Mein lieber Sohn,

Du bist nicht allein. Mit Dir gemeinsam werden an diesem Sonnabend rund 34.000 Kinder in Berlin eingeschult. Die Vorfreude ist unbeschreiblich, endlich Schluss mit Kindergarten und Vorschule. Jetzt geht es richtig los. Zugegeben, ich war in den letzten Tagen etwas abgelenkt: Die angesichts des nahenden Einschulungstermins gewiss nicht zufällige Diskussion über fehlende Deutschkenntnisse bei Erstklässlern, über fehlende Grundschulplätze in den kommenden Jahren und über das mehr oder minder vollumfängliche Versagen der Bildungspolitik, deren große Bedeutung von Politikern bekanntlich immer nur in ihren Sonntagsreden beschworen wird – ach ja, all das trübte kurzzeitig die Stimmung etwas ein.

Wir sind einen langen Weg gegangen. Viele Monate, beinahe ein Jahr haben wir uns auf diesen Tag vorbereitet. Wir fingen an, mit Dir über die Schule zu sprechen, darüber, dass man hier Lesen, Schreiben und Rechnen lernt, dass es hier im Vergleich zur Kita deutlich strenger zugeht, man zum Beispiel nicht mehr zu spät kommen und für längere Zeit, immerhin 45 Minuten lang, nicht den Raum verlassen darf und an seinem Tisch sitzen sollte. Auch bei Dir stieg die Aufregung, zugleich war Dir der Stolz anzumerken, endlich zu den Größeren zu gehören. Und die Verheißungen größerer Selbstständigkeit: Du gehst jetzt einen ersten wichtigen Schritt aus Deinem Elternhaus.

Uns, Deinen Eltern, bangt ein wenig davor. Uns hat ja nicht nur die Frage umgetrieben, welche Schule für Dich die Richtige ist. Vielmehr war und ist es auch der Umstand, dass wir Dich von der Hand lassen und einer öffentlichen, einer staatlichen Einrichtung übergeben: Das ist Dein unwiderruflicher Eintritt in die Leistungsgesellschaft – von nun an wirst Du benotet, trittst Du mit anderen Kindern in einen Wettbewerb. Meine Güte, ich wünsche uns viel Gelassenheit und Dir, dass Dir nicht der Spaß vergeht, dass Lernen also eine gute Erfahrung wird und bleibt. Und ich wünsche Dir, dass Du neue Freunde gewinnst, dass Deine Schule nicht nur ein disziplinarischer Lern-, sondern auch ein angstfreier Spielort wird.

Apropos Schule: Du wirst auf Deine Einzugsschule gehen. Eigentlich ganz einfach, sollte man meinen. Aber so einfach war es dann doch nicht, es gab da schon einiges Hin und Her: Vor allem die Frage, ob Du auf besondere Weise gefördert werden sollst – die Schulen bieten da ja unterschiedliche Schwerpunkte und auch Lernkonzepte.

Aber dann haben wir uns locker gemacht. Zum einen, weil Du auf Deinem nur zehnminütigen Schulweg keine größere Straße überqueren musst. Zum anderen aber, weil wir hoffen, dass Du eine gute Klassenlehrerin oder einen guten Klassenlehrer bekommen wirst. Schwerpunkte und Lernkonzepte hin oder her: Auf diese Bezugsperson kommt alles an. So war es auch bei uns in der Schule.

Mehr als 90 Prozent der Erstklässlerinnen und Erstklässler werden an öffentliche Schulen kommen. Wir befinden uns also in bester Gesellschaft. Und sehr wahrscheinlich wird hier der Anteil sozial schwacher Schülerinnen und Schüler so wie im vergangenen Jahr etwa ein Drittel betragen. Und wir wissen auch, dass in Berlin etwa 40 Prozent der Eingeschulten aus Familien mit nicht deutscher Herkunftssprache kommen. Womit allerdings noch nichts über die Sprachkenntnisse des Kindes gesagt ist. Aber gut, damit wären wir ja schon wieder mitten in der Debatte. Wir werden sie nicht das letzte Mal geführt haben. Aber dafür ist heute nicht der Tag. Heute stehst Du mit Deiner Schultüte da …

Auf Dich kommen ohnehin noch eine ganze Reihe anderer Herausforderungen zu, wie es immer so schön heißt, wenn man das offenbar unanständig gewordene Wort „Probleme“ vermeiden möchte. Denn selbstverständlich ist es so, dass Du nicht für die Schule, sondern immer noch, bitte sehr, fürs Leben lernst. Und dieses Leben hat es in sich: Die Welt ist ein unübersichtlicher, gefährlicher Ort, Klimawandel, Flüchtlingskrise, Rechtspopulismus, Internetüberwachung, Islamismus – es gibt zur Zeit nicht gerade wenige Themen, über die man sich gern aufregt. Allerorten wird das Ende beschworen, das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Wir leben in einer angstlustvollen, endzeitseligen Epoche.

Ich will mich davon nicht anstecken lassen. Und ich hoffe, dass wir Dir nicht die Zukunft mit unseren Ängsten vergraulen. Stattdessen möchten wir uns über jeden noch so kleinen Lernfortschritt freuen und Dir diese Freude vermitteln. Deine Schule wird Dir hoffentlich viele, viele Erfolgserlebnisse und Könnenserfahrungen ermöglichen. Und dann wirst Du alsbald vom Kleinen ins Große ausschreiten, wirst Dich an größeren Aufgaben ausprobieren und diese Prüfungen bestehen. Wirst vielleicht auch die ganze Welt retten, wie es zurzeit die älteren Jahrgänge Deiner Schule mit ihren „Klimastreiks“ versuchen. Du wirst schnell merken, es gibt so viele gute Vorbilder. Die Jugend von heute ist großartig!

Mit Dir ist die Welt schon jetzt ein besserer Ort geworden – und sie wird mit Dir ein noch besserer Ort werden. Du bist hier und jetzt gerade zur richtigen Zeit gekommen. Wir, Deine Eltern, werden uns jetzt nur noch in der Kunst des Loslassens üben müssen. Und damit fangen wir sofort an. Ja, der Ernst des Lebens hat begonnen, aber zu ernst sollte er dann auch nicht sein: Nein, wir wollen nicht als stolzverblödete Statussymbolträger in der Einschulungsfeierei allzu unangenehm auffallen. Montag ist der Tag der Tage, dann geht die Schule wirklich los: die Mühen der Ebenen. Einen Menschen auf seinem eigenen Weg begleiten – es wird ein langer Weg sein.