Berlin - Ein Lokal in Kreuzberg. Das Tagesblau weicht schon dem scheueren des Abends. Am Nebentisch hat sich eine Frau niedergelassen und ein Bier bestellt. Sie guckt immerzu auf ihr Smartphone. Ich denke an einen Satz aus einem Buch: „Ein beobachtetes Handy klingelt nicht.“ Doch ihres vibrierte offenbar, denn sie hebt es an ihr Ohr. Zündet sich eine Zigarette an. Ein Leuchten spaziert über ihr Gesicht. Da ruft die Liebe an oder eines ihrer Geschwister.

Ich wende mich meinem Buch zu, weil die Liebe und auch ihre Brüder und Schwestern das Beobachtetwerden noch weniger mögen als ein Telefon. Trotzdem ist es schwer, nicht zuzuhören, denn die Frau spricht in der Deutlichkeit derer, die allein in einer Glaskugel mit sich und der anderen Person sind. Das Glas kann aus Verzauberung, Sehnsucht oder Kummer geblasen sein. In diesem Fall scheint alles darin zu stecken. Das Leuchten wich zunächst ernsten Worten, ein paar Lachern aus enger Kehle, und jetzt weint sie. Immer wieder höre ich „Es geht nicht“ und „Wie soll das gehen?“ Sie raucht unaufhörlich, bestellt wieder ein Bier und mein Herz schmeißt sich in der Brust hin und her wie ein eingesperrtes Tier. Ich kann genug hören, um zu wissen, dass hier zwei keinen Weg zusammen sehen. „Es gibt immer einen“ will ich rufen und weiß, dass das nicht stimmt.

Manchmal lässt das Leben über zweien einen Sternschnuppenregen niedergehen und in dem tanzen sie herum und vergessen alles, auch das Wünschen, und dann hört der Regen auf, wie jeder Regen irgendwann, und sie stehen da, frieren und alles ist falsch. Das Aneinanderfesthalten und das Auseinandergehen, das „Komm her“ und „Geh weg“, das Bleiben und das Weglaufen. Dann sitzen sie verloren vor Lokalen und rauchen und trinken zu viel und weinen und lachen und legen irgendwann ihre Telefone weg. Am Nebentisch wird es still.

Vorsichtig luge ich über mein Buch. Die Frau starrt ins Nichts. Dann schaut sie ihr Telefon an, als wolle sie sagen: „Was war das denn jetzt?“ Die Zigarette verglimmt im Aschenbecher. Da kehrt das kleine Leuchten zurück, umrandet von verwischter Wimperntusche. Die Frau beginnt zu tippen. Ich finde mein Buch plötzlich langweilig. Denke über Alternativlosigkeit, versteckte Pfade und das unergründliche Wesen der Liebe nach. Als ich eine halbe Stunde später aufbreche, tippt die Frau immer noch. Und liest und tippt und liest. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg. Am Morgen, im Tagesblau.