Die wärmende Morgensonne ändert nichts daran, dass dieser Montag für Helgard Kühn ein düsterer und, wie sie sagt, „dramatischer Tag“ sei. Um neun Uhr hat sich der Gerichtsvollzieher angekündigt, er kommt schon vor der Zeit, er bringt kräftige Männer einer Umzugsfirma mit und einen Schlosser. Für die Erben des renommierten Metallbildhauers Fritz Kühn (1910–1967) endet an diesem Montag ein langer und mühsamer Kampf um ein Grundstück, das Fritz Kühn in den 50er Jahren gekauft hatte.

Dort, in der Richterstraße 6 im Ortsteil Bohnsdorf, baute Fritz Kühn einst seine Werkstatt mit Schmiede, dort entstanden seine weltweit bekannten Arbeiten. Auf dem angrenzenden Grundstück, etwa 6000 Quadratmeter groß, standen noch bis zum vergangenen Freitag einige Skulpturen und Entwürfe von Fritz Kühn und von seinen Sohn Achim, der die Schmiedekunst und das Handwerk seines Vaters bis heute eigenständig fortsetzt.

Ein Grundstück für 800.000 Euro

Auf dem Grundstück, das am Montag zwangsgeräumt wurde, wollten Kühns Erben und zahlreiche Unterstützer ein Fritz-Kühn-Museum und einen neuen Skulpturengarten anlegen. 300.000 Euro hatten sie dafür gesammelt. Für knapp 800.000 Euro hätten sie das Grundstück kaufen und als Ausstellungsfläche sichern können, um eine Räumung abzuwenden. Doch so viel Geld hat die Familie nicht.

Und so endet an diesem Montagmorgen die letzte Hoffnung, Berlin sei tatsächlich an dem Nachlass des Künstlers interessiert und werde sich für ein Museum einsetzen, so wie es doch schon einmal geplant und fest versprochen war. Von einem „unsäglichen Vorgang“ spricht der kulturpolitische Sprecher der Linken-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Brauer, am Montagmorgen in Bohnsdorf. Einen Dringlichkeitsantrag seiner Partei zur Sicherung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Kühn hatte das Abgeordnetenhaus vor einem Monat in den Kulturausschuss überwiesen. Da war der Termin der Zwangsräumung längst bekannt.

Die Werke von Fritz Kühn, dazu gehört etwa der Brunnen am Strausberger Platz, das Portal der Berliner Stadtbibliothek sowie etliche Skulpturen in deutschen Städten, sind Nationales Kulturgut. Fritz Kühn hat ein Ehrengrab in der Stadt, eine Straße und eine Schule tragen seinen Namen. Für ein Museum hatte sich auch Ex-Kulturstaatssekretär André Schmitz eingesetzt. „Dieses Versprechen blieb heiße Luft“, sagt Helgard Kühn, Kühns Schwiegertochter, die den gesamten Nachlass verwaltet. Etliche Ordner mit Aufträgen, Rechnungen, Plänen und Korrespondenzen lagern behelfsmäßig in Garagen, Kellern und Dachböden auf dem Werkstattgelände, in den Regalen stehen verstaubte Modelle. Das Papier in den Ordnern zerfällt.

Der Gerichtsvollzieher, ein höflicher und zurückhaltender Mann, setzt an diesem Morgen in die Tat um, was das Berliner Landgericht schon vor mehr als zehn Jahren entschieden hat: Der Künstler Fritz Kühn, habe das Grundstück damals nur kaufen können, weil er staatsnah gewesen sei.

Wie eine Barrikade

Fritz Kühn habe es unredlich erworben, deshalb werde es nun rückübertragen, erklärt Rechtsanwalt Michael Tegtmeier (er vertritt die Eigentümer des Grundstücks, die Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1897). Er spricht mit zwei Frauen, die vor dem Grundstück gegen die Zwangsräumung protestieren. „Uns wird ein Stück DDR-Kultur weggenommen“, sagt die eine. „Wir waren immer sehr stolz darauf, dass hier ein bedeutender Künstler gelebt hat“, sagt die andere. Nachbarn wollten eine Protestdemonstration organisieren, die Kühns wollten das nicht. Der Gerichtsvollzieher erfülle ja auch nur seine Pflicht, sagen sie.

Die Handwerker schrauben ein Stück Zaun ab, der Gerichtsvollzieher besichtigt das Grundstück. Die reguläre Toreinfahrt zum Gelände hat Familie Kühn nicht freigegeben. Tobias Kühn, ein Enkel des Metallbildhauers, hat sein Auto in die Einfahrt gestellt. Der Schmied und Designer ist ein freundlicher Mann, mit dem man sonst lange und gut reden kann. An diesem Morgen sagt Tobias Kühn nichts. Wie eine Barrikade steht sein Auto in der Einfahrt.

Es ist der letzte Protest gegen ein Gerichtsurteil, das er nicht verstehen aber akzeptieren müssen. Und so entwickelt sich vor dem umstrittenen Grundstück eine lebhafte Diskussion über die DDR und ihre Künstler, über Staatsnähe, Recht und Gerechtigkeit und über Siegerjustiz. „War in der DDR jeder Künstler, der öffentlich gearbeitet hat, auch gleich staatsnah?“, regt sich ein älterer Herr auf.

Helgard Kühn sagt, es sei abenteuerlich und unredlich, dem parteilosen Christen Fritz Kühn Staatsnähe zu unterstellen. Er habe sich nie dem Diktat des „sozialistischen Realismus“ gebeugt. Der Richter, der das Urteil gesprochen hat, habe den Sohn Achim Kühn 35 Jahre nach dem Tod der Eltern zur Herausgabe des Grundstücks verurteilt. Für sie ist das Sippenhaft.

Institution übernimmt Nachlass

Die engagierte Frau verkündet, dass das Erbe von Fritz Kühn bald an einen sicheren Ort komme und aus Berlin geschafft werde. „Sein Werk ist gerettet“, sagt Helgard Kühn. Es gebe eine Institution, die den Nachlass „außerhalb von Berlin“ komplett übernehme, ebenso alle Dokumente. Diese Institution habe am vergangenen Freitag bereits alle Skulpturen vom zu beräumenden Grundstück transportiert.

Helgard Kühn sagte, künftig könnten Wissenschaftler anhand der archivierten Dokumente erforschen, was für ein Mensch und Künstler Fritz Kühn gewesen sei. Der Nachlass soll der Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Akademie der Künste hat sich bereiterklärt, die Dokumente vom Papierzerfall befreien. Mehr kann sie nicht tun.

Familie Kühn wird bald eine Rechnung erhalten. Die Kosten für die Zwangsräumung, etwa für den Anwalt und die Handwerker, soll sie bezahlen. Einen Vergleich hatten die Kühns abgelehnt.