Zum Abschied ein Stückchen Glas

Martin Germer geht nach 17 Jahren als Pfarrer der Gedächtniskirche in den Ruhestand. Eine Geschichte über das Loslassen.

Martin Germer vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Martin Germer vor der Kaiser-Wilhelm-GedächtniskircheEmmanuele Contini

Das blaue Licht ist betörend. Es taucht die Gedächtniskirche in eine einzigartige sakrale Stimmung. Von dem Licht geht eine große Kraft aus. Und von dem blauen Glas, durch das es fällt. Dabei hat die Kirche in der westlichen Mitte Berlins einst nur aus Zufall Wände gerade aus diesem Blau bekommen. „Der Architekt Egon Eiermann wollte eigentlich hellgraue oder blassgelbe Scheiben. Aber am Ende aller Versuche wurde es dann blau.“ Das sagt jedenfalls Martin Germer, der in dieser Kirche 17 Jahre lang Pfarrer war.

War. Germer war der Pfarrer der Gedächtniskirche. Vergangenheitsform. Martin Germer wird im Oktober 66 Jahre alt. Seit dem 1. September ist er im Ruhestand. Man kann es noch nicht so ganz glauben. Gehört Germer geboren in Würzburg, aufgewachsen in Berlin, doch sozusagen zum Inventar der Stadt. Ein Pfarrer in einer der wichtigsten Kirchen Berlins. Ein Mann, der die Öffentlichkeit, wenn nicht gesucht, so doch zumindest nicht gemieden hat. Einer auch, bei dem man Trost oder wenigstens einen Ort für die Trauer nach dem verheerenden Anschlag auf dem Breitscheidplatz finden konnte. Einer, der mitleidet, der auch mal weint im Gottesdienst, wenn ihm danach ist. Martin Germer geht. Andere übernehmen. Am Sonntag wird er feierlich in einem Gottesdienst verabschiedet.

In der Mitte des Tisches im Untergeschoss der Kirche liegt ein Stück Glas. Es ist blau wie die Glaswände der Kirche und des Glockenturms und von berückender Schönheit. Das Bruchstück stammt nicht aus einem der Kirchenfenster – so frech, zum Abschied die Scheiben herauszubrechen, ist Martin Germer nicht. Es kommt aber aus derselben Quelle wie die vielen tausend Glaselemente in Kirche und Glockenturm, aus der Werkstatt des Künstlers Gabriel Loire im französischen Chartres.

Germer besitzt eine ganze Menge dieser kleinen Glasstücke. Er hat sie mitgebracht von einem Besuch in Chartres. Jetzt drückt er manchmal Besuchern eines davon in die Hand. Bei einem der vielen Abschiedsgespräche zum Beispiel, die er zurzeit führt. Zum Andenken vielleicht. Oder weil sie einfach blau und schön sind. 

Das Glas liegt nun in der Mitte eines Tisches im Untergeschoss der Gedächtniskirche – in jenem eigenartigen gläsernen Raum, der dort für kleine Konferenzen zur Verfügung steht. Wir haben uns dort zu einem Gespräch getroffen anlässlich von Germers Wechsel in den Ruhestand. Es ist ein Gespräch über das Ende einer beruflichen Laufbahn, ein Blick zurück und einer nach vorne, über das, was prägend war in dieser Zeit. Wir haben viele Gespräche geführt in den vergangenen 17 Jahren.

Es geht ums Loslassen

Diesmal geht es ums Loslassen. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Martin Germer beschäftigt sich gerade viel mit Symbolik. Es liegt wohl an dem großen Schritt, den er jetzt machen muss und will. Heraus aus der Funktion und aus der Bedeutung. Er muss andere übernehmen lassen. Weil er weiß, dass ihm das nicht leichtfällt, lässt er Bilder sprechen. Zum Beispiel will er nicht im Talar in der Kirche fotografiert werden. Evangelischer Pfarrer bleibt er ja, aber eben nicht im Amt. Das Bild soll das also auch aussagen.

Kein Talar also. Zum Gespräch ist Germer stattdessen im blauen Anzug erschienen. Er ist älter geworden in den 17 Jahren – wie wir alle – Haare und Schnauzbart sind ein bisschen grauer. Aber sonst hat er sich nicht viel verändert. Er erzählt immer noch gern und unterstreicht das Gesagte mit den Händen.

