Frankfurt/Oder - Kann Stefan T. im Oktober 2012 so entführt worden sein, wie es das Opfer geschildert hat? Wurde der Manager von seinem Entführer mit einem Kajak am Heck hängend über den Storkower See gezogen, um dann auf einer Schilfinsel mehr als 30 Stunden gefangen zu sein? Die Kriminologin Bettina Götze aus Magdeburg sagt: Nein. Sie hat in einer Analyse der ersten Aussagen des Entführungsopfers Widersprüche gefunden und der Polizei gemeldet. „Es gibt einige Zweifel am Aussagegehalt des Opfers“, sagt sie.

Am Donnerstag muss die 35-Jährige im sogenannten Maskenmann-Prozess vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) stundenlang Rede und Antwort stehen. Die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Nebenkläger, der Opfer des Maskenmannes, stellen kritische Fragen zu der Analyse, zur Ausbildung der Kriminologin, zu deren auffällig drastischer Wortwahl, zu Urteilen, die aus Sicht der Anklage und Anwälte nicht belegt sind. Bettina Götze muss immer wieder erklären, dass sie kein Gutachten erstellt habe.

Sie habe dazu auch keinen Auftrag erhalten. Sie sei von der Kripo aus Frankfurt (Oder) angerufen worden. „Schau doch mal auf die Unterlagen, ob die Entführung so abgelaufen sein kann, wie Stefan T. es angegeben hat“, soll der Chef der Mordkommission sie gebeten haben. Bettina Götze hat ihm den Gefallen getan und ihre Eindrücke auf 20 Seiten zu Papier gebracht.

Es sei eine Erstanalyse der ersten Vernehmungen von Stefan T., die den Ermittlern Anhaltspunkte für deren weitere Arbeit liefern sollte, sagt sie. Wie brisant ihre Angaben offenbar waren, zeigt die Aussage eines Beamten des Landeskriminalamtes, die an diesem Prozesstag auch zur Sprache kommt. Ihre Analyse sei eine erhebliche Gefahr für die Verurteilung von Mario K., soll der Mann gesagt haben.

Keine Zweifel an der Entführung

Der gelernte Dachdecker Mario K. muss sich wegen versuchten Mordes und erpresserischen Menschenraubs vor Gericht verantworten. Der 47-jährige mehrfach vorbestrafte Mann soll 2011 in Bad Saarow die Gattin und die Tochter eines Berliner Immobilienunternehmers überfallen und dabei einen Leibwächter niedergeschossen haben. Ein Jahr später soll er den in Berlin tätigen Investmentbanker Stefan T. mit Waffengewalt aus seinem Wochenendhaus in Storkow verschleppt haben, um eine Million Euro Lösegeld zu erpressen. Es gibt keine Beweise, nur Indizien.

An der Entführung von Stefan T. gibt es wohl kaum Zweifel, die Ehefrau und der neunjährige Sohn waren Zeugen der Tat. Bettina Götze aber wundert sich, dass Stefan T. schon beim Anblick des Täters einen Pullover angezogen hat. „Woher wusste er, dass es sich um eine Entführung und nicht um einen bloßen Überfall handelt?“, fragt sie. Und warum soll der Täter sein Opfer so umständlich verschleppt und es bei Dunkelheit mit einem Kajak über einen See gezogen haben? „Der Täter geht damit ein unnötiges Risiko ein, dass sein Opfer im Wasser landet und die Situation außer Kontrolle gerät“, sagt die Kriminologin.

Merkwürdig findet sie auch, dass der Täter Stefan T. nach einem Ortungsgerät absuchen wollte, selbst an den intimsten Stellen. „Stefan T. wusste doch nicht, dass er entführt wird, warum soll er dann ein Ortungsgerät bei sich haben?“, so Bettina Götze. Für sie bleibe übrig: Entweder sage das Opfer nicht die Wahrheit, oder der Täter sei sehr naiv oder sehr vorsichtig.

Für Stefan T.s Anwalt Panos Pananis gibt es dagegen keine Widersprüche in den Angaben seines Mandanten. Man merkt ihm an, dass er die Aussagen der Kriminologin für hanebüchen hält. Er bringt die Kriminologin dazu, ihre Aussage, Stefan T. sei eine narzisstische Persönlichkeit, zurückzunehmen. Er sagt in Bezug auf die Vorgehensweise des Täters, dass es sich bei dem Angeklagten Mario K. durchaus um einen sehr vorsichtigen Menschen handelt. „Warum sonst sollte er seine Wohnung mit Chlorreiniger reinigen, so dass dort keinerlei Spuren gefunden werden konnten?“, fragt er.

Jakob Danckert, der Anwalt der überfallenen Unternehmergattin, wirft der Kriminologin sogar vor, die Unwahrheit zu sagen. Er sagt, die Sachverständige habe keine Akteneinsicht und ihre Informationen über den Fall lediglich aus den Medien bezogen.

Die Befragung der Kriminologin wird an einem der nächsten Verhandlungstage fortgesetzt. Dann werden auch die Verteidiger des Angeklagten zu Wort kommen.