Liebe C,

vielleicht wirst du mich in ein paar Jahren fragen, was das für eine Zeit war, als Berlin den Frauentag zu einem Feiertag machte. Ich male mir aus, dass du diese Frage mit großen Augen stellst, weil du den Frauentag nur noch als Folklore kennst, als einen Tag, an dem wir Frauen zusammen losziehen, mit Bollerwagen und Bier, und die Männer am Wegesrand mit roten Nelken bewerfen. Leider sind gesellschaftliche Veränderungen selten in ein paar Jahren zu haben. Und die To-do-Liste in diesem Jahr, in dem Berlin den Frauentag zum Feiertag machte, ist lang.

Aber davon weißt du noch nichts mit deinen drei Jahren. Wobei ich manchmal darüber erschrecke, wie früh Geschlechterfragen in das Leben eines Kindes drängen. Neulich saßt du vor deinem Kleiderschrank – da verbringen wir gerade viel Zeit, weil du darauf bestehst, dich selbst anzuziehen –, draußen graues Berliner Februarwetter, drinnen hieltst du das Kleid mit den Pailletten umklammert, das dir deine polnische Oma geschenkt hatte – ich wedelte mit der gemütlichen Cordhose. „Weißt du“, sagte ich schließlich verzweifelt, „früher durften die Frauen keine Hosen tragen!“ Du sahst mich fragend an. So kamen wir nicht weiter.

Ich erspare dir die Zahl, wie viele Frauen naturwissenschaftlich arbeiten

Vielleicht ist es nicht so wichtig, ob du jeden Tag als Prinzessin in die Kita gehst, vielleicht zählt es mehr, dass du deinen eigenen Kopf hast. Sowieso bin ich optimistisch, was deine Familie dir mitgeben kann, aus feministischer Perspektive. Deine polnische Großmutter hat immer gearbeitet, klar, so war das im sozialistischen Polen der 80er-Jahre. Deine deutschen Urgroßeltern hatten einen Friseursalon, und es war dein Urgroßvater, der mittags nach Hause ging, um für die Kinder zu kochen, weil deine Uroma mehr Kunden hatte. Was ich sagen will: In deiner Familie waren die Frauen noch nie nur Hausfrauen.

Heute siehst du deinen Papa öfter die Wäsche aufhängen als mich; dafür koche ich und bringe dir bei, wie man Brötchen backt – Backen ist schließlich Chemie, denke ich, und vielleicht sind Naturwissenschaften ja was für dich. Womit wir wieder beim Frauentag wären. Und da hört mein Optimismus auf. Ich kann dir nämlich zu Hause so viel Emanzipation vorleben, wie ich will, kann mir die Elternzeit fair teilen, die Kinderbetreuung, den Haushalt, kann dafür sorgen, dass neben deiner Kinderküche auch ein Werkzeugkoffer steht, dir Gute-Nacht-Geschichten über starke Frauen vorlesen, und dann betrittst du die Welt da draußen und egal wie schlau, egal wie fleißig du bist, gegen die Statistik anzuleben ist so unfassbar anstrengend! Ich erspare dir die Zahlen, wie viele Frauen in naturwissenschaftlichen Studiengängen ausgebildet werden. Oder Unternehmen gründen. Oder in Parlamenten sitzen.

An die AfD wirst du dich hoffentlich nicht erinnern

Gutes Stichwort! Lass mich dir eine Anekdote aus dem Jahr 2019 erzählen, aus der Debatte im BerlinerAbgeordnetenhaus zum neuen Feiertag. Ines Schmidt von der Linken stand am Rednerpult und sprach darüber, dass sie dafür sei, dass Parlamente in Zukunft zu gleichen Teilen mit Männern und Frauen besetzt werden. Zwischenruf von rechts, wo die AfD sitzt (eine Partei, an die du dich hoffentlich nicht erinnern kannst), mit einem Frauenanteil von neun Prozent in der Fraktion: „Die Frauen müssen aber auch was leisten, so einfach ist das!“ Worauf Frau Schmidt kurz die Fassung verlor: „Wat meinen Sie, dass unsere Frauen bei den Linken nüscht leisten? Wat ist denn mit Ihnen los?“

Du siehst, wie viel es 2019 noch zu tun gab. Und ich habe noch nicht mal vom Abtreibungsparagrafen gesprochen. Übrigens sind Frauen schon vor neunzig Jahren auf die Straße gegangen, um für ihr Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu protestieren – apropos langwierige Veränderungsprozesse.

Mir selbst hat der Frauentag lange nichts bedeutet, bei uns im Norden, wo ich groß geworden bin, gab es Blumen zum Muttertag. Ich habe nichts gegen Blumen, aber jetzt, wo ich selbst Mutter bin, hätte ich lieber eine Politik, die Frauen die gleichen Chancen wie Männern verschafft. Dafür gehen wir beide am Freitag auf die Straße. Damit ich eine gute Antwort habe, wenn du mich später fragst: Und wo warst du an dem Tag, als der Frauentag in Berlin ein Feiertag wurde?