Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul ist am 25. Juli 2019 an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben, wie die Süddeutsche Zeitung in Berufung auf das von Juul aufgebaute familylab bekanntgab. Juul wurde 71 Jahre alt. Seit 2012 war er brustabwärts gelähmt und lebte zuletzt zurückgezogen in Dänemark. Er hat zahlreiche Erziehungsratgeber geschrieben, darunter "Dein kompetentes Kind", "Grenzen, Nähe, Respekt", "Elterncoaching" und "Nein aus Liebe". In "Liebende bleiben" rät er Eltern, mehr an sich zu denken und ihre Liebesbeziehung auch im stressigen Alltag mit Kind weiter zu pflegen. Anlässlich seines Todes veröffentlichen wir noch einmal unsere Rezension zu diesem Buch.  

Schon wieder ein Trotzanfall - Streit und Geschrei vor dem Abendessen. Und bestimmt landet das Kind auch diese Nacht wieder im Elternbett und macht sich dort fuchtelnd breit. Am nächsten Morgen warten die nächsten Launen und Bedürfnisse, außerdem viel zu viel Arbeit im Job, die Windel-, Wäsche- und Geschirrberge, der Kampf um die Hausaufgaben, die Fahrdienste und Kita-Arbeitseinsätze. Der Alltag von Müttern und Vätern ist heute vollgepackt, anstrengend und stressig. Wo bleibt da eigentlich die Romantik? Die Zweisamkeit? Die Intimität?

Streit und Vorwürfe statt Kuscheln und Sex

Die Gefahr, dass Paare sich verlieren, wenn sie Kinder bekommen, ist real. Weil sie so in ihrem Alltag als Familie und Versorger eingebunden sind, so in der Erschöpfung untergehen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und die als Paar außer Acht lassen. Bis sie sich selbst vielleicht nicht mehr erkennen, das Gespür für den Partner und die Freude aneinander verloren haben. Statt Kuscheln, Liebesbekundungen und Sex gibt es Erziehungsdifferenzen, Streit um den Haushalt und Vorwürfe.

Aber wie können Eltern immer noch Paar bleiben, wenn das Familienchaos erst einmal ausgebrochen ist? Der weltberühmte dänische Familientherapeut Jesper Juul hat sich in seinem Buch „Liebende bleiben“ genau mit dieser Frage beschäftigt. Und er setzt direkt da an, wo das Gefühlsdurcheinander stattfindet, bei betroffenen Eltern. In sieben Interviews erzählen ganz verschiedene Paare aus ihrem Familienalltag und schildern konkrete Probleme. Es geht dabei um tägliche Auseinandersetzungen, die viele Eltern kennen. Um die Hilflosigkeit, wenn ein Partner viel weg ist. Um die Wut, wenn der andere „falsch“ erzieht. Um die Enttäuschung, wenn das Gegenüber wieder einmal gar nicht so agiert, wie man es erwartet. Und einfach alles zu viel wird.

„Zweisamkeit ist Elternrecht“

Jesper Juul spricht in seinem Buch aber auch schwierige Familiensituationen an, etwa wenn ein Partner suchtkrank oder depressiv ist, ein Elternteil eine extreme Nähe zum Kind hat oder die Beziehung kurz vor der Trennung steht. Der Familientherapeut fragt direkt und ungeschönt nach und lässt so die Eltern selbst ergründen, was sie eigentlich brauchen. Für die Paare geht es durchaus ans Eingemachte. Der typische Juulsche Humor aber führt dazu, dass die Gespräche nicht in düstere Ringkämpfe ausarten, sondern auch eine gewisse Hoffnung mitschwingt. Am Ende jedes Interviews – und das ist der Schatz dieses Buches - formuliert Juul gezielte Ratschläge für das Paar, die aber so lebensnah und prägnant sind, dass sie auch vielen anderen Eltern helfen können.

Den einen Geheimtipp für eine glückliche Beziehung hat Juul übrigens nicht auf Lager: „Es gibt hier kein Geheimrezept, leider.“ Entscheidend sei aber, zu verstehen, dass die Eltern-Beziehung wichtig ist. „Es ist meine tiefe Überzeugung: Zweisamkeit ist Elternrecht“, sagt Juul. Das Beste, was Mütter und Väter für ihre Kinder tun könnten, sei, gut auf ihre Beziehung als Paar aufzupassen. Und dazu müssten sie auch einmal den Fokus vom Kind wegnehmen und deutlicher Nein zu ihm sagen. Auch Kinder könnten verstehen lernen, was Mama oder Papa wichtig ist. Gerade Müttern falle es aber schwer, sich für die eigenen Bedürfnisse einzusetzen. „Manchmal ist es wichtig, dass Eltern zuerst an sich denken“, so der Familientherapeut, „statt immer nur das Beste für die Kinder zu wollen.“