Zwei Zimmer in Berlin für 800 Euro? Findet man, wenn man Immobilienportale überlistet

Unter Hunderten Nachrichten von Mietinteressenten hervorzustechen, ist nicht leicht. Unser Autor hat eine Möglichkeit gefunden, seine Chance deutlich zu erhöhen.

Nils Schniederjann programmierte einen Bot, durch den neue Wohnungsangebote automatisch angefragt wurden.
Nils Schniederjann programmierte einen Bot, durch den neue Wohnungsangebote automatisch angefragt wurden.Sebastian Wells/Ostkreuz

Seit Tagen liege ich krank im Bett, als die ersehnte Mail kommt. Ich rufe, so laut ich kann, meine Freundin kommt mit Maske ins Zimmer: „Welche Wohnung? Welche Wohnung?!“ Ich finde die Adresse, zeige ihr das Exposé. Sie versucht, sich an die Besichtigung zu erinnern: „Ich glaube, da sind wir schnell wieder gegangen, weil wir dachten, dass wir eh keine Chance hätten.“

Und tatsächlich: eine bezahlbare Altbauwohnung mit zwei Balkonen, noch dazu kürzlich saniert und innerhalb des Rings. Als wir bei der Besichtigung zwischen Anzugträgern standen, haben wir uns nicht viel erhofft. Den Erfolg kann ich eigentlich nur auf das kleine Computerprogramm schieben, mit dem ich den Wohnungsmarkt ein wenig ausgetrickst habe. Dass das klappen würde, hätte ich zu Beginn auch nicht geglaubt.

Zwei Monate zuvor sitze ich in meinem Arbeitszimmer in Hildesheim am Schreibtisch und suche zum ersten Mal auf Immoscout24 nach einer Wohnung in Berlin. Fast alle freien Wohnungen, die nicht unter der Hand vergeben werden, landen dort. Mithilfe mehrerer Filter kann ich einstellen, welche von ihnen für mich infrage kommen. Das zu entscheiden, ist zunächst gar nicht so leicht.

Berliner Zeitung/Uroš Pajović

In Hildesheim ist die Wohnungssituation eine völlig andere. Die Stadt kann noch mit günstigen Mieten werben. Was für mich, den es nach Berlin zieht, heißt: Ein eigenes Arbeitszimmer wird es nicht mehr geben. So pingelig wie bei meiner letzten Wohnungssuche, bei der schon Teppichboden als Ausschlusskriterium galt, dürfen meine Freundin und ich nicht mehr sein. Die Filter sind also: zwei Zimmer, bis 800 Euro warm, innerhalb des Rings.

In den ersten Tagen bin ich mit nichts anderem beschäftigt, als minütlich die Seite von Immoscout24 zu aktualisieren. Jedes neue Angebot heißt: schnell klicken und den Anbieter sofort mit einer Standardnachricht kontaktieren. Nach wenigen Minuten ist das Angebot nämlich meist wieder weg. Uniseminare, Bücher, selbst meine Freunde bekommen nur noch einen Bruchteil meiner Aufmerksamkeit. Ich zähle die Sekunden bis zum nächsten Aktualisieren herunter. Oder vielleicht versuch ich’s auch direkt noch mal? Oder jetzt? Aktualisieren, kontaktieren, aktualisieren, kontaktieren … Es sind grausame Tage.

Serie: Wohn-Wahnsinn Berlin
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Mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Jeder, der eine Wohnung sucht und sich keinen Makler leisten kann, durchläuft diesen Prozess. Und jeder macht das auf denselben Plattformen. Eine andere Möglichkeit, Wohnungsangebote zu finden, gibt es praktisch nicht mehr. Die Alternativlosigkeit zwingt wiederum zu Schnelligkeit und steter Alarmbereitschaft. Mehr als 200 Nachrichten gehen in Berlin durchschnittlich pro Wohnung beim Anbieter ein, sagt Immoscout24. Bruchbuden sind so gefragt wie eigentlich unbezahlbare Luxusobjekte.

Gute, bezahlbare Angebote sind noch viel gefragter, die Anbieter dieser Wohnungen bekommen oft mehr als tausend Nachrichten. Und obwohl ich tagelang alle fünf Minuten die Webseite aktualisiere, meinen Standardtext knapp 70 Mal abschicke, warte, hoffe, werde ich zu keiner Besichtigung eingeladen. Zu nicht einer!

Unterdessen rückt mein Auszugsdatum aus der Hildesheimer Wohnung immer näher. Denn gekündigt habe ich schon längst, in sechs Wochen muss ich die Wohnung räumen. Mit diesem zermürbenden Prozess kann es nicht weitergehen. Aber wie kann man ihn umgehen?

Nils Schniederjann ist aus Hildesheim nach Berlin gezogen.
Nils Schniederjann ist aus Hildesheim nach Berlin gezogen.Sebastian Wells/Ostkreuz

Wie wäre es, wenn ich den Prozess automatisiere?

