Obwohl die Tür offen steht, kann man den Zettel nicht übersehen. Die vielen Ausrufezeichen und unterstrichenen Wörter schießen einem förmlich in die Augenwinkel. „Liebe Nachbarn!“, steht darauf, „Nachbarn“ ist unterstrichen. „Bitte keine!! (unterstrichen) Pakete und Päckchen für M. (Name unterstrichen) mehr annehmen!! Danke!“ Wer immer das geschrieben hat, die Botschaft ist wichtig. Doch warum soll keiner die Sendungen mehr annehmen? Sind es zu viele? Holt M. sie nicht ab? Oder will M. nicht, dass seine Pakete in fremden Wohnungen liegen? Ist etwas Verbotenes drin?

Spannend. Grübelnd trete ich durch die Tür in den Flur des Hauses. Auf den Briefkästen liegt eine Puppe. Rotes Kleid, weiße Tupfen. Ihre Frisur ist wild, wie toupiert, und ihre Füße sind ganz kurz und kugelig. Bestimmt hat eine fürsorgliche Person sie nach oben gelegt, damit das suchende Kind sie gleich sieht. Hoffentlich bald. So kleine Füße gehören nicht in ein zugiges Treppenhaus.

An der Tür zum Hof klebt ein weiterer Zettel. Ein Katzenhalsband wird vermisst, mit der Aufschrift „Cipollino“. Auch der Nachname des Kindes, das den Finder darum bittet, es in den Briefkasten zu werfen, klingt italienisch. „Cipolla“ ist die Zwiebel. Die italienische Katze heißt also wie ein kleines Gemüse oder, wie ich im Internet erfahre, nach einem „karbonatischen Naturwerkstein mit streifig-welliger Textur“. Ein dritter Aushang stammt von einem verzweifelten Bewohner, dem das vierte Mal sein Fahrrad gestohlen wurde. Vom Hof! Zwei Schlösser haben nicht gereicht.

Wohnhäuser gleichen aufgeschlagenen Büchern

Franz Hessel, der große Leser der Stadt, hat gesagt: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze, Seiten eines immer neuen Buches ergeben.“ Besonders mag ich das eigentümliche „gleichberechtigt“. Eigentümlich, denn: Warum sollte nicht jeder Buchstabe die gleichen Rechte haben? Ist ein „C“ oder ein „I“ weniger wert als ein „N“ oder ein „E“? Auch ohne das „C“ und „I“ wäre das Alphabet unvollständig und Cipollino hätte einen anderen, womöglich öderen Namen. Bezieht man das Wort aber auf die Menschen, Auslagen und Café-Terrassen, tritt eine große, schöne Wahrheit zutage: Alles ist relevant, und in allem stecken Geschichten. Im müden Gesicht eines Nachtschichtlers genauso wie in einer alten Eiche, in einer vollen Straßenbahn ebenso wie hinter den getönten Scheiben einer Limousine.

Was mir fehlt in Hessels Satz: die Wohnhäuser, ihre Eingänge und Flure. Wenn die Türen offenstehen, gleichen sie aufgeschlagenen Büchern voller kleiner und großer Rätsel. Ist die italienische Katze nach einer Zwiebel benannt oder nach einer Marmorart? Wird die Puppe mit den kleinen Füßen abgeholt, der Fahrraddieb gestellt oder ist es eine Diebin? Und was wird mit Herrn M.’s Paketen? Lauter Geschichten. Oder eine große? Denn schließlich hängt doch alles mit allem zusammen. Wie die Buchstaben des Alphabets.