Marin Germer ist trotzdem ein nachdenklicher Mensch. Das Loslassen ist bei ihm ein bewusst gesteuerter Prozess. In der nächster Zeit will er zum Beispiel nicht mehr in die Gottesdienste in der Gedächtniskirche kommen. „Ich gucke mich ein bisschen um“, sagt er. In anderen Kirchen.

In der Gedächtniskirche
In der GedächtniskircheEmmanuele Contini

Neulich war er in einem Gottesdienst in der Marienkirche, dann im Dom. Den Freiraum hat er ja jetzt, da er nicht mehr selbst Gottesdienste leiten muss. Außerdem hat er sich vorgenommen, in seiner bisherigen Gemeinde keine Aufgaben zu übernehmen, auch keine kleinen. Keine Feste mit zu organisieren zum Beispiel. Damit er nicht in Versuchung kommt, vielleicht. Er will sich nicht einmischen. Das hat er sich fest vorgenommen und setzt sich selbst bewusst Grenzen. Seinen ersten Tag im Ruhestand hat er „mit einer schönen Bergtour gewürdigt“ – Urlaub also, eine Reise.

Hinter sich lässt Germer allerdings nur sein Amt als Pfarrer dieser Gemeinde und nicht die Gedächtniskirche. Im Gegenteil. Jetzt, da er als Pfarrer im Ruhestand ist, kann er sich endlich auf diese andere große Aufgabe konzentrieren. So könnte man es auch sehen.

Es ist die Gedächtniskirche selbst, der Bau, die Sanierung des Gebäudeensembles. Bisher hat er sich nebenbei darum gekümmert. „Aber es ist ja viel zu viel Arbeit für nebenbei“, sagt Germer. Jetzt ist er damit beauftragt. Germer bleibt geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche, zuständig für alle baulichen Aufgaben und ihre Organisation. Es gibt einen Vertrag erst mal über ein Jahr. Dann muss man weitersehen.

Es wartet eine Menge Arbeit. Das Gerüst am Glockenturm steht bereits. Germer hofft, dass mit den Arbeiten noch in diesem Jahr oder spätestens nach dem Winter begonnen werden kann. Viele Betonwaben-Elemente, jene Teile, die die Kirchenfenster halten, müssen ausgebaut und saniert werden. Der Stahl innen drin ist rostig. Es ist ein irrer Aufwand, die Teile Stück für Stück zu zerlegen und nach der Restaurierung wieder zusammenzubauen. Die Konstruktion ist irrwitzig kleinteilig. Stahlträger halten Hunderte Waben zusammen. Jede Wabe besitzt 56 Glaselemente. Und davon gibt es Tausende. Im neuen Turm und in den beiden Wänden der eigentlichen Kirche sind über 22.000 einzelne Glasfelder eingebaut.

Wenn Martin Germer erst mal anfängt, von dem Kirchenbau zu erzählen, findet er so schnell kein Ende mehr. Er kann sich begeistern für die Baudetails, die Architektenentwürfe, die vielen Dokumente, die er in den Archiven über die Kirche und ihren Bau gefunden hat. Wer was wann zu welchem Zweck veranlasst hat. „Ich weiß so viel über diese Kirche. Ich schreibe noch ein Buch darüber“, sagt Germer. Seine Frau arbeitet noch. Wenn er die Arbeit an der Kirche in zwei bis drei Jahren beenden würde, wären sie gleichzeitig fertig. Möglicherweise. Konjunktiv. Und dann wäre da ja noch das Buchprojekt. Diese Kirche ist wohl so etwas wie Germers Lebensthema.

In der Mitte des Anschlags auf dem Breitscheidplatz

Zu erzählen hätte Germer aber auch sonst einiges. Das einschneidendste Ereignis in Germers Laufbahn war von außen betrachtet wohl der Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Bei dem Attentat eines islamistischen Gewalttäters im Dezember 2016 starben zwölf Menschen, elf Marktbesucher und der zuvor ermordete Fahrer des Lastwagens, den der Täter in die Menge steuerte. Ein weiterer Mann starb Jahre später an den Folgen seiner Verletzungen. Somit sind es 13 Tote und eine Vielzahl von Verletzten. Am Tag nach dem Anschlag fand in der Gedächtniskirche ein Trauergottesdienst statt, an dem Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahmen.