Ich suche zunächst im Internet nach „Immoscout Tricks“. Neben vielen Hinweisen, wie ich mich vor Betrügern schützen soll, stoße ich auf eine Website, auf der jemand ein Programm namens „Immospider“ vorstellt. Es soll dem Nutzer immer dann eine Mail schicken, wenn ein neues Angebot auf Immoscout auftaucht. Eigentlich uninteressant, schließlich bietet die Plattform diese Funktion mittlerweile selbst an.

Doch das Prinzip dahinter bringt mich auf eine Idee: Was wäre, wenn ich den Prozess, der mir all meine Geduld raubt, automatisiere? Wenn ich das ständige Aktualisieren und Anschreiben einfach vom Computer übernehmen lasse? Bei dem Programm, das ich gefunden habe, steht der gesamte Code frei zur Verfügung. Müsste man ihn nicht bloß leicht anpassen und könnte sich so viel Mühe sparen?

Ich bin kein guter Programmierer, bringe aber durch verschiedene Nebenjobs ein bisschen technisches Verständnis mit. Ich versuche darum, weitere Programme zu finden, aus denen ich mir die notwendigen Bestandteile zusammenkopieren kann. Verschiedenste Anleitungen entdecke ich online unter dem Stichwort „Webscraping“. So nennt man das automatisierte Abgreifen von Daten im Internet. Einige der Anleitungen beziehen sich sogar gezielt auf die Immobilien-Plattform. Andere Leute kamen also schon vor mir auf die Idee.

Am Ende ist es noch simpler als gedacht. Ich installiere schlicht eine Browser-Erweiterung auf meinem Computer, die alle Ergebnisse, die meinen Kriterien entsprechen (zwei Zimmer, bis 800 Euro warm, im Ring), durchsucht. Ich lege dort einen Ist-Zustand fest – die Website mit den derzeitigen Ergebnissen – und fordere den Computer auf, immer dann zu handeln, wenn sich dieser Zustand ändert. Von nun an klickt mein Computer immer auf „Anbieter kontaktieren“, wenn eine neue Wohnung hinzukommt, und sendet eine von mir vorgefertigte Nachricht.

Schniederjann hat eine Altbauwohnung innerhalb des S-Bahn-Rings gefunden.
Schniederjann hat eine Altbauwohnung innerhalb des S-Bahn-Rings gefunden.Sebastian Wells/Ostkreuz

Kein Wohnungsangebot geht mir mehr durch die Lappen

Mit einem Mal ist alles einfacher. Ich kann mich zurücklehnen. Eine Nachricht, in der steht, dass ich doch wirklich sehr an der Wohnung interessiert sei, geht alle paar Minuten an einen neuen Anbieter raus. Und: Diesmal kommen sogar Antworten! Dank des Eifers meines kleinen virtuellen Programms werde ich zu echten Besichtigungen eingeladen. Es gibt kein Angebot mehr, das mir durch die Lappen geht. Wird eine passende Wohnung in Berlin angeboten, habe ich mich auf jeden Fall auf sie beworben – beziehungsweise mich auf sie bewerben lassen.

Beinahe täglich sitze ich jetzt im Zug und fahre nach Berlin. Irgendwann bilde ich mir sogar ein, die verschiedenen Mais-Monokulturen auf der Strecke Hildesheim–Berlin unterscheiden zu können. In Prenzlauer Berg schleime ich mich bei Maklern in Altbauwohnungen ein. In Wedding behaupte ich, die Wohnung ohne Boden und Putz sehr gern selbst professionell renovieren zu können. Und im Hintergrund versendet meine Anfragen-Maschine munter weiter Nachrichten. Es läuft also gut! Denke ich zumindest.

Anscheinend haben nicht alle Anwender solcher Programme bloß das hehre Ziel, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Anleitungen, um mithilfe der abgegriffenen Daten besonders lukrative Immobilien zu finden, gehören noch zu den harmloseren Projekten. Daneben gibt es auch den Versuch, an geschützte Daten von Nutzern zu gelangen. Auch von Immoscout24 heißt es, man habe mit jeder Art von Betrug und Angriff zu tun. „Schließlich sind wir Marktführer in einem Segment, in dem die Menschen am meisten private Daten zur Verfügung stellen“, sagt mir ein Sprecher am Telefon. Um welche Arten von Betrug es genau geht, möchte er nicht verraten.

