Eine Schlange vor der Kasse der Supermarktkette Konsum. 
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Berlin Die Atmosphäre beginnt sich zu erwärmen, als das mit dem Ei passiert. Nicht die behagliche Sorte Wärme, die von einem Heizkörper oder einem lieben Wort ausgeht, sondern die andere. Die zu Hitze wird und sich im Gewitter entlädt.

Bevor das mit dem Ei passiert, waren alle in der Schlange recht geduldig. Obwohl der junge Mann hinter der Kasse ständig Fragen an die ältere Kollegin hat. Doch dann öffnet er den Eierkarton und sieht, dass eines kaputt ist. Er ist unschlüssig, ob er selbst einen neuen Karton holen oder die Kundin bitten soll. Die Kollegin sagt: „Komm, ich gehe und du machst hier weiter.“

In beiden Schlangen wird mit den Füßen gescharrt, die Uhrzeit gecheckt, gemurrt. Der Azubi bekommt rote Flecken im Gesicht, die Kundin kramt in ihrem Portemonnaie. Entschuldigt sich, dass sie ihre EC-Karte nicht dabei habe und setzt zu weiteren Erklärungen an. Das Murren wird lauter – bis ein Mann brüllt: „Jetzt reicht’s! Blöde Laberei hier, echt, ey!“ Er donnert seinen Korb auf den Boden und verlässt rempelnd das Geschäft. Schlagartig ist es still.

Mehr Informationen, Weniger Wissen

Die Kundin und der Azubi sehen aus, als ob sie gleich anfangen zu weinen. Die Kollegin nennt seufzend einen Betrag. Sie wirkt müde. Dabei hat der Advent gerade erst begonnen. Am besten wäre es, jemand erzählte jetzt einen Witz, denke ich. Er müsste nicht mal gut sein. Allein die Tatsache, dass in einer total verspannten Supermarktgesellschaft nach dem dramatischen Abgang eines Teilnehmers jemand einen Witz erzählt, würde wohl die meisten zum Lachen bringen.  

Ich selber traue mich nicht. Aber eine ähnliche Szenerie vor ein paar Jahren fällt mir ein. Die Schlange war endlos, das Kind noch klein. Als Unruhe aufkam, rief es: „Zweite Kasse bitte!“ und traf genau den Ton, den man aus dem Lautsprecher kennt. Alle lachten. Eine zweite Kasse machte nicht auf. Aber das spielte keine Rolle mehr. Oft lese ich, dass der Mensch zwar immer mehr Informationen habe, aber immer weniger wisse.

Für ungeplanten Dialog kaum Platz

Ich glaube, das gilt auch für das spontane Gespräch. Ununterbrochen wird kommuniziert, aber für den ungeplanten Dialog ist kaum Platz. Dem Hinweis „Lesedauer: 5 Minuten“ über Texten im Netz steht ein unsichtbares „Dauer für jede Interaktion maximal 2 Minuten“ in vielen Alltagssituationen zur Seite. Am Bahn-, Bank- oder Infoschalter. Beim Bäcker. In Geschäften. Oft suchen aber gerade an diesen Orten Menschen nach Austausch.

In der niederländischen Stadt Vlijmen, las ich kürzlich, wurde in einem Supermarkt eine „Kletskassa“ eingerichtet. Eine Plauderkasse. Wer sich dort anstellt, bringt Zeit mit, und die Kassierer haben sie auch. Denn gerade in der Weihnachtszeit falle dem Personal auf, wie viele Menschen im Markt einsam sind. Zweite Kasse bitte? Ich wünsche mir Plauderkassen, überall in der Stadt. Nicht nur für die Einsamen, sondern für eine andere Sorte Wärme. Die sich nicht in Gewittern entlädt. Sondern in Gelächter nach einem Witz.