Ingo Tuchel ist Teil des Präventivteams, das der Bezirk Neukölln eingerichtet hat, um Menschen in Wohnungsnot schneller und besser zu erreichen. 
Foto: Berliner Zeitung/ Markus Wächter

BerlinHelles Morgenlicht liegt über der Stadt, als sich Ingo Tuchel wieder einmal auf den Weg macht von der einen Seite auf die andere. Er steht am Seitenausgang vom Rathaus Neukölln, hinter ihm türmt sich der wuchtige Steinbau auf, vor ihm liegen die Straßen des Bezirks, neun Adressen und eine große Frage: Wie kann der Sozialstaat Menschen aus ärmeren Schichten vor der Wucht des Mietmarktes schützen? Tuchel, ein drahtiger Mann, schwarz gekleidet, Sozialarbeiter von Beruf, glaubt, dass es für viele Fälle eine Lösung gibt: Der Sozialstaat muss zu den Leuten hin, je eher, desto besser.

Er zieht einen Zettel aus der Tasche, darauf stehen Namen, Straßen und Hausnummern. Neben ihm steht seine Kollegin Ulrike Fitzner, sie schaut über die Liste, dann sagt sie: „Fangen wir am Herrnhuter Weg an, in zwei Stunden müssten wir durch sein.“

Tuchel und Fitzner sind Teil eines noch recht neuen Präventionsteams im Sozialamt Neukölln, das Menschen berät und begleitet, denen eine Zwangsräumung droht. Zwar gibt es in allen Bezirken Soziale Wohnhilfen, aber bisher kranken die Hilfesysteme an einem Punkt: Wenn eine Räumung ansteht, verschicken sie Briefe, aber die erreichen Mietschuldner oft nicht, weil viele von ihnen ihre Post nicht öffnen. Deshalb geht Ingo Tuchel ein, zwei Mal pro Woche zu den Leuten. Weil er sie zu Hause am ehesten trifft.

Die Mieten haben sich in zehn Jahren verdreifacht

Tuchel und Fitzner steuern in Richtung Sonnenallee, vorbei an Dönerbuden und Modeboutiquen. Vor einem vierstöckigen Wohnblock geht Tuchel noch einmal seine Unterlagen durch. Der Mieter hier ist mit mehreren Monatsmieten im Rückstand; der Vermieter klagt auf Räumung. Tuchel klingelt, keiner öffnet. Er lugt in den Briefkasten, der ist voll mit zerknülltem Papier. „Sieht nicht gut aus“, sagt er. Er hat Flyer dabei, einen steckt er durch den Briefschlitz.

Im Team gibt es insgesamt fünf Sozialarbeiter. Sie alle wurden im August 2018 neu eingestellt. Tuchel sagt: „Letztlich geht es darum, Obdachlosigkeit zu verhindern.“ Wenn allerdings jemand erst wenige Tage vor der Räumung zu ihnen kommt, können sie nicht mehr viel tun.

Drei Sozialarbeiter kümmern sich um den Süden des Bezirks, Tuchel und Fitzner um den Norden. Hier zeigt sich die Krise auf dem Wohnungsmarkt wie unter einem Brennglas: Nirgendwo in Berlin zogen die Mieten so stark an wie hier. Dem Portal Immobilienscout24 zufolge haben sich die Preise in zehn Jahren verdreifacht – und nirgendwo gibt es so viel Armut. Aus dem Monitor Soziale Stadtentwicklung des Senats geht hervor, dass der Anteil der Transferleistungsbezieher 2015 in Neukölln mit über 20 Prozent höher lag als in allen anderen Bezirken.

