Die Angeklagten mit ihren Rechtsanwälten im Landgericht Berlin.
Foto: imago images/Olaf Wagner

BerlinGenau 35 Minuten dauert der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen vier Brüder des Abou-Chaker-Clans. Zehn Minuten davon entfielen auf die Forderung der Verteidiger nach mehr Platz für ihre Akten. Durch die Trennscheiben aus Plexiglas sei es ihnen nicht möglich, all ihre Unterlagen auszubreiten. Die Scheiben wurden abgebaut, die angeklagten Brüder Arafat, Nasser und Rommel Abou Chaker rutschten enger zusammen, nachdem sie versichert hatten, sich ohnehin ständig zu treffen.

Gemeinsam mit ihrem vierten Bruder Yasser werden ihnen unter anderem diverse Straftaten gegen den Rapper Bushido vorgeworfen.

Deshalb ist das öffentliche Interesse an dem Prozess groß. Doch liest man die Vorwürfe der Anklage, die drei Tatkomplexe umfasst, muss man sich fragen, warum der Prozess nicht vor dem Amtsgericht, sondern gleich vor dem Landgericht stattfindet. Zwar werden den vier Angeklagten Taten vorgeworfen, die sich durchs gesamte Strafgesetzbuch ziehen: Nötigung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, falsche Verdächtigung, Verleumdung, Beleidigung, verbotene Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen, falsche Versicherung an Eides statt, Verstoß gegen das Waffengesetz, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Verstoß gegen Weisungen und – weil Arafat Abou Chaker etliche Gespräche auch mit Polizisten heimlich aufgezeichnet und anschließend veröffentlicht haben soll – auch Fälle von Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes.

Andererseits bewegt sich die Schwere der Vorwürfe eher auf einem unteren Level: So soll der Rapper, der sich im Winter 2017/2018 zu Gesprächen über die Höhe der Abfindung von Arafat Abou Chaker in das Büro des gemeinsamen Plattenlabels bushidoersguterjunge begeben haben und dort eingeschlossen worden sein. Allerdings befand er sich die gesamte Zeit in einem Raum mit dem Clanchef und seinen Brüdern. Des Weiteren sollen eine Wasserflasche und ein Stuhl auf Bushido geworfen worden sein. Der Rapper wurde verletzt, musste aber wohl nicht ärztlich behandelt werden.

Normalerweise würden solche Vorwürfe vor dem Amtsgericht geklärt. Doch seit einigen Jahren bemüht sich die Justiz zunehmend, dem organisierten kriminellen Treiben der arabischstämmigen Clans Einhalt zu gebieten. Dazu gehört auch, weniger schwere Delikte gleich vor der höheren Instanz zu verhandeln.

Dort lief man sich am Mittwoch erst einmal warm. Der Stoff des aktuellen Prozesses ist nicht das Einzige, womit sich die Justiz im Streit Bushido gegen Abou Chaker beschäftigen muss. Die beiden Parteien sollen sich mit weiteren Anzeigen überzogen haben. So mussten der Rapper und seine Frau Anna-Maria von Mitte 2018 bis Mitte 2019 mehr als ein Dutzend Vernehmungen bei der Polizei absolvieren. Es ging um den Vorwurf der Geldwäsche, der sich jedoch nicht erhärtete. Dafür ergaben sich aus Bushidos Angaben Verdachtsmomente für etliche Verfahren gegen die Abou Chakers und andere aus deren Umfeld. Von diesen etwa 20 Ermittlungsverfahren wurden einige, aber nicht alle eingestellt, sagt Gerichtssprecherin Lisa Jani.

Die Anwälte wollen nun Bushidos Angaben bei der Polizei lesen. Dies dürfen sie aber nur, antwortete ihnen Oberstaatsanwältin Petra Leister, wenn sie genau angeben können, welche Angaben des Rappers im Geldwäsche-Verfahren mit den Vorwürfen rund um die Trennung vom Clan-Chef zu tun haben sollen. Die Verteidiger werden das Thema damit sicher nicht für beendet erklären.

Einzige Zeugin am zweiten Verhandlungstag ist Ghadir Abou Chaker. Die Ehefrau des in Untersuchungshaft befindlichen Yasser Abou Chaker erscheint mit Anwalt. Sie trägt Kopftuch, das sie sich schützend vors Gesicht hält. Die 32-Jährige sollte etwas zu dem Streit um ihre drei kleinen Kinder sagen können. Im November 2018 soll Yasser Abou Chaker nämlich zwei seiner Kinder gegen den Willen seiner Frau von Dänemark nach Berlin gebracht haben. Seine Frau wehrte sich dagegen. Daraufhin versicherte Yasser Abou Chaker vor dem Amtsgericht Potsdam laut Anklage wider besseren Wissens und an Eides statt, seine Frau habe zugestimmt, dass er das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht bekäme.

Mittlerweile läuft ein Sorgerechtsverfahren um die Kinder, doch Ghadir Abou Chaker macht von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage gegen ihren Mann zu verweigern. Ein Justizwachtmeister will gesehen haben, dass die Zeugin beim Verlassen des Gerichtsgebäudes weinte.

Am kommenden Montag soll nun Bushido angehört werden. Die Rollen sind klar: Bushido muss erzählen, die Abou Chakers dürften schweigen.

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