Mit den Freundinnen an den See fahren, die erste große Liebe, mit 15 können die Sommerferien ein endloses Abenteuer sein. Oder der Beginn eines endlosen Albtraums. Rund 460 Zwangsheiraten werden jedes Jahr in Berlin bekannt, das ergab eine Umfrage im Jahr 2013. Die Dunkelziffer liegt wohl auch im Sommer 2018 darüber. Während andere ihre Badetasche packen, fürchten wieder Mädchen in Berlin die Urlaubszeit, die in einigen patriarchalen Kulturen auch Heiratszeit ist.

Mädchen befürchten in den Ferien die Verheiratung mit dem Cousin

„In den letzten zwei Wochen hat jeden Tag jemand angerufen, der Hilfe suchte, sagt Eva Kaiser von der Kriseneinrichtung Papatya, die sich um Mädchen kümmert, die von Verschleppung und Zwangsheirat betroffen sind. Lehrer, die sich sorgen, dass ihre Schülerin nach den Ferien nicht wieder auftaucht. Mädchen, die befürchten, dass sie in diesen Ferien in der Heimat der Eltern mit einem Cousin verheiratet werden sollen.

Ganz konkret betreut Eva Kaiser gerade ein Mädchen, das eine Reise mit dem Vater in die Heimat fürchtet. Mutter und Geschwister sollen nicht mit, dies wird kein Familienurlaub, bangt sie. Doch den Mut, vorher wegzulaufen hat das Mädchen nicht. „Wir müssen sie ziehen lassen“, sagt Eva Kaiser. Ein Lehrer hat noch eilig ihren Ausweis kopiert.

Ein Löffel in der Kleidung, damit es am Flughafen piepst

„Eine Reise, bei der man Angst hat, dass man nicht wiederkommt, sollte man nicht antreten“, sagt Eva Kaiser. Werdet krank, steckt euch einen Löffel in die Kleidung, damit ihr am Flughafen piepst, dann kann man im letzten Moment noch Hilfe rufen. Kopiert eure Ausweise, hinterlasst die Adresse, zu der ihr aufbrechen müsst, rät sie den Mädchen, die anrufen. Denn einmal angekommen im Heimatland der Eltern, oft in der Türkei, dem Libanon, in Pakistan, dem Iran, Irak, Kosovo oder Afghanistan, sind die Mädchen eingesperrt bei Verwandten, ist der Kontakt nach Deutschland schwierig.

Eines der Mädchen, die Eva Kaiser mit dem Verein Papatya betreut, wurde mit 13 nach Pakistan zu Onkel und Tante geschickt. Dort wurde sie geschlagen, eingesperrt. Allein der Facebook-Kontakt zur besten Freundin in Deutschland hält ihre Hoffnung am Leben. Mit 15 die Zwangsehe, geschlossen am Telefon. In Pakistan gilt sie auch so. Inzwischen ist das Mädchen 16. Sie will nichts mehr als nach Deutschland zurück. Doch der Weg ist lang.

Bei Minderjährigen versuchen die Helfer in Berlin mit der Nadelstichtaktik die Eltern zu piesacken, bis sie klein beigeben. „Die Eltern müssen merken, das schaut jemand hin, es ist nicht egal, wenn die Tochter weg ist“, sagt Eva Kaiser. Bei Minderjährigen mache die Schule etwa eine Schulversäumnisanzeige, Bußgeld muss gezahlt werden. Oder die Kindergeldkasse will das Kind sehen, damit weiter Geld fließt. „In den letzten drei Jahren haben wir 20 Mädchen pro Jahr aus ihrer Verschleppung zurückholen können“, sagt Eva Kaiser. Berliner Mädchen machen davon etwa ein Viertel aus.

Mit Hilfe des Jugendamtes zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Irgendwo in einer Berliner Wohnung können die Mädchen untertauchen. Auch die, die vor der Reise den Schritt von zu Hause weg wagen. In der Zufluchtswohnung von Papatya gibt es acht Plätze, zehn Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr. Mit Hilfe des Jugendamtes wird behutsam eine Zukunft für die Mädchen gestrickt. In den meisten Fällen müssen die Mädchen anonym leben. Meist außerhalb von Berlin. „Unsere Adresse ist streng geheim, niemand darf mitgebracht werden, Die Mädchen haben kein Handy, sie können die erste Zeit nicht zur Schule“, sagt Eva Kaiser. Aber sie haben die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, irgendwann.

Um Lehrer und Sozialarbeiter auf der Problem der Verschleppung und Zwangsheirat aufmerksam zu machen hat das Bezirksamt Neukölln vor den Ferien Infobriefe an Schulen und Jugendfreizeithäuser geschickt. Auch Befragungen an Schulen in Kreuzberg und Neukölln, ob es Mädchen gibt, die nach den Ferien nicht zurückkommen, laufen.