Ost und West fremdeln miteinander, ergab die Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Eine Überraschung? Nein, wirklich nicht.

Schauen wir zurück: 2018 warfen laut Emnid  39 Prozent der Befragten aus Westdeutschland dem Osten vor, zu undankbar für den Aufbau Ost zu sein.  56 Prozent der Ostdeutschen fand, dass Westdeutsche sie arrogant behandeln. 2017 ergab die Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung, das 55 Prozent der Ostdeutschen überzeugt waren, das Trennende überwiege. Der Sozialreport der Volkssolidarität fand 2010 heraus, dass sich lediglich 25 Prozent der Ostdeutschen  „als richtige Bundesbürger“ fühlen.

Zu doof? Zu faul?

Die werden sich bis heute bestätigt fühlen, wenn sie die Zahlen zur Vertretung von Ostdeutschen in Führungspositionen lesen: Letztens erfuhr  man aus einer Studie der Universität Leipzig, dass Menschen mit Ost-Hintergrund lediglich 1,7 Prozent aller betrachteten Führungspositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder beim Militär   besetzen. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt jedoch 17 Prozent.

Zu doof? Zu faul?  Oder blockieren  West-Übernehmer von 1990 ff. die Positionen? Nun gibt es Forderungen nach einer Ostquote, was ja hieße, Wessis müssten gehen. Glaubt kein Mensch dran. Wäre auch nicht grundsätzlich fair.

Historische Ignoranz

Jetzt, nach 30 Jahren Einheit, wird allmählich auch den blindesten Optimisten klar, dass die frühen Sprüche, das Trennende werde sich nach einer Generation ausgewachsen haben, realitätsfern  waren. Sie entsprangen der Pose von Heilsbringern. Jedenfalls aber waren solche Wunschvorstellungen nicht von Analysen getragen.

Schon  gar nicht hält man es der Mühe wert, mal historische Umstände zu bedenken,  die erklären können, warum  die Gegend östlich der Elbe  seit Jahrhunderten  anders funktioniert als der Westen. Weder die Römer noch Karl der Große setzten ihre Füße auf das Gebiet östlich der Elbe, nach Germania Slavica. Es mag seltsam klingen, aber es gibt gesellschaftliche Tiefenströmungen, und Görlitz ist Polen, Tschechien, der Slowakei näher als der oberflächliche Blick erhascht.

Aber zurück in die Gegenwart: Forsa stellt für die Berliner Zeitung fest, das manche Unterschiede sogar wachsen. So wollen wieder mehr Leute wissen, mit wem sie es zu tun haben: Kommt er/sie aus dem Westen oder aus dem Osten. Vor 30 Jahren sah man das auf den ersten Blick, das ist heute nicht mehr so einfach. Aber was ist  schlecht daran, sich für den anderen und seine Sozialisierung zu interessieren? Mich interessiert das immer. Dumm wird es erst dann, wenn daraus haltlose Schlüsse gezogen werden.

Als die BRD Ausländer aus der DDR entfernte

Aber es gibt auch real veränderte Umstände: Die AfD hat sich im Osten noch erfolgreicher etabliert als im Westen. Sie bietet dem vielfältigen, seit langem frei flottierenden Unbehagen an vielen Entwicklungen eine Heimat – und das nicht nur für jene gar nicht wenigen national-konservativen DDR-Bürger,  die 1989 auch einen Teil der Menschen ausmachten, die für einen Sturz des  DDR-Regimes auf die Straßen der großen und kleinen Städte gingen.  Diese Leute fanden es vollkommen in Ordnung, dass Helmut Kohl, Kanzler der Einheit beharrte „Deutschland ist kein Einwanderungsland“.

Sie freuten sich, dass die neue bundesrepublikanische Macht umgehend nach der Wende fast alle Ausländer, Zehntausende Menschen,  aus der DDR entfernte: Jugendliche aus Namibia, die in der DDR Bildung und Ausbildung erfahren hatten, Mosambikaner, Angolaner oder Vietnamesen, die die Arbeitskräftelücke gefüllt hatten, wurden in Eiseskälte entfernt. Ja, auch Leute, die Schwarze jagten und erschlugen - wie den angolanischen Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa  in Eberswalde.

Auch solche Leute, nicht nur protestantische Pastoren, hatten die  Wende mitbewirkt. Damals fanden sie in der Kohl-CDU ihre Leute, heute identifizieren sie sie in der AfD.

Ach ja, die Lebensleistung

Als Gegenmaßnahme zur schlechten Laune Ost läuft derzeit das Programm „Ossis streicheln“. Man müsse ihre Lebensleistung anerkennen, schmeichelt es aus den Mündern der immer schwächeren Volksparteien. Die Kanzlerin sagte es dieser Tage so: „Wir müssen es schaffen, dass alle Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik ihre Erfahrungen, ihr Wissen, ihre Lebensbiografie mit einbringen können, wenn wir gemeinsam unsere Zukunft gestalten.“

Da fällt einem doch sofort die Klimafrage ein:  das Megathema für die Deutschen, so jedenfalls der Eindruck der vergangenen Wochen. Nun antworteten die Leute auf die entsprechende Forsa-Frage (für RTL), dass ganze 36 Prozent den Klimaschutz für das derzeit „drängendste und wichtigste Problem, um das sich die Politik in Deutschland kümmern muss“ halten.

Klima ohne Grenzen

70 Prozent  der Ostdeutschen halten Klimaschutz für nicht so wichtig.  Interessant ist hierbei, dass bei näherem Hinsehen die schärfere Grenze gar nicht zwischen Ost und West verläuft, sondern zwischen den  Bildungsständen:  70 Prozent der Schüler und Studenten bejahen die  Fridays for Future-Bewegung.  Andererseits lehnen 56 Prozent der Auszubildenden und jungen Erwerbstätigen diese Einschätzung ab.

Eines steht aber unumstößlich fest: Der Klimawandel kennt kein Ost oder West, höchstens ein Oben und Unten.