Spittelmarkt mit Gertraudenkirche, 1783, auf einem Gemälde von Johann Georg Rosenberg. Der Name Spittelmarkt zeugt bis heute von dem dort gelegenen Hospital für mittellose und kranke Bürger.
Abbildung: Wikimedia Commons

BerlinNeben den mächtigen Fassaden der einstigen Handelshochschule an der Spandauer Straße wirkt die Heilig-Geist-Kapelle geradezu niedlich. Aber sie ist nicht nur eine feine gotische Architektur und einer der ältesten erhaltenen Bauten Berlins, sondern auch die letzte Zeugin des mittelalterlichen Kranken- und Gesundheitswesens der Stadt. Erstmals wurde das Heilig-Geist-Spital 1272 in einem Brief der Bäckergilde erwähnt, welche ihm darin die andauernde Versorgung mit Brot zusicherte. Es war nicht die erste Spendenzusage, und nicht die letzte: Das Spital stand schließlich am Ausgangspunkt des Pilgerwegs zur Heilig-Blut-Kirche in Wilsnack.

Nachrichten vom Spital

Bauliche Spuren: Von den drei mittelalterlichen Spitälern in Berlin existiert physisch nur noch die Kapelle des Heilig-Geist-Spitals. Sie blieb beim Abriss des Spitals erhalten. Fundamentreste dieses Baus wurden bei Ausgrabungen des Friedhofs freigelegt.

Dokumentarische Spuren: 1272 bestimmt ein Gildebrief der Bäcker, „die Armenhöfe Sankt Spiritus und Sankt Georg“ sollten stets mit gutem Brot versorgt werden. 1288 heißt es im Privilegium der Schneider, jeder der Gilde Beitretende habe je eineinhalb Pfund Kerzenwachs an die beiden Spitäler zu entrichten.

Die Betreuten: Eine Urkunde von 1313 besagt unter anderem, dass im Spital je 16 alte Männer und 17 Frauen unterhalten wurden.

Um 1300 waren genug Erträge aus Stiftungen, Erbschaften und Spenden zusammengekommen, damit der Kapellenbau aus Ziegelstein entstehen konnte. 1313 bestimmte eine Stiftung, dass 16 alte Männer und 17 Frauen durch das Spital versorgt werden sollten. Auch hier zeigt sich die für die Vormoderne charakteristische Überschneidung zwischen Armen-, Kranken- und Altenfürsorge.

Wie die allermeisten Institutionen der Armen-, Sozial- und Gesundheitsfürsorge des Mittelalters, war auch das Heilig-Geist-Spital auf die Hilfe der Bürger angewiesen. Nur selten engagierten sich der Staat oder die Kommunen direkt. Deswegen ist die Zahl solcher Anlagen durchaus auch ein Hinweis auf den Wohlstand einer Gemeinde. Berlin, das im Spätmittelalter zur wichtigsten Handelsstadt der Mark werden sollte, unterhielt seit dem 14. Jahrhundert gleich drei klosterartige Stiftungen für die Versorgung von Reisenden, physisch oder geistig Kranken, alleinstehenden Alten, körperlich Behinderten, Witwen und Waisen: neben dem Heilig-Geist-Spital das 1278 erstmals erwähnte Georgenspital nahe dem heutigen Alexanderplatz, das als Haus für Leprakranke und „Aussätzige“ diente, sowie das 1406 für die Unterbringung von nicht verheirateten Bürgertöchtern und die Armenfürsorge gestiftete Gertraudenspital am Spittelmarkt.

Gerade aus der mangelnden Überlieferung – auf Krankenhausbauten war man meistens stolz! – muss man konstatieren, dass die Berliner Hospitäler bis weit ins 19. Jahrhundert hinein keine Prachtbauten waren. Weit entfernt waren sie vom Heilig-Geist-Spital der wohlhabenden Hansestadt Lübeck mit seiner langen, hohen Halle. Auch die Kunstschätze der Berliner Spitäler, die wesentlich in den Sammlungen des Märkischen Museums bewahrt werden, zeugen eher von lokaler Bedeutung.

Schon gar nicht konnten sich diese Bauten messen mit dem grandios-systematischen Mailänder Ospedale Maggiore von 1456 mit seinen acht Innenhöfen und darum herum angelegten Pflegehallen, oder dem monumentalen Hospital de Santa Cruz in Toledo von 1504.

