Berlin - Es ist eine unendliche Geschichte, die sich in Berlin jeden Tag aufs Neue weiterschreibt: Der Kampf zwischen Radlern und Autofahrern um die Vorherrschaft auf den Straßen der Hauptstadt. Radler motzen über rücksichtslose Autofahrer, die drängeln oder abrupt bremsen. Autofahrer motzen über rücksichtslose Radler, die plötzlich zur Seite ausscheren und abends ohne Licht fahren. Aus London kommt ein Konzept, das einen Schlusspunkt hinter diese Geschichte setzen könnte.

Ein 8,5 Kilometer langer Fahrrad-Highway könnte in Berlin bald Wirklichkeit werden. Eine erste Hürde ist genommen: Der Verkehrsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg sprach sich einstimmig dafür aus.

In London gibt es bereits konkrete Pläne. Dort hat Stararchitekt Norman Foster, der unter anderem dem Reichstag in Berlin seine gläserne Kuppel aufsetzte, kürzlich eine Vision für den Radverkehr der Zukunft vorgestellt: Auf eigenen, höher gelegten Straßen sollen Radler über dem Bahnschienen-Netz der Metropole freie Fahrt haben.

220 Kilometer autofreie Fahrradhighways plant Foster in seinem Konzept "SkyCycle", zehn Routen sollen die wichtigsten Punkte der Stadt miteinander verbinden. Auf die Fahrbahn gelangen würden die Radler über Rampen und Aufzüge. Bereits konkret im Gespräch ist eine 6,5 Kilometer lange Versuchsstrecke zwischen dem Vorort Stratford und dem Bahnhof Liverpool Street im Herzen der Megacity.

Laut Entwicklerteam könnte die Idee in zahlreichen Großstädten weltweit für Entspannung auf den Straßen sorgen. Keine roten Ampeln mehr, kein Gedränge, mehr Sicherheit für Radfahrer. In den Niederlanden gibt es bereits schwebende Fahrradbrücken. Wäre das nicht auch etwas für Berlin? "Wir könnten in Berlin sicher ein paar Skyways gebrauchen", sagt Tilman Bracher, Bereichsleiter für Mobilität und Infrastruktur am Deutschen Institut für Urbanistik. "Vor allem auf den Einfallswegen in die Stadt, wo man bisher schwer durchkommt."

Als Beispiel nennt Bracher den Kronprinzessinnenweg im Westen Berlins, der vom Wannsee kommend die A 115 flankiert, später als Königsweg den Grunewaldsee rechts liegen lässt und schließlich als Eichkampstraße beim Messegelände landet. "Dort gibt es über weite Teile schon eine Art Radschnellweg, aber dann ist Schluss. Das Messegelände muss umständlich umfahren werden."

Auch in Prenzlauer Berg gebe es riesige Kreuzungen, die für Radfahrer schwer zu überqueren seien, so Bracher. Dort kann er sich ebenfalls eine Radlertrasse vorstellen. "Oder aber auf der Route von Moabit über Tiergarten ins alte West-Berlin. In allen diesen Bezirken fahren viele Leute mit dem Fahrrad." Selbstverständlich müssten die Brücken witterungsfest sein, Seitenwind abwehren und nachts durch Laternen beleuchtet werden.

Unter architektonischen Gesichtspunkten eigne sich die Ringbahnstrecke. "Sie zerschneidet viele Stadtgebiete in zwei Hälften, kreuzende Straßen laufen heute durch Unterführungen. Die Gleise sind auf der Ringbahnstrecke breit verlegt, es gäbe also ausreichend Platz. Auch würden über der Ringbahn keine Oberleitungen den Bau einer Radlerbrücke stören. Das sind gute Voraussetzungen für einen 'Fahrradring'. Ob und wie das geht, müsste eine Machbarkeitsstudie klären", so Bracher.

Generell sieht er die Vision als ein Großprojekt, das eher in den Dimensionen des Neubaus des Berliner Stadtschlosses gedacht werden müsste, anstatt Bestandteil der normalen Radverkehrsplanung zu sein. Dem Land Berlin stehen jährlich nur rund vier Millionen Euro für den Radverkehr zur Verfügung.

Allein der 6,5 Kilometer lange Test-Highway würde London nach Informationen des britischen Guardians umgerechnet rund 260 Millionen Euro kosten. Allerdings müsste man in Berlin auch nicht so weit gehen, die ganze City mit Radstraßen zu überdachen, denkt Bracher. "Berlin hat viel mehr Platz auf den Straßen als London, hier kann schon am Boden vieles verbessert werden."

Die Radverkehrsstrategie, die der Berliner Senat im vergangenen Jahr vorstellte, strebt "Fahrradschnellwege" in den Außenbezirken an. Keine Highways nach dem Vorbild von Norman Foster, versteht sich. Aber immerhin gut ausgebaute Routen, auf denen Radler schnell von A nach B kommen.

Kürzlich sind in Schöneberg außerdem die ersten Grüne-Welle-Ampeln für Radfahrer in Betrieb genommen worden. Ein erster Schritt in eine Zukunft, in der irgendwann einmal Radwege in luftiger Höhe zwischen den Balkonen hindurchfließen wie ein mäandernder Fluss? Wer weiß das schon. Aber das ist ja das Gute an unendlichen Geschichten: Sie geben Raum zum Herumspinnen, für Visionen. Und pauschal unmöglich ist erst einmal gar nichts.

Spinnen Sie mit uns weiter: Wo würden Sie sich einen Fahrradhighway wünschen, um schneller von A nach B zu kommen? Wo kommen Sie als Radler aktuell nur langsam voran? Schreiben Sie uns an online@berliner-zeitung.de.