Sie spielt am liebsten Liszt, Prokovjew und Beethoven. Daniel Barenboim zählt zu ihren Förderern. Anastassiya Dranchuk hat einmal erzählt, dass der Generalmusikdirektor sie einst im Übungsraum des Konzerthauses am Gendarmenmarkt gehört habe. Die junge Pianistin spielte gerade Liszts „Mephistowalzer“. Barenboim lud sie zum Vorspielen ein. Es schien, als würde Anastassiya Dranchuk von ihrer bisherigen Heimatstadt Berlin aus eine glanzvolle Karriere machen.

Doch jetzt plagen die junge Frau, die schon bei Staatsempfängen vor Merkel und Gorbatschow spielte, existenzielle Sorgen. Der 28-Jährigen, die in Zeitungen schon mal als Barenboims Tastenwunder bezeichnet wurde, droht nach 16 Jahren die Abschiebung nach Kasachstan.

Anastassiya Dranchuk sitzt an einem diesigen Dezemberabend in der Kanzlei ihres Rechtsanwalts Burkhart Person in Charlottenburg. Person vertritt die junge Frau, seitdem ihr im Herbst vorigen Jahres der Pass abgenommen wurde. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein dicker Ordner. Seit mehr als einem Jahr, so sagt er, dauert der Kampf mit der Ausländerbehörde. Damit die Aufenthaltsgenehmigung für die Pianistin verlängert wird und sie ihren Pass wiederbekommt.

Mit zwölf Jahren nach Berlin

Einen Promibonus gebe es nicht, sagt Person. Und den wolle seine Mandantin auch nicht. „Sie wenden die Gesetze an, aber die sehen auch Ausnahmen vor.“ Und bei ihr sei es durchaus möglich, eine Ausnahme zu machen. Sie verdiene durch ihre Konzerttätigkeit gutes Geld und stehe finanziell auf eigenen Beinen, zählt der Jurist auf. Dann berichtet er, dass sich in all der Zeit wenig getan habe. Nur die Bearbeiter hätten sechsmal gewechselt. Das letzte Schreiben der Behörde vor einem Monat enthielt den Satz: „Ich beabsichtige weiterhin, Ihren Aufenthalt in der Bundesrepublik zu beenden.“

Anastassiya Dranchuk hört aufmerksam zu, lächelt und schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf. „Wohin wollen sie mich denn abschieben?“, fragt sie. Dann sagt sie, sie wisse gar nicht, was sie in Kasachstan solle, wo man sie offenbar hinbringen will. „Ich habe dort niemanden. Ich spreche die Sprache nicht. Deutschland ist meine Heimat. Meine Eltern sind hier und alle meine Freunde.“

Dann erzählt sie, dass sie Klavier spiele seit sie fünfeinhalb Jahre alt war. Ihre Eltern, beide Konzertgeiger, hätten sie in Kasachstan an die Musik herangeführt. „Und es hat gepasst, ich liebe das Klavier“, sagt sie. Mit acht gab sie ihr erstes Konzert. Irgendwann schickten Bekannte der Familie eine Aufnahme von ihrem Spiel an eine Professorin in Berlin. Und wirklich. Die Musikhochschule „Hanns Eisler“ lud das talentierte Kind zum Studium ein.

Im Jahr 2001 kam Anastassiya Dranchuk nach Berlin. Ihr Mutter durfte ihre damals zwölf Jahre alte Tochter begleiten. Ein Arbeitsrecht hatte die Frau damals noch nicht. Das Arbeitsvisum gab es erst, als die Tochter 18 Jahre alt war. Später durfte auch der Vater von Kasachstan nach Berlin übersiedeln.

Die Eltern sind mittlerweile eingebürgert. Der Vater arbeitet wieder als Konzertgeiger, die Mutter gibt Unterricht. Die Tochter hat weitere Hochschulen besucht. Sie gab Konzerte, wurde gefeiert und gefördert, gewann internationale Wettbewerbe. Sie trat mit den Ensemble der Staatskapelle, den Berliner Symphonikern und Gidon Kremer auf und spielte 2010 beim Benefizkonzert für die Erdbebenopfer von Haiti. Sie kam herum. „Vielleicht hätte sie einfach einmal ihre Einbürgerung beantragen sollen. Sie hat nicht daran gedacht“, sagt ihr Anwalt.

Konzerte abgesagt

Dann wurde sie exmatrikuliert. Sie hatte zuviele Vorlesungen verpasst. „Mir war das Studium damals nicht so wichtig“, gibt sie zu. Bei Musikern sei es so: Entweder sie machen ein Diplom und sind dann arbeitslos, oder sie geben früh Konzerte, sind erfolgreich, haben aber kein Diplom. Ihr Anwalt erklärt, dass die Aufenthaltserlaubnis an die Immatrikulation gebunden gewesen sei.

Im vorigen Jahr stand Anastassiya Dranchuk stundenlang vor der Ausländerbehörde, um einen Termin für ihre Aufenthaltsverlängerung zu bekommen. Doch stattdessen wurde ihr der Pass entzogen. „Ich war geschockt“, sagt sie. Sie musste gut honorierte Konzerte im Ausland absagen. Sie sagt, sie habe versucht, ihren Pass wenigstens für diese Konzerte wiederzubekommen. Es half nichts.

Die Innenverwaltung, der die Ausländerbehörde untersteht, gibt zu dem Fall der Pianistin auf Anfrage keine Auskünfte über das Warum der geplanten Abschiebung. „Wir können dazu aus Datenschutzgründen nichts sagen“, erklärt ein Sprecher lediglich.

„Für meine Mandantin gilt jetzt die Residenzpflicht“, sagt Anwalt Person. Die Pianistin darf Berlin und Brandenburg nicht verlassen. Sie gibt aber in der Region noch Konzerte. Das jedoch führte zu teils absurden Situationen, wie Person erklärt. So sollte Anastassiya Dranchuk bei der Eröffnung der Internationalen Gartenbauausstellung im April dieses Jahres in Marzahn spielen – vor geladenen Gästen, darunter hochrangige Politiker.

Als sie an der Sicherheitsschleuse ihren Pass vorweisen sollte, musste sie passen. „Ich habe gesagt, dass ich ihn nicht dabei habe“, erzählt sie. Der Sicherheitsmann verschwand, kam wenig später wieder – Anastassiya Dranchuk durfte auch ohne Ausweis passieren.

Die Pianistin übt jeden Tag sechs Stunden an ihrem Klavier. Im nächsten Jahr will sie an einer Brandenburger Hochschule ihr Diplom nachmachen. Sie hofft, dass ihr die Abschiebung erspart bleibt. „Ich möchte in meiner wirklichen Heimat bleiben.“