Berlin - Eigentlich hätte der vorige Freitag einer der besten Tage seit Langem für Hartmut Mehdorn sein können. Der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) tagte, nachmittags um halb fünf war Pressekonferenz, und zum ersten Mal in seinen zwanzig Monaten im Amt konnte Mehdorn einen Erfolg verkünden: eine konkrete Terminplanung bis zur Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER, der seit zweieinhalb Jahren ungenutzt und unvollendet vor sich hin dämmert. Ein Triumph war es nicht, dafür ist die Zeitspanne von drei Jahren, bis der Verkehr beginnen kann, zu lang. Aber immerhin: Das Projekt, das für die Hauptstadt längst zum Trauma geworden ist, hat wieder eine Perspektive.

Doch dann wurde Mehdorn gefragt, ob er denn noch als Flughafenchef bei der Eröffnung dabei sein werde. Das wisse er nicht, sagte er, und es interessiere ihn auch nicht besonders. Man darf vermuten, dass er da längst beschlossen hatte, die erste Möglichkeit zum gesichtswahrenden Rückzug zu nutzen – und die bot sich nun.

Kaum bezwingbares Chaos

72 Jahre alt ist Mehdorn, und schon bei seinem Antritt im März 2013 fragten sich viele, warum er seine Managerkarriere nach den aufreibenden Jahren bei der Bahn und bei Air Berlin noch einmal verlängern wollte – noch dazu am Berliner Flughafen, wo er damit rechnen musste zu scheitern. Denn die Baustelle war in einem beklagenswerten Zustand.

Mit der Kündigung des Generalplaners gmp im Jahr 2012 hatten viel zu viele Planer gehen müssen. Ohne sie war es beinahe unmöglich, auf der chaotischen Baustelle einen Überblick zu gewinnen. Bis heute existieren für manche Räume des Terminals bis zu 17 Pläne, die sich teils widersprechen.

Auch der damalige Technik-Vorstand Horst Amann, früherer Chefplaner am Frankfurter Flughafen, hatte still kapituliert und konzentrierte sich auf die Erstellung einer Mängelliste, die am Ende angeblich 50.000 Punkte umfasste und dennoch nicht fertig war. Mehdorn konzentrierte sich auf drei Punkte: Er wollte Amann loswerden, was ihm nach einem halben Jahr gelang. Er belebte die Debatte um den Flughafen mit originellen Vorschlägen. Mal wollte er Tegel offen halten, mal eine Teileröffnung für einige Monate durchsetzen, mal den Flughafen Schönefeld weiter nutzen. Und er bemühte sich, die Baustelle neu zu organisieren. Mit diesem Punkt, dem wichtigsten, tat er sich am schwersten.

Spannungen mit den Auftraggebern

Zwar holte er etliche geschasste Planer zurück an die BER-Baustelle. Zwar zogen mit ihm – und mit zahlreichen Unternehmensberatern, die er unter Vertrag nahm – moderne Organisationsstrukturen und Arbeitsformen in der Flughafengesellschaft ein. „Sprint-Team“ nannte er die neue Organisation, die in einigen Räumen im Erdgeschoss des Terminals einzog.

Es gab nun regelmäßige Besprechungen in großer Runde, die Fachleute für einzelne Baubereiche sollten mehr zusammenarbeiten. Von einem Sprint war dennoch nichts zu merken, eher wirkten die Aktivitäten an der Baustelle wie ein vorsichtiges Herumtapsen im dichten Nebel.

Unterdessen nahmen die Spannungen zwischen Mehdorn und seinen Auftraggebern – den Spitzenpolitikern in Berlin, Brandenburg und im Bund – stetig zu. Sie fühlten sich von ihm schlecht informiert, verübelten ihm seine Alleingänge. Mehdorn wiederum machte stets deutlich, wie lästig es ihm war, wieder und wieder Rechenschaft abzulegen. Sitzungen im Brandenburger Landtag, zu denen er eingeladen war, ließ er regelmäßig ausfallen.

Im Sommer – nachdem sie eine weitere Kostensteigerung in Milliardenhöhe abgesegnet hatten – beschlossen die Gesellschafter, die FBB von externen Beratern prüfen zu lassen. Für Mehdorn war das ein Misstrauensvotum. Heftig beschwerte er sich, sprach gar von „Inquisition“. Per Zeitungsinterview forderte er ein klares Bekenntnis der Politik zu ihm als Geschäftsführer. Es kam einige Tage später – nachdem mehrere Zeitungen auf der Grundlage gezielter Indiskretionen über eine bevorstehende Ablösung Mehdorns spekuliert hatten.

Müllers Angriff

Sollte Mehdorn noch nach einem letzten Grund gesucht haben, alles hinzuschmeißen, so lieferte ihn möglicherweise Berlins neuer Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Mit sachlichen Nachfragen soll er Mehdorn am Freitag im Aufsichtsrat deutlich gemacht haben, das er sich Veränderungen am Flughafen wünsche – womöglich mehr, als Mehdorn liefern konnte. So soll er nach dem Kommunikationskonzept der Flughafengesellschaft gefragt haben, das es offenkundig nicht gibt. Auch Müllers Einspruch gegen die Weiterbeschäftigung der teuren Unternehmensberater war ein Affront.

Jemand aus dem Aufsichtsrat sagte kürzlich, eigentlich bräuchte man an der Spitze des Flughafens einen Filigrantechniker mit diplomatischem Geschick. Beides geht Mehdorn ab. Auch für Bauthemen hat er sich nie besonders interessiert, sagt jemand, der lange für ihn gearbeitet hat. Dafür wiederum hat Hartmut Mehdorn seine Sache erstaunlich gut gemacht.