Das sind die dürren Daten. Und wie sieht es von innen aus? „Auch für mich war es das folgenreichste Ereignis, weil das Thema mich seither begleitet. Wir haben jedes Jahr Andachten zum Jahrestag gemacht. Das hat jedes Jahr mehrere Wochen geprägt“, sagt Germer. Der Anschlag hat auch ihn geprägt und erschüttert. Er hat sich damit auseinandergesetzt, immer wieder, um seine Rolle zu finden. „Ich bin nicht direkt betroffen gewesen. Ich muss mich also nicht als Opfer fühlen. Opfer sind andere“, sagt er. Seine Aufgabe sei es gewesen, die Betroffenen zu begleiten und zu unterstützen und auch an der öffentlichen Wahrnehmung des Ganzen mitzuarbeiten.

Germer hat viele Interviews zu diesem Thema gegeben. Er habe etwas beisteuern wollen, sagt er. Seinen Blick. Am Anfang ging es lange um die Frage, ob es überhaupt genug Anteilnahme gibt. „Mir war es wichtig, davon zu erzählen, was wir hier an Anteilnahme erlebt haben. Das geht ja bis heute“, sagt er. Später ging es um eine angemessene Form der Erinnerung.

Für Germer hat sich aus dem Ereignis ein enger Kontakt zu Muslimen in Berlin ergeben. Angefangen hatte das mit einer Anfrage der Dar-Assalam-Moschee, ob er sich vorstellen könnte, sich an einem gemeinsamen Friedensgebet zu beteiligen. Martin Germer fand die Idee gut. Das findet er noch heute. An der Kundgebung hätten so viele Vertreter der in Berlin vertretenen Religionen teilgenommen. „Es gab dann ein islamisches Friedensgebet, gesprochen von einem Schiiten, zu dem auch die Sunniten und die Ahmadiyya gemeinsam Amen gesagt haben. Und das gibt es gerade in der Welt nicht allzu oft“, sagt Germer.

Für ihn ergaben sich daraus dauerhafte Kontakte zu muslimischen Geistlichen. Er setzt sich auch für sie ein, wenn sie angegriffen werden, von Polizei und Staatsanwaltschaft, und er das Gefühl hat, hier werde mit zweierlei Maß gemessen. „Für mich ist das ein Beispiel, wie aus etwas Schlimmem auch etwas Gutes erwachsen kann“, sagt er – eine Art überkonfessionelle Solidarität.

Wenn man den Anschlag und seine gesamten Auswirkungen auf die Gedächtniskirche betrachtet, stellt sich natürlich die Frage, ob Germer das Gefühl hat, mit diesem krassen Ereignis angemessen umgegangen zu sein. Er überlegt eine Weile. „Ich denke, ja. Wir konnten anderen Menschen helfen. Es sind so viele Menschen aus der Stadt gekommen, die einen Ort gesucht haben für ihre Anteilnahme und ihre Ratlosigkeit, und wir waren einfach da“, sagt Germer. So gesehen war es ein Glück, dass sich auf dem Platz des Anschlags zufällig eine Kirche befunden hat.

Martin Germer ist eher zufällig Pfarrer geworden. So erzählt er es an diesem Tag im Untergeschoss in der Gedächtniskirche. Irgendwann vor dem Abitur sei ihm eine Werbebroschüre der evangelischen Kirche in die Hände gefallen, in der beschrieben war, was für ein vielfältiger Beruf der des Pfarrers ist. Gemeindepfarrer, Religionslehrer an Schulen, Krankenhausseelsorger, Gefängnisseelsorger, Rundfunkpfarrer. „Das gefiel mir“, sagt Germer. Eher Beruf als Berufung also? „Dass mich eine innere Stimme dazu gebracht hätte, eine Botschaft zu verkünden, das jedenfalls nicht.“

Er hat sich immer wieder mit Glaubensfragen beschäftigt, mit der Frage, was das eigentlich heißt, die Existenz Gottes. Er hat auch Zweifel. „Das gehört dazu, es ist gut, es bringt einen weiter“, sagt Germer. Letztlich ist er heute sehr zufrieden mit seiner Wahl. Und natürlich mit dem Ort, an den es ihn in seiner Laufbahn gespült hat. „Die Gedächtniskirche ist einfach ein toller Ort“, sagt er.

Martin Germer hat einen großen Schlüsselbund. Es sind alles Kirchenschlüssel. Einen Teil wird er behalten, solange er sich mit der Sanierung beschäftigt. Er behält auch ein Büro. Nicht dasselbe, indem er bisher gearbeitet hat. Das muss er noch ausräumen. Das Ausräumen hilft dann auch beim Loslassen. „Ich werde nur noch hier sein, wenn ich hier auch eine Aufgabe habe“, sagt Germer und lacht. Es klingt nach einem festen Vorsatz.