Berlin - Zur Stadt gehört Dichte. Das galt für das vor 11 000 Jahren begründete Jericho im Jordantal, das galt im antiken Rom und im Mittelalter, als sogar Brücken seitlich mit Wohn- und Geschäftshäusern bebaut wurden, um nur ja keinen Raum zu vergeuden. Das gilt bis heute. Erst Dichte schafft jenes Mit- und Nebeneinander der Menschen, aus dem Kreativität, Dynamik und wirtschaftlicher Erfolg entstehen. Oft werden die vielen kleinen Läden in Paris bewundert. Sie können sich trotz happiger Mieten behaupten, weil dort viele Menschen auf wenig Raum wohnen und arbeiten: 20 290 Menschen pro Quadratkilometer. Selbst im quirligen Friedrichshain-Kreuzberg sind es nur 13 048, in Tempelhof mit seinen Einfamilienhausquartieren bloß 6 093.

Eine Stadt, die sich zu sehr verdichtet, erstickt allerdings. Genau deswegen wurden seit etwa 1800, als in Europa die Bevölkerung immens zu wachsen begann, barocke Festungsringe zu grünen Promenaden und Fürstengärten zu Volksparks. Doch zwischen 1900 und 1970 musste man lernen: Städte dürfen sich auch nicht in Grün auflösen. Die aufgelockerte Stadt, durchzogen von Grün, war weithin damals das Ideal von Kapitalisten, Sozialisten und Faschisten. Sie hielten unisono die alte Stadt für unmoralisch, unsauber, unnatürlich. Es war aber auch das Ideal von Gesellschaften, die glaubten, endliche Ressourcen wie Öl, Land oder Wasser hemmungslos verbrauchen zu können.

Diese ökologisch, sozial, kulturell und wirtschaftlich fatale Kombination aus Stadtfeindlichkeit und Verschwendungssucht sei im Grundsatz überwunden. Dachte man bis zur Tempelhof-Debatte, in der die „Demokratische Initiative 100 % Tempelhofer Feld“ jede Nutzung dieser einzigartigen Platzressource für Wohnungsbau, Bibliothek, Friedhof oder Gewerbeansiedlung radikal ablehnt. Hier solle, fordert sie, „Natur“ herrschen. Aber das Tempelhofer Feld ist eine industrielle Verkehrsfläche, seine Wiesen sind nur mit intensiver Pflege zu halten, schon brechen Bäumchen durch die Asphaltbahnen. Egal, wie die Abstimmung ausgeht: Hier wird ein Park entstehen müssen. So wie das Gleisdreieck erst durch Pflege zum massentauglichen Grün-Ort werden konnte.

Plan des Senats wird zunehmend aufgeweicht

Bauen könne man auch anderswo, wird von der Initiative behauptet. Aber wo? Es mag ja sein, dass auf vielen kleinen Grundstücken in der Stadt Platz für 220 000 Wohnungen ist, in Tempelhof hingegen derzeit nur 4 700 errichtet werden sollen. Doch diese Grundstücke sind klein, also nicht systematisch und damit mietkostendrückend zu bebauen. Sie haben Nachbarn, die schnell klagen. Und sie befinden sich meist in privater Hand. In Tempelhof hingegen ist die öffentliche Hand der Eigentümer. Also wir alle. Hier können wir zeigen, dass Berlin in der Innenstadt erschwinglich bleiben soll.

Die Initiative, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke behaupten, das „ganze Feld“ freihalten und die „Privatisierung“ verhindern zu wollen. Als wenn jemals in der bis hin zu Sekretärinnenposten rot-grün durchsetzten Senatsbauverwaltung die Totalbebauung des Feldes geplant worden wäre. Wie oft muss Bausenator Müller denn noch beschwören, dass er Wohnungsbau allein durch städtische Gesellschaften und Genossenschaften will? Ständig wird behauptet, die Bebauung der Ränder des Feldes blockiere die Frischluftschneise ins Spreetal und die Erholung der Bevölkerung. Doch keine innerstädtische Region Berlins hat so viele Grünräume wie diese: Direkt neben dem Tempelhofer Feld sind Kleingärten, Friedhöfe, die Hasenheide und der Viktoria-Park. 610 zusätzliche Hektar im Umkreis von nur einem Kilometer. Ist das kein öffentliches Grün, ist das klimatisch irrelevant?

Dem Plan des Senats fehlt vieles, wie der Bund Deutscher Architekten gerade deutlich gemacht hat (Berliner Zeitung vom 18. 5.). Warum etwa muss die Stadt überhaupt Flächen auf dem Feld für Gewerbe reservieren? Hier braucht es allenfalls Gewerbe untermischt mit Wohnungen in gemeinsamen Häusern. Vor allem aber fehlt dem Senatsplan nach vielen ängstlichen Überarbeitungen inzwischen zweierlei: Kraft und Euphorie. Als bekannt wurde, dass an einigen Stellen bis zu zehn Geschosse hoch gebaut werden sollte, gab es den Aufschrei: Hochhausstadt! Jetzt soll nur noch so hoch wie in den angrenzenden Vierteln gebaut werden. Egal, ob das effizient ist. Ursprünglich wurden an der S-Bahn-Trasse wirkliche Hochhäuser geplant. Sie bieten gute Aussicht und wegen der Höhe niedrige Lärmbelästigung. Das zeigt sich in New York am dicht umwohnten Central Park. In Berlin aber zuckt man zurück. Selbst das Quartier am Columbiadamm wurde gestrichen. Und neben dem Schillerkiez soll jetzt nur noch ganz locker gebaut werden. Wieso das denn? Berlins U-Bahn, die S-Bahn, die Leitungen sind geplant für eine Vier-Millionen-Stadt.

Doch der Senatsplan kann noch geändert werden, das Radikal-Gesetz der Initiative nicht. Schluss also mit der Verwässerung und Verschwendung. 4 700 Wohnungen sind zu wenige für diese kostbare Fläche. Es muss an ihren Rändern mehr gebaut werden, dichter, vielleicht sogar höher. Und zwar Wohnungen. Die Stadt braucht sie, weil die Menschen im Zeitalter digitaler Heimarbeitsplätze und neuer Familienstrukturen mehr Platz beanspruchen. Zuwanderer brauchen sie, ohne die Berlins Wirtschaft nie in Gang kommt und wir abhängige Kostgänger der Republik bleiben.

Vor allem aber brauchen wir endlich jene Zukunftseuphorie, der Stockholm, Helsinki, Kopenhagen, Amsterdam oder Paris neue, vorzügliche Wohnquartiere verdanken. Wer wissen will, was in Tempelhof möglich wäre, sehe sich diese Quartiere an und nicht die plumpen Schemazeichnungen eines Senats, der Angst vor der eigenen Courage hat. Sie alle zeigen: Eine Stadt, die auf Dichte verzichtet, die ihre Ressourcen nicht nutzt, die gibt sich auf.