Auch zu genauen Gegenmitteln äußert sich die Plattform nicht. Was aber zu merken ist: Durch immer komplexere Hürden will die Plattform offenbar auch das automatisierte Abrufen von Daten verhindern. Mein Programm jedenfalls wird irgendwann von einem sogenannten Captcha aufgehalten. Durch solche kleinen Programme versuchen Websites zwischen Mensch und Roboter zu unterscheiden. Normalerweise löst man dazu kleine Aufgaben wie das Identifizieren von Ampeln und Bussen auf Fotos. Das wäre für meinen Anfragen-Bot an sich kein Problem: Mittlerweile gibt es Programme, die diese Aufgaben für wenige Euro automatisiert lösen können. Ich könnte das Programm für den Preis einer Tasse Kaffee bis zu 1000 Mal beweisen lassen, dass es ein Mensch ist – und das, ohne einen Finger zu rühren.

Immoscout24 aber setzt meinem Programm mit neuester Technik ein Ende. Zweifelt die Website am Status des Nutzers, wird er nun aufgefordert, ein Puzzleteil einzufügen oder kleine Fragen zu beantworten. Dieser Schutz ist wohl auf Immoscout24 maßgeschneidert, nirgendwo finden sich Programme, die ihn umgehen können. So soll wohl der Schutz gegen Spammer verbessert werden: „Wir versuchen, böse Bots auszusperren und Nutzer nicht durch zu viele Sicherheitsmaßnahmen abzuschrecken“, sagt der Sprecher. Wodurch sich für mich eine Frage stellt: Zu welcher Gruppe gehöre ich mittlerweile eigentlich?

600 Nachrichten mithilfe des Programms

Bin ich aus Versehen zu einem der Bösen geworden? Das frage ich den Immoscout24-Sprecher. Er sagt: „Es ist ein Unterschied, ob man das wirklich nur macht, um sich ein paar Handgriffe zu sparen, oder das schon in gewerbsmäßigem Stil betreibt.“ Und auch der Mieterschutzbund beruhigt mich rückblickend. Er rät potenziellen Mietern, sich zunächst auf möglichst viele Angebote zu bewerben: „Absagen können Sie später immer noch.“ Das denke ich mir auch und umgehe die Hürde schließlich ganz einfach: Alle paar Minuten greife ich händisch ein und setze das Puzzlestück an die richtige Stelle. Den Rest übernimmt weiterhin der Computer.

Ein Bot übernahm das Sichten der Angebote und versendete Anfragen.
Ein Bot übernahm das Sichten der Angebote und versendete Anfragen.Sebastian Wells/Ostkreuz

Eine wirkliche Lösung für das Wohnungsproblem ist all das nicht. Auch Immoscout24 warnt erwartungsgemäß vor dem, was passieren würde, wenn immer mehr Menschen zu meiner Lösung griffen: „Das würde die Lage auf dem Wohnungsmarkt noch weiter verschlimmern. Viele Menschen würden sich dann auf Wohnungen bewerben, die eigentlich überhaupt nicht zu ihnen passen.“

Die Frage ist bloß: Tun sie das nicht sowieso schon? Ich habe mir die Wohnungen auch ohne Hilfe des Computers erst nach der Kontaktaufnahme angeschaut. Zu groß ist schließlich die Gefahr, ein gutes Angebot zu verpassen. Mithilfe des Programms verschicke ich schließlich mehr als 600 Nachrichten, bevor meine Suche abrupt unterbrochen wird.

Nach fünf Jahren im beschaulichen Hildesheim ist mein Immunsystem wohl noch nicht an Berliner Verhältnisse angepasst. Nach einer Besichtigung am Vormittag fühle ich mich schon im Zug schlapp. Zu Hause bestätigt sich der Verdacht: Corona. Zwei Wochen ohne neue Chance auf eine Wohnung. Obwohl mein Auszug nur noch vier Wochen entfernt ist. Sobald ich es aus dem Bett schaffe, müsste ich eigentlich mit dem Packen beginnen. Die Anfragen-Maschine läuft weiter, die Besichtigungstermine muss ich verstreichen lassen.

Nach einer Woche, in der ich fiebrig und hustend im Bett lag, kommt plötzlich die erlösende Mail: „Angebot zum Mietvertragsabschluss“. Meine Freundin und ich atmen auf, als wir uns gemeinsam das Exposé anschauen. Gerade noch rechtzeitig haben wir es geschafft. Schnell läuft meine Freundin zum Drucker, wir unterschreiben den Vertrag und schicken ihn noch am selben Tag nach Berlin.

Ich fühle mich wie Herkules: Wenn ich durch ein kleines Computerprogramm eine bezahlbare Wohnung in Berlin gefunden habe, was wäre dann noch alles möglich? Ein Programm, das die Hausverwaltung dazu bringt, endlich den blätternden Putz in meiner Wohnung zu erneuern? Eines, durch das sich die riesigen Distanzen, die man in dieser Stadt für jede Kleinigkeit zurücklegen muss, reduzieren lassen? Mein Größenwahn holt mich nach einer kurzen Suche ein: Um diese Probleme zu lösen, ließen sich leider keine Programme auftreiben, aus denen ich mir die richtigen Teile nur zusammenkopieren müsste.