Jemand hat eine Sonnenblume auf den Bürgersteig gelegt. „Frieden in Berlin Neukölln“, steht mit Kreide dazu geschrieben. Ein Stück rot-weißes Polizeiabsperrband liegt nach dem Mord vom Sonntagabend noch neben dem Eingang zum Tempelhofer Feld. Ansonsten erinnert in der Neuköllner Oderstraße am Montagvormittag kaum etwas daran, dass hier am Vortag ein Mensch erschossen wurde.

Der Kiez, so scheint es, ist nach wenigen Stunden zum Normalbetrieb zurückgekehrt. Es ist nicht das erste Mal, dass hier Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Clans ausgetragen werden. Dennoch stellen die tödlichen Schüsse auf Nidal R. eine neue Stufe von Gewalt und Skrupellosigkeit dar.

Bürgermeister Martin Hikel (SPD) spürt raueres Klima

In den Quartieren zwischen Hermannplatz, Sonnenallee und dem Tempelhofer Feld, in denen Alteingesessene, junge Akademiker und Arbeiter mit Migrationshintergrund nicht recht zu einer Bewohnerschaft zusammenwachsen wollen, haben einige Menschen das Gefühl, dass die Agressivität gerade wieder steigt. Dass die Clans ihre Kriege wieder offener führen, nachdem jahrelang vieles im Untergrund ablief.

Auch Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) beobachtet das. „Das Klima in Neukölln und Umgebung wird jeden Tag rauer“, beschreibt er die Situation. Inzwischen spreche man viel mehr über das Gegeneinander als über das Miteinander. In den vergangenen Wochen waren die Konflikte zwischen kriminellen Großfamilien vermehrt offen zutage getretenen. In Britz fielen Anfang September Schüsse aus einem Auto und verletzten zwei Männer schwer, im Graefekiez lieferten sich in der gleichen Nacht 30 Mitglieder zweier Clans eine Massenschlägerei.

Bewohner berichten: Kinder bekommen alles mit

Eigentlich hat Martin Hikel am Montag ins Rathaus Neukölln geladen, um die zu ehren, die sich um das Miteinander kümmern. 17 Frauen erhalten Zertifikate, die sie als neue Stadtteilmütter auszeichnen. Es sind Frauen aus der Türkei und dem arabischen Raum. Sie werden künftig Schulen, Stadtfeste und Familien besuchen, um andere Eltern mit Migrationshintergrund in Erziehungsfragen zu unterstützen.

„Kein Kind soll mehr auf die schiefe Bahn geraten und mit der Welt der kriminellen Banden in Berührung kommen“, sagt die 38-jährige Rania, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will. Das schlimmste sei, ergänzt ihre Freundin Rana, dass die Kinder alles mitbekommen, was an kriminellen Machenschaften im Kiez passiert.

„Mein Sohn ist elf“, sagt Rana. „Heute Morgen hielt er mir das Video vom Tatort unter die Nase, das das Opfer in einer Blutlache zeigt. Er konnte mir auch genau erklären, wer wann auf wen geschossen habe. Die Kinder reden über sowas.“ Die Frauen wollen verhindern, dass die kriminelle Welt von Männern wie Nidal R. die Kinder eines Tages anlockt.

Bekannter von Nidal R. kann kriminelles Verhalten verstehen

Wie schnell das gehen kann, hat Adal vor gut zehn Jahren erlebt. Er heißt nicht wirklich so, besteht aber darauf, selbst seinen Vornamen zu verfremden. Denn er kennt Nidal R., auch dessen jüngere Brüder und viele Mitglieder der anderen arabischen Familien in Neukölln. „Wir sind zusammen groß geworden“, sagt der 23-Jährige, der an diesem Vormittag Besorgungen auf der Hermannstraße macht. „80 Prozent der Leute von damals verdienen heute Geld mit Drogen, Frauen und Überfällen. Die wollen das schnelle Geld.“

Er könne das sogar verstehen. „Es fängt damit an, dass du als Junge ein Handy klaust. Plötzlich hast du 80 Euro in der Tasche, nicht mehr nur zwei. Dann machst du weiter, weil du dir zum ersten Mal ein eigenes Shirt kaufen kannst, anstatt die Klamotten deiner fünf Brüder aufzutragen.“

Adal ist in der Gegend um die Hermannstraße geboren. Er besuchte hier eine Realschule. Es war die Zeit, als an der nahen Rütli-Schule Jugendliche auf Lehrer losgingen und Türen eintraten. Er hing mit seinen Freunden in den Jugendclubs an der Sonnenallee ab, als die jungen Akademiker noch am Kottbusser Tor aus der U8 ausstiegen „Viele Eltern hatten keine Jobs und waren mit zehn Kindern überfordert“, sagt Adal nachdenklich. „Das wäre es, was die Jungs damals gebraucht hätten: Eine Familie, die sich um sie kümmert.“ Dass er rechtzeitig ausgestiegen ist, habe er seinen Eltern zu verdanken, sagt Adal.

Der Tod schockt ihn kaum

Der Tod von Nidal R. schockt den jungen Mann kaum, im Gegenteil: „Das war zu erwarten, er hatte genug Feinde.“ Denn während in den umliegenden Quartieren – im Schillerkiez, im Körnerkiez und im Reuterkiez – vegane Muffinläden und Geschäfte mit pastellfarbenen Vasen öffnen, laufe an den drei Adern des Bezirks – an der Hermannstraße, der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee – noch vieles über Seilschaften aus dem Clanmilieu. Adal berichtet von Schutzgeldzahlungen und Absprachen über die Drogenreviere.

Paul hat davon noch nie etwas mitbekommen. „In den Neuköllner Kiezen laufen bestimmt Sachen im Hintergrund, von denen man denkt, die gibt es in Deutschland gar nicht“, sagt er. Paul ist 38 Jahre alt, trägt eine knallbunte Kette und lebt am Wartheplatz, nur ein paar Hundert Meter vom Tatort. Und doch ist seine Welt meilenweit von jener Welt entfernt, in der sich die Clans bewegen.

Wenig Berührungspunkte

Es ist nicht so, dass es gar keine Berührungspunkte gebe zwischen den neuen Nachbarn, die die hippen Bars schätzen, und den alten, die sich in den Shisha-Kneipen treffen. Man nimmt Pakete an, nickt sich im Flur zu, erzählt Paul. Persönlich wird so ein Verhältnis fast nie. „Vorher habe ich in Kreuzberg gewohnt, da war mehr Gemeinschaft.“ Vielleicht, überlegt er, „sind die Familien in Neukölln noch etwas anders geclustert. Viele sprechen wenig Deutsch, bleiben mehr unter sich.“

Unsicher fühlt sich Paul nie. Man halte inne, wenn ein Verbrechen geschieht wie am Sonntag. Man überlege beim nächsten Mal, wenn man abends einen Knall hört, ob es wirklich ein Böller war. Aber meist hält das nur einige Tage. Ein paar Restaurantbesuche im eigenen Kosmos helfen. „Aber diesmal könnte es anders sein“, sagt er. „Weil man sieht, wozu solche Menschen fähig sind.“ Und weil der Tatort trotz aller Distanz zwischen den Milieus nur ein paar Hundert Meter entfernt ist.