Berlin - Endlich wieder die Handykamera zukleben, einmal die Tasche herzeigen und rein in den Club! Am Freitagabend erwachte die Berliner Clubkultur nach Monaten aus ihrem tiefen Coronaschlaf. Ein Stück Berliner Normalität kehrt damit zurück. Nach dem elend langen Lockdown findet man sich als Ausgehfan jetzt zwischen Baumhaus und Pizzaofen, Wintergarten und Strand wieder - in diesem speziellen Club sind, wie an so vielen Berliner Tanzlocations, keine Fotos erlaubt. Auch eine namentliche Nennung sei nicht erwünscht, lässt der Veranstalter ausrichten. Man schätze die Privatsphäre. Das Freiheitsgefühl beim Flug über die Tanzfläche soll ungestört bleiben, reale Abbildungen würden solche Orte nur entzaubern.

Werbung hat dieser Berliner Club aber auch wirklich nicht nötig, die Tickets fürs Wochenende waren schnell ausverkauft. Trotz des stolzen Preises von 22 Euro und einer zeitlichen Begrenzung von 14 bis 0 Uhr.

We need more umpfff!

Technoclubs leben von verspielten Details, die überraschen. Diesmal stolpere ich in eine ganz in Gold eingekleidete Toilettenkabine. Statt Aufklebern und Filzstift schmücken eingerahmte Sprüche Wände und Tür: „We need more umpfff“. Genau wie die Kunst, tragen auch die Menschen ihren Teil zur Gestaltung der Clubs bei: ein paillettenbesetzter Turnbeutel tanzt vor mir, ein durchsichtiger Umhang mit Blumenmuster weht vorbei, und das klassisch knappe schwarze Outfit sieht man am häufigsten direkt vor dem DJ-Pult.

Aus dem Gebäude auf dem Gelände, in dem vor Corona die Party stattfand, ragt ein Balken. Auf ihm sitzen fünf Schaufensterpuppen, wohl in Anlehnung an das berühmte Foto „Men at Lunch“. Drei sind ins Gespräch vertieft, eine lehnt sich gefährlich weit zurück, vom Handgelenk der fünften baumelt eine kleine Diskokugel. Vor der Garderobe steht ein verschnörkelter Rahmen mit dem lebensgroßen Gemälde einer Dame. Sie trägt eine schwarze Maske. Als es noch etwas leerer ist, müssen die Türsteher besonders viele Menschen an die Maskenpflicht erinnern, sobald sich die Tanzflächen füllen, halten sich aber die meisten daran.

Auf den drei Floors im Freien spürt man die Hoffnung auf Freiheit. Auf eine Zeit nach Corona. Es ist später Nachmittag, vorsichtig pendeln wir uns ein, wippen, nicken, schwipsen. Einige geben gleich Vollgas. Wir haben schließlich nicht das ganze Wochenende Zeit. Eigentlich ist es zu heiß für jede Bewegung, Zeit für eine kleine Wasserschlacht. Das Personal packt den Schlauch aus, Sprühflaschen befriedigen den Spieltrieb der einen und tragen zur Kühlung der anderen bei.

Man hört Geschnatter an jeder Ecke, Aufbruch, die Menschen dürsten nach neuen Bekanntschaften. Und nach einer Auszeit, sie wollen abschalten nach der langen Arbeitswoche. Chris erzählt, er habe sein Geschäftsmeeting kurzerhand hierher verlegt. In welcher Branche das geht? Selbstständig, sagt er.

Die Flossen im Sand, schlürfe ich meinen Mate und beobachte, wie die Nebelmaschine die Strahlen der Sonne zwischen die Pflanzenkübel über der Tanzfläche zeichnet. Dasselbe Bild wie an dem Abend im Herbst, als ich das letzte Mal feiern war. 

„Wann war dein letztes Mal?“ wurde in den Wintermonaten zur Smalltalk-Frage. Bei vielen Spaziergängen zu zweit gedachten wir gemeinsam dem Berliner Nachtleben. Deshalb weiß ich das Datum noch: Am 17. Oktober 2020 war ich zum letzten Mal hier. Damals noch mit Stoffmaske und schlechtem Gewissen. Erlaubt war es, solidarisch nicht. Die Zahlen stiegen, und es war die letzte Gelegenheit.

„Rhythmus ist uns angeboren, wie die Lust nach Freude, Ekstase und Zusammenhalt. Tanzen macht glücklich, tanzen macht frei. Wie fast keine Kultur überwindet sie (die Feierkultur) gesellschaftliche Grenzen, Vorurteile und Engstirnigkeiten“, steht auf einer Tafel. Dieser Gedanke zieht mich auf den im vergangenen Jahr neu entstandenen Outdoor-Technofloor. Das Wellblechdach ist teilweise offen, darunter spenden ehemalige Straßenlaternen bläuliches Blitzlicht. Über der Bühne ist ein weiß glitzernder Stierkopf angebracht, in seinen goldumrahmten Nüstern baumelt ein Nasenring. Jubelschreie antworten auf die dunkler werdenden Tonlagen, ein Sample zu „Social Distance“ ertönt - die Pandemie, verarbeitet im Technotrack. Vergangenen Herbst hat der Stier Feuer gespien, doch diesmal ist es noch hell, als ich weiterziehe.

„Wir wussten nicht, dass wir vorher Tickets kaufen müssen“, erzählt mir Sarah in der Tram. Sie und ihr Freund treten deshalb unverrichteter Dinge den Heimweg an. Es ist kurz vor neun Uhr, die anderen Clubs müssen um 22 Uhr schließen, wegen der Lautstärke. Ich schaue beim Yaam vorbei, doch dort ist Tanzen auch vor 22 Uhr nicht möglich, eine Anmeldung als Tanzveranstaltung mit Tests strengt der Club erst zur Fête de la Musique an.

Auf der Brücke Warschauer Straße vibriert die Luft, die Menschen bewegen sich rhythmisch vor einer Gruppe von Straßenmusikern. Das macht Hoffnung, dass auf dem RAW-Gelände vielleicht noch etwas los ist. Doch beim Haubentaucher ist um 21.30 Uhr „Einlass-Stopp“, der Weiße Hase veranstaltet eine Silent Disko mit Kopfhörern im Garten, im Innenraum ist das Musikhören nur sitzend erlaubt. Nicht tanzen? Da zieht es mich doch eher zur Comedy vor dem Badehaus. „Ramon, de donde eres?“, fragt der Comedian einen Mann im Publikum. „Aus einem Dorf in Deutschland“, antwortet der. Lautes Lachen schallt durch die Sommerluft. Die Berliner Kulturszene ist wiederbelebt.