Berlin - Er konnte vom Buchhandel nicht lassen. Als die Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz im Sommer 2002 Insolvenz anmelden musste, wäre wohl jeder andere im hohen Alter des Inhabers fortan lieber Angeln gegangen oder ins Gewächshaus, um Tomaten zu züchten. Nicht so Robert Kiepert.

Der damals schon 74-Jährige stieg in ein Geschäft ein, das seine Tochter gegründet hatte, und betrieb mit ihr die Versandbuchhandlung U+R Kiepert. Bis vor wenigen Jahren lieferte er die Bücher an Stammkunden noch eigenhändig aus. Beladen mit Bücherpaketen fuhr der greise Händler mit seinem Audi durch die Stadt und belieferte Ministerien, Sprachschulen und Bibliotheken. Oft brachte er Kekse mit – ein Service, den Amazon, im Liefertempo auch nicht schneller als der alte Mann, niemals würde bieten können. Ob alle derart Beschenkten wussten, dass im vermeintlichen Lieferanten der einstige Herr über ein wahres Bücherimperium steckte?

Landkarten waren die Spezialität

Die Buchhandlung Kiepert hatte mit ihren Zweigstellen in Hochzeiten 360 Mitarbeiter, allein im Stammhaus an der Knesebeckstraße arbeiteten 160. Auf drei Etagen fand man fast immer, was man suchte: Von technischen Fachbüchern – die TU war gleich nebenan – über Lyrik aus Kleinstverlagen bis hin zu seltenen Landkarten gab es bei Kiepert alles, was auf Papier gedruckt worden war. Die Landkarten waren eine Spezialität; Tochter Regine Kiepert ist Kartographin und führt heute die traditionsreiche Reisebuch- und Landkartenhandlung Schropp ganz in der Nähe in der Hardenbergstraße fort, mit einem fantastischen Angebot an Globen, Atlanten und Karten aus aller Welt.

Das Geschäft ihres Vaters war ein hochmoderner Laden, und doch einer mit Tradition. Die Wurzeln reichen zurück bis zur „Buchhandlung der Stadtmission“, den der Laienprediger Engelhardt Ostermoor 1897 in der Charlottenburger Krummen Straße gegründet hatte. 15 Jahre später wurde sie an Robert Kiepert senior übergeben, der mit den Büchern in die Schillerstraße in die unmittelbare Nähe des späteren Haupthauses zog. Der dortige Verkehrsknoten, später Ernst-Reuter-Platz genannt, hieß damals noch „Das Knie“. „Kiepert am Knie – wer da nicht kauft, kauft nie!“ lautete der Werbeslogan.

Bücherkiez am am Savignyplatz

Robert Kiepert junior studierte nach Kriegsende Landwirtschaft, der Buchhandel war ihm zu staubig. Doch als Vater und Schwager ihn um Mithilfe baten, verzichtete er auf die frische Luft und wurde zum Motor des Charlottenburger Buchhandels. Als sie 1956 den Neubau bezogen, der heute unter Denkmalschutz steht, gehörte er zu den ersten Buchhändlern, die auf die übliche Thekenbarriere verzichteten und ihre Kunden frei zwischen den Regalen herumspazieren ließen. Der schwungvolle Handel bei Kieperts zog andere Buchhändler an, so dass sich in der Nachbarschaft und am Savignyplatz bald weitere, oft spezialisierte Buchhandlungen gründeten, die den einstigen Magnaten bis heute überdauern.

In den Siebzigern und Achtzigern war Kiepert die größte Buchhandlung Deutschlands. Sie hatte nicht den Charme von Literatenhöhlen wie die Buchhandlung im Bahnhof Zoo, wo man als Kunde Teil einer verschworenen Gemeinschaft von Kennern wurde. Dazu war Kiepert viel zu groß, zu nüchtern und gewissermaßen zu multikulturell. Es kamen ja sogar Juristen und BWLer herein. Der Laden bot die ganze Vielfalt der Literatur, auch die des mathematischen Fachbuchs, was Lyrikliebhabern auf den Magen schlagen konnte. 

Buchhandlung blieb immer unversehrt

Kiepert genoss Respekt. Bei Studentendemonstrationen gingen regelmäßig die Scheiben der benachbarten Banken zu Bruch, die Buchhandlung hingegen, so will es das Gerücht, blieb immer unversehrt. Der Internethandel und die Buchhandelsketten jedoch gingen Kiepert an den Kragen. Die Intimität, die spezialisierte Händler als Trumpf gegen den anonymen Massenhandel ausspielen, konnte der Großbetrieb Kiepert nicht bieten.

Auch privat war Robert Kiepert ein eher nüchterner Mensch. An Partys in seiner Studentenzeit oder „festliche Veranstaltungen“, wie er sich ausdrückte, mochte sich der hagere, graubärtige Mann in einem Interview nicht erinnern. Überaus beliebt war er bei seinen Mitarbeitern. Zu Zeiten der Inventur soll er von der Galerie der Buchhandlung aus mit einem Waldhorn zum gemeinsamen Mittagessen geblasen haben. Bis zuletzt erschien der 88-Jährige an vier Tagen der Woche in den Geschäftsräumen der Versandbuchhandlung. Am vergangenen Montag, den er in heiterer Verfassung begonnen hatte, starb er in seinem Bürosessel bei der Arbeit. Diesmal stimmt wohl das Wort: Er schlief ein. Der einst größte Buchhändler Berlins fand ein passendes, ein schönes Ende.