Zusätzliche Testfahrten: Was an der neuen S-Bahn in Berlin noch nicht richtig funktioniert

Berlin - Niemand hat behauptet, dass es einfach ist, eine neue S-Bahn-Generation für Berlin zu entwickeln. Zwar sind die ersten Vorserienzüge schon unterwegs, im Siemens-Testcenter im niederrheinischen Wegberg-Wildenrath drehen sie ihre Runden - zuverlässig, wie zu hören ist. Doch noch arbeitet bei der Baureihe 483/ 484 nicht alles zur vollen Zufriedenheit, sagen Insider. Ein Thema sind derzeit die Stromabnehmer. Das bestätigte das Konsortium Stadler Pankow/ Siemens, das die künftige S-Bahn für Berlin baut.

„Das Zusammenspiel mit den Stromschienen der aktuellen Bauart funktioniert. Es gibt aber auch Stromschienen alter Bauart – und dort funktioniert es noch nicht“, teilte es auf Anfrage mit. Die älteren Stromschienen seien an Gleisen in Werkstätten zu finden. Damit sich die neuen Züge auch dort zuverlässig bewegen können, werde nun an einer Lösung des Problems gearbeitet. „Das ist ganz normales Projektgeschäft“, hieß es.

Außerdem würden die Testfahrten in Berlin, die im August 2019 beginnen sollen, durch ein zusätzliches Programm ergänzt. So würden die Züge mit den dann modifizierten Stromabnehmern auch in Abstellanlagen bewegt. Bei der S-Bahn hieß es, dass es im Werk Schöneweide ebenfalls Testfahrten geben wird. Wie berichtet, werden der Ring und die Strecke zwischen dem Flughafen Schönefeld und dem BER die Haupt-Testrouten sein.

Gegen ein Hindernis gefahren

Insider hatten berichtet, dass es in Wegberg-Wildenrath zu Beschädigungen gekommen sei. Das wurde bestätigt. Allerdings entstanden sie nicht bei regulären Probefahrten, betonte Ellen Schramke von Siemens. Ein neuer S-Bahn-Zug sei mit abgeklapptem Stromabnehmer rangiert worden und gegen ein Hindernis gefahren.

„Jedes Netz hat seine Besonderheiten", sagte ein S-Bahner. Das Berliner Gleichstromnetz sei da keine Ausnahme. Klar sei, dass die neuen Fahrzeuge die Infrastruktur nicht beschädigen dürften. "Wir haben aber den Eindruck, dass das Konsortium mit den Themen professionell umgeht“, so der S-Bahner. Die Verantwortlichen bei Stadler Pankow und Siemens, von denen manche das Projekt schon zu Beginn begleitet haben, seien mit viel Herzblut dabei. "Sie wollen, dass alles gut funktioniert."

Für rund 900 Millionen Euro hatte die Deutsche Bahn 382 Wagen bestellt, die auf dem Ring und den Linien im Südosten eingesetzt werden sollen. Beim Rennen um den 2015 vergebenen Auftrag hatte sich das Konsortium Stadler Pankow/ Siemens dem Vernehmen nach gegen Hitachi aus Japan und dem polnischen Hersteller Pesa durchgesetzt. Berichten zufolge hatten die Polen anfangs gute Karten - bis sich bei anderen Projekten Probleme abzeichneten.

Bewerbungen auch aus Hongkong und Frankreich

Als Betreiber ging die S-Bahn Berlin GmbH, ein Unternehmen der Deutschen Bahn, siegreich aus dem Vergabeverfahren der Länder Berlin und Brandenburg hervor. Anfangs hatte sich Berichten zufolge auch MTR aus Hongkong beteiligt, stieg aber als Erstes aus. RATP aus Frankreich gab ebenfalls auf - dem Vernehmen nach, weil die häufigen Änderungen der in deutsch verfassten Ausschreibungsunterlagen einen hohen Übersetzungsaufwand nach sich zogen. Kurz vor Schluss strich dann als letzter verbliebener DB-Konkurrent auch National Express aus Großbritannien die Segel. Die Rede ist davon, dass die Londoner Unternehmenszentrale die hohen Kosten des langwierigen und komplizierten Bewerbungsverfahrens nicht länger tragen wollte.

Bei der S-Bahn geht man weiterhin davon aus, dass die ersten neuen Züge vom 1. Januar 2021 an auf der Linie S47 zwischen Spindlersfeld und Südkreuz fahren. Dieses Ziel werde erreicht, bekräftigte Silja Kollner von Stadler.