Die Sozialarbeiter laufen weiter nach Süden, der Weg zieht sich, es geht durch Brachland zwischen Kanal, Fernheizwerk und einer verlassenen Schrebergartensiedlung. „Kollegin?“, fragt Tuchel, Fitzner schaut auf die Navigations-App im Handy, dann zeigt sie auf die nächste Querstraße: „Da ist es doch.“

Sie gehen von Tür zu Tür, das kostet viel Zeit, die Not ist groß, und nicht immer können sie etwas erreichen. „Man sieht die Menschen, man fragt sich: Was passiert jetzt? Wo sollen die hin?“ Tuchel ist 65, wirkt aber deutlich jünger, seit 30 Jahren arbeitet er in dem Beruf. Er sagt, die offenen Fragen des Arbeitstages begleiteten ihn manchmal noch am Abend mit nach Hause. „Das ist das Problem bei der Sozialarbeit: Nähe und Distanz.“

Wohntürme mit nackten Fassaden

Vor ihnen ragt die Sonnensiedlung auf, 70er-Jahre-Wohntürme mit nackten Fassaden. Der Mieter, den sie suchen, ist mit vier Monatsmieten im Verzug. Tuchel klingelt, nichts passiert, er klingelt erneut. „Geht die überhaupt?“   Es ist ihr zweiter Besuch, sie werden nicht noch einmal wiederkommen.

Die Menschen, die das Team betreut, leben meist von Hartz IV. Das Jobcenter zahlt zwar ihre Miete. Wenn aber die Kosten der Wohnung die Richtwerte überschreiten, kann es sein, dass der Mieter umziehen oder die Differenz selbst tragen muss. In Neukölln zahlt das Jobcenter die Miete von rund 30.000 Haushalten. Bei einem von dreien reichen die Zahlungen des Jobcenters nicht aus, die Differenz summiert sich bezirksweit auf 6,7 Millionen Euro. Zum Vergleich: In Treptow-Köpenick sind es 2,4 Millionen.

Das bedeutet, dass jeder betroffene Haushalt in Neukölln von seiner Miete 139 Euro selbst tragen muss. Das klappt einen Monat, vielleicht zwei oder drei, aber früher oder später geraten die Leute oft in Zahlungsnot.

Die Karte zeigt die Anzahl der Hartz-IV-Haushalte auf, bei denen die tatsächlichen Mietkosten die Richtwerte der Jobcenter überschreiten.

Es ist nach Mittag, als Ingo Tuchel und Ulrike Fitzner sich einem Haus in einer Seitenstraße nahe den Neukölln-Arcaden nähern, ein Altbau mit fleckigen Mauern. Die Briefkästen sind zerbeult, manche stehen offen. „Der Name ist kaum lesbar“, sagt Tuchel.

Bei Hartz-IV-Empfängern übernimmt das Jobcenter in manchen Fällen die Mietschulden, aber die Anträge sind kompliziert, oft reißt der Prozess ab, und niemand weiß, warum. Neuerdings bekommt das Präventionsteam dann Nachricht vom Jobcenter, dieser Mieter hier ist so ein Fall.

Sie gehen die Treppe hoch und klingeln. Es öffnet ein dünner Mann mit Stoppelbart, er hat nur eine Unterhose an. Schnell zieht er sich Jeans und einen Pullover über. Dann bittet er in sein Wohnzimmer, das sehr ordentlich ist, Ölbilder an der Wand, Holzmöbel. Der Mann hatte Rückstände in Höhe von 820 Euro. Das Geld hat er sich inzwischen von einem Bekannten geliehen. Er holt einen Ordner, blättert hilflos. „Das Jobcenter hat geschrieben, dass sie meine Miete nicht mehr bezahlen.“ Tuchel fragt: „Können Sie sich erklären warum? Am besten, Sie zeigen mir mal den Bewilligungsbescheid.“

Der Mann ist süchtig, Crystal Meth, er will davon loszukommen. Gerade war er ein halbes Jahr in einer Reha-Klinik. Tuchel liest und stutzt plötzlich. Offenbar ging das Jobcenter davon aus, dass während des Aufenthalts in der Klinik keine Miete zu zahlen sei.   „Das geht so nicht“, sagt er. „Das werden wir klären.“ Der Mann nickt. „Gerne. Ich krieg nichts auf die Reihe.“

