Mitte - Sie sehen niedlich aus, fahren mit Strom – und sie werden immer mehr. Kleine Elektrobusse, die keine Fahrer brauchen, breiten sich in Berlin aus. Das Charité-Gelände im Bezirk Mitte wird Schauplatz eines Modellprojekts, bei dem mehrere autonome Fahrzeuge Fahrgäste befördern. Weitere Versuche werden vorbereitet. Zudem ist geplant, die erste Buslinie dieser Art in Berlin noch in diesem Jahr zum Bahnhof Südkreuz zu verlängern. Dann würden fahrerlose Bus-Shuttles erstmals in dieser Stadt nicht nur auf Privatgelände, sondern auch auf öffentlichen Straßen fahren. „Solche Versuche sind wichtig, um Erfahrungen mit diesem Verkehrssystem der Zukunft zu sammeln“, sagte der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar.

Noch ist Olli der einzige autonome Shuttle, der in Berlin im Linienbetrieb unterwegs ist. Auf dem Euref-Campus am Schöneberger Gasometer, auf dem mehr als hundert meist junge Firmen zu finden sind, dreht der kleine weiße Elektrobus seit Ende November 2016 seine Runden. Radar- und Lasersensoren helfen ihm dabei, sich zurechtzufinden. Bei den Fahrten ist aber immer Personal an Bord, das im Notfall eingreifen kann. Zudem legt Olli nicht die ganze Strecke autonom zurück.

Stimulate, Moabus und Pazifik

Wenn Fahrzeuge ein Kindchenschema wie im Tierreich hätten, würde das kleinrädrige Produkt des US-amerikanischen Herstellers Local Motors sehr gut hineinpassen. Olli ist nicht mal vier Meter lang, mehr als acht Fahrgäste haben keinen Platz. Schnell ist Berlins ungewöhnlichster Linienbus, der aus Kunststoff aus dem 3D-Drucker und Alu besteht, auch nicht – Tempo 8. Und immer wieder machen Mitarbeiter und Besucher Scherze mit ihm, sagte Korinna Stephan vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), das den Betrieb steuert: „Manchmal stoppt Olli abrupt, weil ihm ein Fußgänger in den Weg getreten ist, um herauszufinden, ob das Fahrzeug dann wirklich hält.“

Bislang ist Olli unfallfrei gefahren. „Mittlerweile hat er rund 2500 Fahrgäste befördert“, sagte InnoZ-Geschäftsführer Andreas Knie. Niemand sollte Olli unterschätzen. Versuche dieser Art schreiben Verkehrsgeschichte. Sie zeigen weltweit, dass man mit autonomen Fahrzeugen einen sicheren und halbwegs zuverlässigen Betrieb aufziehen kann. Zukunftsperspektive ist, dass viele solcher Fahrzeuge den herkömmlichen Nahverkehr ergänzen – nicht nur im Linienbetrieb laut Fahrplan, sondern auch flexibel auf Anforderung per Mobiltelefon.

Auch in Sion und Lausanne in der Schweiz, in Las Vegas, Leipzig und anderswo sind solche Shuttles unterwegs. Berlin will nun auftrumpfen. Hier werden weitere Versuche mit dieser Technik vorbereitet, wie aus einer Auflistung der Agentur für Elektromobilität (eMO) hervorgeht. Auch Projekte, die noch in einem frühen Stadium sind, werden darin verzeichnet. Dazu zählen Moabus, ein autonom fahrender, elektrisch betriebener Kleinbus für Moabit, oder Pazifik – dort geht es um den Einsatz automatisierter und vernetzter Fahrzeuge in der Urlaubswelt Tropical Islands in Brandenburg. Konkrete Modellversuche sind ebenfalls aufgeführt – wie Diginet-PS, bei dem unter anderem ein autonomer Shuttle das Gelände der Technischen Universität an der Straße des 17. Juni erschließt.

Nicht mehr lange, dann fällt der Startschuss zu Stimulate – „stadtverträgliche Mobilität unter Nutzung elektrischer automatisierter Kleinbusse“. Dabei arbeiten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die Charité und das Land Berlin zusammen, das Bundesumweltministerium gibt Geld dazu. Wie bei Olli geht es nicht nur darum, Technik und Betriebsformen zu erproben. Es gibt auch einen Nutzen – in diesem Fall für Mitarbeiter, Patienten und Besucher der Charité, die auf den weitläufigen Standorten Mitte und Virchow-Klinikum unterwegs sind. Statt zu laufen; können sie mit einem autonomen Kleinbus fahren.

Elektrisch zum Südkreuz

Absehbar ist: Die BVG organisiert den Betrieb. Für die Charité sollen mehrere Shuttlebusse fahren, dem Vernehmen nach zwei bis vier. Die Anschaffung wird ausgeschrieben.

Dabei haben außer Local Motors aus den USA auch andere Hersteller eine Chance – zum Beispiel Navya und Easymile, zwei französische Unternehmen. Der EZ 10 von Easymile hat schon einmal in Berlin gastiert. Von diesem Herbst an wird ein solcher Bus für die Deutsche Bahn im niederbayrischen Kurort Bad Birnbach zwischen Bahnhof und Innenstadt pendeln.

Und was geschieht mit Olli in Schöneberg? „Bis Ende August wird er im Linienbetrieb fahren“, teilte InnoZ-Chef Andreas Knie mit. Wie es mit ihm weitergeht, wollte er noch nicht sagen. Dem Vernehmen nach wird Olli einen Nachfolger bekommen, der künftig auf einer erweiterten Strecke verkehren soll.

Diese Strecke soll aus dem Privatgelände am Gasometer herausführen und auf öffentlichen Straßen verlaufen – bis zum Bahnhof Südkreuz. Das hatte das InnoZ-Team bereits vor zwei Jahren geplant, doch das Vorhaben war kompliziert. Ein Fahrzeug, das keinen Fahrer benötigt, für den Mischbetrieb mit herkömmlichen Autos zu erlauben, das ist für das Berliner Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, kurz LABO, zulassungsrechtliches Neuland. Gutachten des TÜV Rheinland waren zu prüfen. Es ging auch darum, wie sich der Betrieb auswirkt. Die Strecke soll über die Torgauer und die Wilhelm-Kabus-Straße zum Südkreuz führen. Wie stark würde ein umherschleichendes autonomes Fahrzeug Autos und andere Busse ausbremsen?

Inzwischen sind Beobachter zuversichtlich, dass die Hürden genommen werden können. Möglicherweise könnte der Betrieb zum Südkreuz im Herbst beginnen.

Gernot Lobenberg, Geschäftsführer der eMO, begrüßte die Pläne. Erneut könnten Elektrofahrzeuge zeigen, was in ihnen steckt, sagte er. „Autonome Fahrzeuge und Elektromobilität – das gehört zusammen. Oder kann sich jemand vorstellen, dass ein solcher Shuttle mit einem Dieselmotor fährt?“