Falkensee - Noch ist die riesige Fläche südlich des Falkenhagener Sees wüst und leer. Dabei liegt das Gebiet mitten in der Stadt Falkensee (Havelland). Ringsum schließen Wohnviertel das Ackerland ein. Gerade wachsen dort Erdbeeren. An ihrer Stelle könnten allerdings bald Wohnhäuser stehen. Für noch mehr junge Familien, die gern in dieser beschaulichen 43.000-Einwohner-Stadt am westlichen Berliner Stadtrand wohnen wollen. Und das wollen viele.

Es ist allerdings die Frage, ob Heiko Müller (SPD) das will. Er ist der Bürgermeister hier, mindestens noch bis zum Herbst, vielleicht auch länger. Im Herbst wird wieder ein Bürgermeister gewählt. Heiko Müller sitzt in seinem Büro im Rathaus. Über ihm an der Wand zeigt ein Bildschirm die Ortskarte mit der leeren Fläche in der Mitte. Heiko Müller verzieht das Gesicht zu einem Lächeln. Es wirkt ein wenig gequält.

Falkensee ist bundesweit jene Stadt, die sich seit 1990 am stärksten vergrößert hat: von 21.000 Einwohnern im Jahr 1990 auf aktuell 43.169.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle untersuchte 132 ostdeutsche Städte. Auch dabei ergab sich eine Spitzenposition: Betrachtet man all jene Städte, die keine anderen Orte eingemeindet haben und somit in ihrer Fläche über Jahre konstant blieben, dann sind nur Bernau und Falkensee kontinuierlich gewachsen: Bernau um 47 Prozent, Falkensee um 87 Prozent.

Kitas, Straßen, Busse, Lehrer

Für Heiko Müller ist das mit Schmerzen verbunden, Wachstumsschmerzen, könnte man sagen. „Es wird immer gesagt: Nur wer schrumpft, hat Probleme, stimmt aber nicht. Überstarkes Wachsen macht auch Probleme, schönere Probleme vielleicht, aber das ändert nichts an der Herausforderung“, sagt Müller. Für ihn heißt Wachstum, jede Schule muss saniert werden, es müssen neue Schulen gebaut werden und neue Kindergärten, Sandwege werden zu Straßen, Busse, Lehrer und Ärzte müssen her, Einkaufsmöglichkeiten, Sporthallen. „Mit all diesen Dingen sind wir jetzt durch. Bei moderatem weiteren Zuzug reichen sogar die Schulen“, sagt Müller.

Er könnte sich jetzt um das Hallenbad kümmern, das er gerne bauen will. Es ist nur fraglich, ob es tatsächlich zu einer Verlangsamung des Zuzugs kommen wird.

Heiko Müller kneift die Augen zusammen und fixiert die leere Fläche auf seiner Karte. Kürzlich hatte er Besuch von der Landesregierung. Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (parteilos) und ihre Staatssekretärin Katrin Lange (SPD) waren da und haben den Finger auf die leere Fläche gelegt. Dort könne man doch gut ein neues Wohnviertel bauen, hieß es. Das Land empfiehlt für das Areal eine dichte Bebauung mittels eines städtebaulichen Vertrags.

Heiko Müller sieht aus, als ob er sich schüttelt, wenn er darüber spricht. „Mich überrascht dieser Trendwechsel. Jahrelang hat man versucht zu verhindern, dass sich die Kommunen im Speckgürtel so stark entwickeln. Im Land sollte alles erhalten bleiben. Da wurden Chancen nicht genutzt. Auf einmal heißt es, könnt ihr bitte neue Wohngebiete ausweisen“, sagt er. Auch Berlin zeige Interesse und wolle plötzlich Gemeinsames machen.

500 neue Einwohner im Jahr

Im Ort ist die Stimmung gegen ungezügeltes Wachstum. Die meisten sind hergezogen, weil sie im Grünen wohnen wollen. Das soll so bleiben. Bisher kommen jedes Jahr etwa 500 Menschen dazu. „Eine noch schnellere Entwicklung kriegen wir nicht hin. Es gab schon Investoren, die die Fläche entwickeln wollten. Geht im Moment nicht“, sagt Müller.

Er muss sich auch über das Alter und die Bedürfnisse der Zuziehenden erneut Gedanken machen. Denn da ändert sich etwas. Bisher brauchte man hauptsächlich Platz für junge Familien, die bauen wollten. Müller liegen aber Prognosen vor, nach denen werden im Jahr 2030 nicht mehr 8500 Senioren in Falkensee wohnen, sondern 14.000. „Die Leute wollen sich im Alter verkleinern und raus aus ihren Einfamilienhäusern. Wir brauchen altersgerechte Wohnungen, die kleiner sind“, sagt er. Außerdem fragen gerade viele Senioren an, die ihren Kindern hinterherziehen wollen, die mit dem Regierungsumzug nach Berlin gegangen sind. Dazu kommen noch Berliner Hektikflüchter und junge Leute, die zu Hause aus- aber nicht wegziehen wollen. Nur Einfamilienhäuser geht also nicht.

Heiko Müller schaltet den Bildschirm aus. Die Falkenseekarte verschwindet und mit ihr die leere Fläche. Müller möchte jetzt lieber über das Hallenbad sprechen, über die 23 Sportvereine mit 6000 Mitgliedern und über mehr Attraktivität. „Falkensee ist nicht nur eine Pendlerstadt. Die meiste Zeit verbringen die Leute hier. Wir müssen uns Gedanken machen, wo wir in 50 Jahren sein wollen“, sagt er. Müller möchte ein Falkensee der Zukunft bauen.