"Der frustrierendste Tag meiner Laufbahn"

Ob das Jobcenter für diesen Monat Miete gezahlt hat? Er weiß es nicht. Tuchel will gleich nachzufragen. Er nimmt sein Handy und wählt die Nummer des Jobcenters, keiner nimmt ab. Sie verabreden sich für den nächsten Morgen. Der Mann soll in der Sprechstunde vorbeikommen.
Als sie schon zur Tür gehen, sagt er noch, dass sein Bekannter jetzt sein Geld zurückwill. „Ich hab’ ihm versprochen, das kommt noch diesen Monat. Ich bin davon ausgegangen, das Jobcenter zahlt.“ Das wird es nicht, der Prozess wurde ja abgebrochen. Ulrike Fitzner sagt: „Das kriegen wir schon hin.“

Mit dem Präventivteam ist Neukölln ein Vorreiter. Die Idee hatte Jochen Biedermann, seit 2016 Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und Soziales, ein Grüner. Er sagt, er sei   damals sehr unzufrieden gewesen: „Hier kamen unsortiert die Räumungsklagen an, und irgendwie passierte damit nichts.“ Zu Beginn hospitierte er einen Tag bei den Sozialen Wohnhilfen. „Es war der frustrierendste Tag meiner Laufbahn“, sagt er.

Eine Mutter mit fünf Kindern stand da, das Räumungsurteil in der Hand, für sie konnten die Kollegen nur Betten im Obdachlosenheim vermitteln, mehr nicht. Kosten: 25 Euro pro Person pro Tag, also knapp 4000 Euro im Monat. Biedermann sagt, es habe keinen Zweifel gegeben, dass sich etwas ändern müsse. „Damals wurde höchstens ein Brief verschickt: Sie können zur Sprechzeit ins Rathaus kommen.“  
Das Präventivteam hat bisher 250 Fälle betreut, 35 sind noch offen bei knapp der Hälfte konnten sie die Räumung abwenden. Biedermann sagt, dass es auf jede ankomme. „Mit jedem Mietvertrag, den wir verlieren, verlieren wir eine bezahlbare Wohnung.“

Die Sozialarbeiter sind inzwischen recht gut vernetzt – mit Vermietern, Anwälten und anderen Stellen in den Behörden. Der Austausch mit dem Jobcenter ist wichtig, weil dort entschieden wird, ob Mietschulden übernommen werden. Im ersten Halbjahr 2019 gingen in Neukölln 629 Anträge ein, nur 119 wurden bewilligt, 14 abgelehnt, die übrigen wurden nicht weiter verfolgt. Dass das Jobcenter die Rückstände begleicht, heißt aber nicht, dass die Kündigung abgewendet ist. „Es gibt die Chance, Mietschulden auszuradieren“, sagt einer von Tuchels Kollegen. „Aber der Rest hängt vom Vermieter ab.“

Ihnen ist klar, dass sie alleine nicht viel bewirken können. „Es gibt Leute, die können ihre Ansprüche nicht geltend machen“, sagt Ulrike Fitzner. „Weil sie die Abläufe nicht verstehen.“ Das ist kein Wunder. Fitzner, Tuchel und Kollegen mussten sich selbst erst in die Maschinerie des Sozialstaats einarbeiten. Welche Formalien sind zu beachten? Welche Stelle ist für was zuständig? Die Strukturen sind mitunter verwirrend, und wer sich darin nicht auskennt, geht leicht verloren.

Fehler des Jobcenters, Versäumnisse, Überforderung

Es ist Dienstag, kurz nach neun Uhr, die Sprechstunde des Teams beginnt. Tuchel eilt die Treppen herunter, um den ersten Klienten abzuholen. Wenig später kommt er zurück, dicht hinter ihm folgt ein älterer Mann, der seine dicke Jacke nicht auszieht. Er setzt sich schwer auf einen Stuhl, atmet mühsam.

