Berlin - Das sind keine Sensationsfunde, vielmehr traurige Belege einer düsteren Zeit, die Grabungsleiter Torsten Dressler am Rande des St.-Thomas-Friedhofs an der Hermannstraße in Neukölln präsentiert: Kaputtes Geschirr, Fläschchen für Medizin, ein zerbeulter Blechnapf und eine verrottete Schuhsohle, zugeschnitten aus Resten eines Autoreifens.

Die Fundstücke sind Teil der Geschichte der evangelischen Kirche Berlin. Von 1943 bis 1945 führte die evangelische Kirche auf dem Neuköllner Friedhof ein Zwangsarbeitslager für mehr als 100 Menschen.

Nach heutigem Stand war es das einzige Zwangsarbeiterlager, das die Kirche betrieben und finanziert hat. Ins Lager kamen meist noch minderjährige Jugendliche aus der Ukraine, die deutsche Soldaten verschleppt und nach Berlin gebracht hatten.

Die Deportierten mussten auf Berliner Friedhöfen Tote begraben. Die Männer lebten in einer Baracke unter menschenunwürdigen Bedingungen. „Die Zwangsarbeiter haben gehungert, sie wurden schlecht verpflegt, so dass sie krank wurden“, sagt Gerlind Lachenicht, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Zwangsarbeit der Berliner Kirchengemeinden. „Sie waren den Lagerleitern und der Gestapo rechtlos ausgeliefert.“

Unrecht sichtbar machen

Eine Woche lang haben Grabungsleiter Dressler und seine Helfer die Reste des Lagers freigelegt. Während umliegende Flächen des Friedhofs künftig zu Grünflächen werden, soll das Areal des Arbeitslagers als Gedenkort erhalten bleiben. „Die Grabungen sind ein weiterer Schritt, um das geschehene Unrecht sichtbarer werden zu lassen“, sagte Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der Berliner Zeitung. Die evangelische Kirche habe die ehemaligen Zwangsarbeiter um Vergebung gebeten und sich um Wiedergutmachung bemüht, so Dröge. Gemeindemitglieder sind in die Ukraine gefahren und haben frühere Zwangsarbeiter besucht und ihre Geschichte protokolliert.

Seit 13 Jahren beschäftigt sich die Kirche mit der Aufarbeitung dieser Geschichte. Damals waren erstmals Akten aufgetaucht. Die Kirche war beschämt, wie tief ihre Mitarbeiter in das System der NS-Zwangsarbeit verstrickt waren. Elf Gemeinden hatten damals Ostarbeiter bestellt, die seien billiger als Bulgaren und Kroaten, stand in Protokollen.

Design-Studenten helfen nun, den Erinnerungsort weiter zu gestalten. Unweit des Lagers an der Hermannstraße stehen seit 2002 ein Pavillon zur Geschichte und ein Erinnerungsstein. „Der Gott, der Sklaven befreit, sei uns gnädig!“ lautet die Inschrift.