Zum ersten Mal fühle ich mich wirklich unwohl unter der Schutzmaske. Nach zwei Jahren will das schon was heißen und geschafft hat das der Alexanderplatz. Auf dem Weg von der U-Bahn ins Erdgeschoss kriecht mit dem ersten Schritt auf die Treppe ein unheilvolles Geruchsgemisch von Asia-Imbiss, Fish & Chips und Burger-Kette unter die eng anliegenden Nähte.

Einzeln sind die Ausdünstungen kaum mehr zu identifizieren, keinen Zweifel gibt es dagegen über die Zutat, die alle gemein haben: Fett. Fritteuse und Grill hängen noch unter dem Stoff, als ich längst oben am Bahnsteig stehe. Masken, die abgestandenes Fett aus der Atemluft filtern, sind eine noch weitgehend unterschätzte Marktlücke.

Im Regionalexpress Richtung Potsdam, der voller ist, als man es für einen späten Vormittag unter der Woche vermuten würde, geht die kulinarische Reise weiter. Nein, nein, es wird weder ein hart gekochtes Ei gepellt noch eine Leberwurststulle ausgewickelt. Für einen kurzen Brechreiz reicht das dick mit grober Jagdwurst belegte Brot vollkommen aus, das der Fahrgast gegenüber eben aus dem Rucksack gefischt hat und nun mit einer Hingabe verspeist, die diesen Moment als Höhepunkt seines Tages deklariert.

Geruchsreste und Gesprächsfetzen

Unten auf dem Plateau zur Toilette telefoniert eine Frau. Ihre Begleiterin redet ständig dazwischen, weil sie meint, etwas zum Telefonat beitragen zu müssen, worauf die Frau am Telefon ihr wiederholt erklärt, dass es um etwas ganz anderes geht. Ihnen gegenüber sitzen eine junge Frau und ein junger Mann, die sich, genötigt durch das laute Telefonat, noch ein bisschen lauter unterhalten müssen. Er lacht bald auf: „Wenn das Elke wüsste“, und stellt damit den ganzen Waggon vor das Rätsel, was passieren würde, wenn Elke davon erführe und überhaupt: Wovon?

Die Jagdwurst ist derweil verspeist, der Mann stopft den Zellophanbeutel knisternd in einen dieser kleinen silbernen und völlig überflüssigen Mülleimer, der dafür Sorge tragen wird, dass die anhaftenden Jagdwurst-Partikel bei jedem Öffnen des Deckels Zeugnis darüber ablegen werden, dass hier dereinst ein Jagdwurst-Brot gegessen wurde.

Die Frau auf halber Treppe sagt am Telefon, dass sie und ihre Freundin in fünf Minuten ankommen: „Wir sehen uns dann gleich.“ Weshalb Menschen, die sich in ein paar Minuten ohnehin begegnen, vorher ewig telefonieren und alle nerven müssen, ist ein Mysterium, das es zu untersuchen gilt. Vor der Verabschiedung bricht die Verbindung ab, und statt es dabei zu belassen, ruft die Frau geschlagene sieben Mal „Hallo?!“ in ihr Handy.

Dann kommentiert sie die abgebrochene Verbindung, als schulde sie ihrem Publikum ein Schlusswort: „Hm, weg.“