drei Seiten wird im Namen der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) skizziert, wie es mit der S-Bahn weitergeht – genauer gesagt mit den Strecken, die in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung verlaufen.

Entschieden wird über zehn Linien, zwei Drittel des S-Bahn-Verkehrs: von der S1 zwischen Oranienburg und Wannsee bis zur S9, die künftig zwischen Spandau und dem Flughafen BER verkehrt. Die S2, 25, 3, 5, 7 und 75 stehen ebenfalls auf der Liste. Es geht auch um die S85, die dann zwischen dem BER, dem Ostkreuz und dem Hauptbahnhof pendelt, und die neue S15 (Waidmannslust-Hauptbahnhof).

Berlin wächst, und dem soll auch die S-Bahn stärker Rechnung tragen. Mindestens tausend Wagen werden benötigt, je nach Bedarf könnten bis zu 380 weitere dazukommen. Auf beiden Teilnetzen sollen die Neufahrzeuge jährlich insgesamt 26 Millionen Kilometer zurücklegen. Falls nötig steigt das Pensum um vier Millionen bis neun Millionen Kilometer.

Zwei Modelle sind möglich

Ein gewaltiges Programm. Aber was für Züge sollen fahren? Wer hält sie in Schuss, wer stellt das Fahrpersonal? Berlin und Brandenburg wollen rasch ein Vergabeverfahren einleiten, bei dem mit interessierten Anbietern verhandelt wird. Wenn die Ausschreibung im Herbst 2019 beginnen soll, muss sie demnächst im EU-Amtsblatt angekündigt werden. Dem soll der Senat nun zustimmen.

Vorgesehen ist, dass das Verhandlungsverfahren nach zwei Jahren endet und der Zuschlag im Oktober 2021 erteilt wird – an mehrere oder auch nur an ein Unternehmen. Ende September 2026 sollen die Vorserienzüge kommen, im Mai 2028 soll die Lieferung der Hauptserie starten. Eine Linie nach der anderen wird mit neuen Zügen ausgestattet, als letzte die S1 am 13. Dezember 2033 – so der Plan. Nicht zu vergessen: Nahe der Schönerlinder Straße in Pankow entsteht eine landeseigene Werkstatt.

„Es ist entscheidend, dass eine Vergabekonzeption umgesetzt wird, die dem Land Berlin langfristig zuverlässige, moderne Fahrzeuge, eine hohe Betriebsqualität und angemessene Preise sichert“, so die Senatorin. Zwei Modelle sind möglich. Entweder das Konzept, das bislang die Regel war: Ein Unternehmen beschafft die Züge, hält sie instand und fährt sie. Oder ein Unternehmen kauft und wartet die Züge, ein anderes Unternehmen fährt sie – 15 Jahre lang.

Züge werden Eigentum des Landes Berlin

Am zweiten Konzept hatten zehn Firmen 2017 Interesse bekundet, unter anderem Bombardier, Siemens, Stadler, die DB, Go-Ahead, Transdev und Abellio. Doch die Kritik dauert an: SPD und Linke halten das Konzept für zu kompliziert, Gewerkschafter und S-Bahner befürchten die Zerschlagung der S-Bahn.

Unstrittig ist: Die Züge werden Eigentum des Landes Berlin, ein landeseigener Fahrzeugpool entsteht. Es gibt eine „klare Präferenz für Vergabemodelle, bei denen das Land die Fahrzeuge möglichst frühzeitig nach Inbetriebnahme erwirbt“, so die Senatsvorlage. Weil der Staat Anschaffungen günstiger finanzieren kann als Private, ließen sich bei der Milliardeninvestition Kosten sparen.

„Ich freue mich, dass es in der rot-rot-grünen Koalition gelungen ist, uns auf ein Vergabekonzept zu einigen, mit dem wir die Lehren aus der S-Bahnkrise gezogen haben“, sagte der Grünen-Abgeordnete Harald Moritz. „Bei diesem Vergabekonzept haben wir auch die Interessen der S-Bahn-Beschäftigten berücksichtigt.“ 2019 wird sich zeigen, was für Angebote in Berlin eintreffen werden.