Berliner Hospitäler bestanden dagegen auch noch im 17. Jahrhundert aus einigen Fachwerkgebäuden mit einer Halle für die Kranken und Armen – frische Luft war Standardforderung seit der Antike und dem Hohen Mittelalter, als die Kreuzfahrer aus dem islamischen Orient neue Vorstellungen von Krankheit und Gesundung in den Westen und Norden Europas mitgebracht hatten. Dazu ein Wohnhaus für den Priester und seinen Küster mit dessen Familie, eine ziegelsteinerne Kapelle, ein Garten für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und daneben ein kleiner Friedhof. Der gehörte unabdingbar dazu – nicht nur, weil die Sterberate erheblich war: Die Menschen mussten angesichts des Stands der Medizin, die auf der Lehre vom Ausgleich der Körpersäfte und der Idee von schädlichen „Miasmen“, also Ausströmungen aus Erde, Luft oder Wasser aufbaute, wirklich auf Gottes Gnade hoffen.

Auch deswegen sind Krankenhallen oft wie Kirchen errichtet worden, inklusive Altar. Die Kranken und Sterbenden sollten an der Segnung des Gottesdienstes teilhaben, im „Hotel Dieu“, also Haus Gottes, umweht werden von „Heilig-Geist“, „Santa Cruz“, „Spirito Santo“. Im Grundsatz blieb dieses medizinische und soziale Modell – eine oder mehrere Hallen und das gemeinsame „Behandeln“ von Krankheit und Armut – architektonisch und methodisch über Jahrhunderte gleich. Auch das erste Pestkrankenhaus der Charité folgte ihm noch im frühen 18. Jahrhundert.

Dabei war die Gefahr, die von dieser Zusammenballung von Menschen unterschiedlichster Bedürftigkeit ausging, durchaus bekannt: Man versuchte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit allen Mitteln, nicht eingeliefert zu werden. Denn Hospitäler galten als Institutionen der Armenfürsorge, waren oft überfüllt, die medizinische Betreuung miserabel, weil die Ärzte direkt bezahlt werden mussten. Hygiene blieb ein Fremdwort. Noch 1858 klagte die Krankenschwester Florence Nightingale in ihrem legendären Bericht „Notes on Hospitals“, dass die hygienischen Verhältnisse in Londoner Krankenhäuser – und die galten international als vergleichsweise gut – dazu führten, dass Menschen früher stürben, als wenn sie zu Hause geblieben wären.

Doch da hatte die neue Zeit bereits begonnen. 1854 beschrieb erstmals (wenn auch lange unbemerkt) Filippo Paccini den Auslöser der Cholera, einen stabförmigen Bazillus; 1883 folgte ihm Rudolf Virchow mit seiner neuerlichen Beschreibung. Während der schrecklichen Cholera-Epidemie von 1855 entdeckte der Londoner Arzt John Snow, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen unsauberem Trinkwasser, dessen Gewinnung aus dem Flusswasser der Themse, und der Zahl der Kranken gab: Als er von der Hauptwasserquelle den Brunnenschwengel abnahm, sank die Infektionsquote schlagartig.

Im selben Jahr eröffnete in Paris das Hospital Lariboisière, mit dem sich das Pavillonsystem durchsetzte. Innerhalb weniger Jahrzehnte stürzte damit nicht nur eine fest etablierte medizinische Welt, sondern auch eine jahrhundertealte architektonische und soziale Tradition in sich zusammen. Auch in Berlin blieben von der alten Krankenwelt nur die Namen wie Gertrauden-Krankenhaus oder die kleine Heilig-Geist-Kapelle. 1720 wurde das „Pesthaus“, also das Georgenhospital wegen Baufälligkeit abgetragen. 1825 fiel das Heilig-Geist-Spital.

Der barocke Nachfolgebau des Georgenspitals hielt bis 1885, dann wurde die Institution zusammen mit dem Heilig-Geist-Hospital nach Wedding versetzt. Die Spuren ihres gemeinsamen Krankenhauses verschwanden mit dem radikal alle Ruinen abräumenden Wiederaufbau des Bezirks nach dem Zweiten Weltkrieg, die schwer beschädigte Georgenkirche fiel dem sozialistischen Aufbau des Alexanderplatzes zum Opfer.

Auch das in den 1660er-Jahren erneuerte Gertraudenspital musste 1871 seinen historischen Standort aufgeben. Es zog um nach Kreuzberg, in ein modernes Krankenhaus mit Pavillons und heiteren Gärten. Nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Verwaltung des Urban-Krankenhauses gestellt, wurden die einst den Armen und Kranken gewidmeten Bauten zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Plänen von Stephan Höhne in einen teuren „Wohnpark“ umgewandelt.