Leute wie er sind neben Hartz-IV-Empfängern die zweite große Gruppe, mit der das Team zu tun hat: Alte, die von ihrer Rente nicht leben können und daher Grundsicherung beziehen. Bei denen zahlt zwar das Sozialamt die Miete – es gelten aber dieselben Grenzen wie bei den Hartz-IV-Empfängern.  

„Sie haben ein Problem mit der Hausverwaltung?“, fragt Tuchel. „Nein“, sagt der Mann, „die mit uns.“ Dann legt er die Schreiben seines Vermieters auf den Tisch. Da steht, seine Mietrückstände betragen 483 Euro. „Das kann ich nicht nachvollziehen“, sagt Tuchel, die Miete zahle ja das Sozialamt. Wie kann es da zu der Lücke kommen? Der Mann guckt leer. Er versteht nicht, sagt, er brauche eine Übersetzung. „In welche Sprache?“– „Albanisch.“

Er weiß nur, dass die Hausverwaltung jetzt auf Räumung klagt. „Die sagen: Du musst aus der Wohnung“, sagt er. „Ich bin krank. Herz. Blutdruck. Diabetes.“

Der Mann hat schon eine Anwältin. Tuchel greift zum Telefonhörer und ruft an. Sie sagt, sie habe versucht, bei der Hausverwaltung nachzufragen. Die sei nie zu erreichen. „Ja, das geht doch nicht“, sagt Tuchel. Sie verabreden, dass er mit ihrem Mandanten zu ihr kommt, um zu besprechen, was zu tun ist. Als der Mann gegangen ist, denkt Tuchel kurz nach. Er sagt: „Das ist so ein typischer Fall, wo es leicht zu einer Kündigung kommen kann. Für nichts und wieder nichts.“

Er hat oft mit Mietern zu tun, die kurz davor stehen, ihre Wohnung zu verlieren, obwohl es nicht sein müsste. Weil sie überfordert sind, weil das Jobcenter einen Fehler macht, weil irgendwer irgendwas versäumt hat.

"Ich bin schwerbeschädigt. Ich bin alleine."

Wieder öffnet sich die Tür, es tritt ein alter Mann mit grauem Bart und beigem Anorak ein. Früher war er Diplomingenieur, Maschinenbau, heute bekommt er Grundsicherung zu seiner Rente.
In seiner Wohnung gab es Mängel, also hat er die Miete gemindert. Die Wohnung sei kleiner, als im Vertrag angegeben. Das warme Wasser gehe auch nicht richtig. Der Fall ging vor Gericht, dort wurde die Mietminderung nicht anerkannt. Jetzt will der Vermieter sein Geld. Der Mann hat keins. Inzwischen läuft eine Räumungsklage. Er hat jetzt einen Antrag auf Mietschulden-Übernahme gestellt, aber noch keine Antwort; er würde auch gern vor Gericht in Berufung gehen. „Ich knüppel mich da durch“, sag er.

Tuchel sagt, er habe Adressen von Anwälten, die helfen könnten. Aber erst mal braucht der Mann einen Beratungsschein, dafür muss er zum Amtsgericht. „Ich kann nicht mehr“, ruft er. „Ich bin schwerbeschädigt. Ich bin alleine.“

Er verlässt er das Büro leicht enttäuscht. Er hatte auf eine schnelle Lösung gehofft. Tuchel kann nichts entscheiden. Er kann beraten, vermitteln und dafür sorgen, dass die Menschen mit ihren Anträgen an die richtigen Stellen gelangen.

Der Rentner läuft den Behördenflur herab, ein alter Mann, der langsam kleiner und kleiner wird.

Demnächst Teil 5: Räumungsklagen aufgrund von
Eigenbedarf – ein Fall in Kreuzberg, der Fragen aufwirft